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Klettertour auf die Große Zinne Auf den Spuren der Erstbesteiger vor 150 Jahren

Unter den berühmten Bergen der Welt zählt die Große Zinne zu den berühmtesten: Der Beinahe-Dreitausender ist der Mittelgipfel im Trio der Drei Zinnen, deren Nordwände Schauplatz überragender Kletterabenteuer bis heute geblieben sind. Vor genau 150 Jahren aber ging es darum, überhaupt einmal hinaufzukommen. Und dieser Gipfel ist bis heute ein Ziel für jeden Bergsteiger geblieben.

Von: Georg Bayerle

Stand: 16.08.2019

Dolomiten: Unbegrenzter Blick in alle Richtungen | Bild: BR/Georg Bayerle

Damals war ein förmlicher Wettlauf um die Erstbesteigungen der Dolomitengipfel entbrannt. Der Mitbegründer des Österreichischen und des Deutschen Alpenvereins, der Wiener Paul Grohmann, war der Protagonist dieses Wettlaufs und am 21. August 1869 stand er mit seinen Begleitern erstmals auf der Großen Zinne. Heute beginnt das Abenteuer für viele Aspiranten auf dem Parkplatz beim Rifugio Auronzo; der Sextener Bergführer Herbert Summerer packt den Rucksack und ist kurz angebunden, denn er muss die Klettertour mit seinen beiden Gästen vorbereiten, die vor der großen Tour etwas unruhig geschlafen haben.

Cristallo im Morgenlicht

Auch für die Sextener Bergführer gibt das 150-jährige Jubiläum der Erstbesteigung der Tour noch einmal eine besondere Note. Heute kommen die Bergführer meist erst frühmorgens die sündteure Mautstraße zum Rifugio Auronzo hinauf. Von der Gastlichkeit der Hütte her lohnt sich die Übernachtung hier nicht, doch die Atmosphäre im Abend- und Morgenlicht mit dem Blick zum Cristallo, den Cadinspitzen und den Drei Zinnen über dem Dach macht das Erlebnis noch intensiver, auch für die, bei denen ‚nur’ eine Umwanderung der Drei Zinnen auf dem Programm steht. Sie gehört zu den beliebtesten Touren überhaupt in den Dolomiten.

Von der Südseite am Parkplatz her schauen die Drei Zinnen mit ihren gestuften Dolomit-Bänken wesentlich gangbarer aus als in ihrer Parade-Ansicht von Norden. Es liegt auf der Hand, dass der Wiener Privatalpinist Paul Grohmann und vor allem der einheimische Sextener Bergsteiger Franz Innerkofler von hier einen Zugang gesucht haben. Auf ihren Spuren wollen wir als Vater-Sohn-Seilschaft hinauf. Als guter Kletterer hat Peter am Vorabend die Routenbeschreibung genau studiert und freut sich auf abenteuerlich klingende Stellen wie einen Holzblock im feuchten Kamin. Nachdem wir den Rundwanderweg verlassen haben, wird es anstrengend im steilen Schutt hinauf in die Rinne zwischen Großer und Kleiner Zinne. Mit jedem Schritt wird die vertikale Architektur dieser geologischen Wolkenkratzer beeindruckender.

Im unteren Wandteil der Großen Zinne

Dann geht es zunächst noch leicht über einer Schlucht durch gut gestuften Fels hinauf, auf dem eine Kaltfront am Vortag eine Schneeauflage hinterlassen hat. Trotz südlichem Klima zeigt sich auch im August immer wieder der Charakter des Hochgebirges. Schnell aber wärmt die Sonne den Fels auf, wo sich die Route entlang deutlich sichtbarer Abnutzungsspuren am Fels abwechslungsreich hindurchschlängelt. Die geführten Gruppen haben einen Seiteneinstieg genommen, so dass wir längere Zeit auf niemanden treffen – was gut ist, denn von anderen Bergsteigern ausgelöster Steinschlag zählt zu den Gefahren bei diesem Aufstieg und auch mit Beschreibung und Besteigungsspuren ist es immer noch spannend, selbst den Weg zu suchen. Der landschaftliche Eindruck ist überwältigend, hoch, mit freiem Blick und luftig, während wir mal über ein steiles Wändchen kraxeln, dann durch eine feuchte Rinne schrubben.

Das letzte Stück auf diesen lotrechten Turm ist dann erstaunlich unspektakulär: über ein gut gestuftes Gipfeldach, das wir dann gemeinsam mit Michl Amrasser erreichen, Bergführer aus Kals am Großglockner, der seine Eltern hinaufgeführt hat, ein Geburtstagsgeschenk für die Mama, die freudestrahlend das Gipfelkreuz erreicht. Eine lange Gipfelstunde bleiben wir oben, immer wieder angezogen vom magischen Tiefblick auf der Nordseite und hinüber zur Westlichen Zinne. Der Rundblick reicht von den Gletscherbergen der Zillertaler bis in die steinerne Architektur der Sextener Dolomiten und dahin, wo die Alpen im Süden verebben.

Fast ehrfürchtig steht man da, so groß und unantastbar wirkt diese Landschaft und der Rückweg verlangt auch noch einmal die volle Konzentration, auch wenn er durch einige Abseilstellen erleichtert wird. Ein erfüllendes Erlebnis, das Worte erst einmal gar nicht ausdrücken können, meint Peter und lässt es ganz still bei sich, zurück unter den zahlreichen Wanderern auf dem Rundweg, lange nachwirken.

Karte: Große Zinne

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Karte: Große Zinne


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