2

Unterwegs im Royal Natal Nationalpark in Südafrika Klettern und Kulturwandern in den Drakensbergen

Wer Südafrika nur mit sandiger Wüste oder Weinbergen am Kap verbindet, der liegt falsch, denn am unteren Zipfel des Kontinents gibt es auch namhafte Gebirge. Die Drakensberge zum Beispiel ziehen sich einmal quer durch das Land, das Massiv ist über 1000 Kilometer lang. Die höchsten Gipfel mit fast 3500 Metern befinden sich allerdings hinter der Grenze zur Enklave Lesotho.

Von: Folkert Lenz

Stand: 21.12.2019

Unterwegs im Royal Natal Nationalpark in Südafrika  | Bild: BR; Folkert Lenz

Besonders wuchtig und eindrucksvoll wirken die „Drachenberge“ im Royal-Natal-Nationalpark. Kenner wissen, dass sich hier ein Paradies für Bergwanderer versteckt, und zwar mit durchaus eigenwilligen Wegen wie den legendären Kettenleitern am gigantischen Amphitheater oberhalb des Tugela-Canyons. Wir starten hier auf 2400 Meter Höhe und gehen bis auf 3000 Meter hoch, zunächst auf einem Zickzackweg. In der Regel dauert diese Tour sechs Stunden, erklär Zee Ndaba. Die südafrikanische Bergführerin – die einzige schwarze in ihrem Land übrigens – steht an einem Felsabbruch. Durchgeschüttelt von einer rumpeligen Jeep-Fahrt muss ihre Wandergruppe jetzt erstmal auf die Beine kommen. Auf die Hochebene der Drakensberge soll es gehen, wo das Wasser des Tugela spektakulär fast 1000 Meter in die Tiefe stürzt. Doch der Blick zum Plateau wird noch vom Wächterberg, dem Sentinel, versperrt - und von einer Wolkenkappe. Die hängt häufig hier, weiß der Trekking-Guide Hannes de Vries aus Erfahrung, denn das Wetter kann sich hier an dieser fast 1000 Meter hohen Felsstufe schnell ändern. Die feuchte Luft kommt vom Indischen Ozean, kondensiert an der Kante und dann regnet es.

Die Drakensberge sind ungewöhnlich grün - trotz ihrer Höhe.

Noch ist es trocken. Weil hier jedes Jahr zigtausend Wanderer den Aufstieg in die Drachenberge wagen, ist der steile Pfad zu Beginn mit flachen Steinen ausgelegt – alpines „Kopfsteinpflaster“ sozusagen. Es bleibt auch Zeit, um an den blühenden Rosen zu schnuppern. Zwischen rotbraunen Felswänden aus Basalt suchen sich die Wanderer dann ihren Weg. In der anderen Richtung kann der Blick ungehindert über die Ebenen von KwaZulu-Natal schweifen. Das satte Grün von Büschen und Bäumen liegt über der Landschaft, die sich mit Hügelketten, Schluchten und Flusstälern bis zum Horizont erstreckt. In der Ferne blinkt ein See, der aussieht wie der Fußabdruck einer Echse: „Fika-Patso“ nennen die Zulu den See - Drachentatzensee.

Einmal 30, einmal 20 Meter hoch, führen die beiden Kettenleitern in die Höhe.

Wegen seiner Felstürme und steilen Kämme heißt das Berggebiet in der Zulu-Sprache auch „Ukhahlamba“, die „Wand der aufgestellten Speere“. Jetzt soll es nach ganz oben auf diese Wand gehen. Der Bergpfad schlängelt sich über Geröll und Steinplatten, bis er vor einem Felsaufschwung abrupt endet. Ältere Wanderer und jugendliche Abenteurer, Mädchen, Jungen, Schwarze und Weiße warten unterhalb der so genannten „Chainladders“. Die waghalsige und wackelige Konstruktion aus Metallringen, Ketten und Sprossen führt vertikal in die Höhe. Einmal 40, dann noch einmal 30 Meter klettert man über die schwankenden Kettenleitern hinauf. Man muss sich gut festhalten und sollte keinen Fehltritt machen. Ist das Hochplateau mit der Aussichtskanzel erreicht, belohnt ein grandioser Blick alle Mühen. Bergführerin Zee zeigt auf die umliegenden Gipfelzacken, die wie ein Amphitheater wirken. Ein Fels sieht aus wie zwei betende Hände, heißt aber Teufelszahn.

Noch eine Viertelstunde führt der Steig am Bach entlang, dann endet der Weg an einer kilometerlangen Abbruchkante, an der ein Rinnsal in die Tiefe tröpfelt. Normalerweise bilden hier die mächtigen Kaskaden des Tugela Falls den zweithöchsten Wasserfall der Welt, doch in dieser Jahreszeit fällt der Blick des Wanderers nur noch in ein bodenloses Nichts.

Am Ende führt der Weg flach zum oberen Ende des berühmten Tugela-Wasserfalls.

Untrennbar mit den Drakensbergen verbunden sind die Zulu. Sie gelten in Südafrika als Kriegervolk und sind die größte Volksgruppe im Land. Jeder fünfte Einwohner – rund 12 Millionen Menschen – bezeichnet sich heute selbst als Zulu. Die meisten von ihnen leben in der Provinz KwaZulu-Natal und damit in der Region, in der die südafrikanischen Berge am höchsten sind. Für Kulturinteressierte lohnt sich der Besuch in einem modernen Zulu-Dorf am Rande der Drakensberge.

Die Kinder in Mazizi freuen sich über Abwechslung.

Die Kinder, die im Baum auf dem Dorfplatz sitzen und singen, freuen sich über jeden Besuch, denn Abwechslung ist willkommen in Mazizi am Fuße der Drakensberge. Über der Kleinstadt wachen die mächtigen rotbraunen Berge des Royal-Natal-Nationalparks. Auf den Terrassen an den Bergflanken wohnen rund 5000 Menschen in dem Zulu-Bergdorf. Zwischen Feldern, die sich als grüne und gelbe Farbinseln in die Landschaft legen, sind quadratische Lehmhäuser mit Blechdach zu sehen, aber auch traditionelle Hütten in Rundbauweise mit Grasdächern.

Die Hirtenjungen aus dem nahen Lesotho kommen gerne über die Grenze, weil ihre Ziegen hier oben feines Futter finden.

Sufiso Luvuno startet mit einem kleinen Benimm-Kurs für die ausländischen Gäste, bevor er sie sein Heim betreten lässt. Man darf nicht einfach hineingehen, man stellt sich an das Tor und ruft den Familiennamen. Dann kommt meistens der Mann heraus, heißt den Besucher willkommen und fordert ihn auf einzutreten. Männer werden gebeten die Hüte abzunehmen und sich auf der rechten Seite aufzustellen, Frauen auf der linken Seite. Luvunos Wohnhaus ist ein so genanntes Rondavel, eine Rundhütte. Die Mauern bestehen aus Lehmziegeln, das Dach ist mit schilfartigem Gras gedeckt. Der Boden im Inneren wirkt wie blitzblank polierter Beton, besteht aber aus festgetretenem Lehm, vermischt mit Kuhdung. Die Rundhäuser dienen zugleich als Küche, Wohn- und Schlafzimmer. Das Strohdach hat den großen Vorteil, dass es vor der Hitze draußen schützt und die Rundhütte angenehm kühlt.

Für Zee Ndaba eines Ihrer Lieblingsorte in den Drakensbergen: das Amphitheater.

Auf den meisten Grundstücken in Mazizi aber stehen zwei Hütten. Nur eine ist zum Wohnen für die Familien gedacht, die andere wird „Granny´s House“ genannt, das „Heim der Großmutter“ – gemeint sind damit die Vorfahren. Dieses Haus steht leer, wer es als Fremder betreten darf, erfährt eine große Ehre, da es sich um das Familien-Heiligtum handelt. Bis heute spielt die Ahnenhütte eine wichtige Rolle für die Zulu, auch Luvuno besucht die Hütte regelmäßig, vor allem wenn er bestimmte Pläne oder etwas Großes vorhat. Dann führt er hier eine Zeremonie durch, zündet Räucherware an und spricht zu seinen Vorfahren. Die Ahnen sind eine Art Vermittler zwischen den Menschen und Gott. Sie kommunizieren mit ihm, erklären die menschlichen Angelegenheiten und kehren dann zurück. Wer als Besucher dann aus dem Halbdunkel des Rondavels wieder ins Sonnenlicht hinaustritt, der kehrt aus dem Schattenreich der Mythen auch zurück ins Hier und Jetzt – und zu den singenden Kindern von Mazizi.

Karte: Royal-Natal-Nationalpark

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Royal-Natal-Nationalpark


2