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Bouldern in der Corona-Krise Geschlossene Kletterhallen und der Run auf echten Fels

Monatelang sind sie jetzt schon wieder zu: die Kletter- und Boulderhallen in Bayern. An Training oder Spaß an den Kunstgriffen ist gerade nicht zu denken. Immer mehr Menschen, die das Klettern oder Bouldern für sich entdeckt haben, weichen deshalb nach draußen an echten Fels aus. In einigen Boulder-Gebieten im Freistaat herrscht mehr Betrieb als früher, auch jetzt während des Winters, denn besser Frieren beim Klettern an Felsblöcken in Absprunghöhe alt zu Hause sitzen und gar nichts tun.

Von: Kilian Neuwert

Stand: 27.02.2021

Mit einer kleinen Bürste schrubbt Martin Ehrl eine Felsleiste trocken. Etwa einen Zentimeter ist sie breit. Die Leiste zieren weiße Magnesiaspuren. Sie ist ein Griff des Boulders, den seine Bekannte Theresa Grasser gleich versuchen soll.

Martin Ehrl arbeitet seit rund vier Jahren in der Halle. Er ist Routenbauer und schraubt immer neue Boulderprobleme an die Wände.

Ein paar Meter lang ist die Bewegungsabfolge an gelblichem Fels knapp über dem Boden. Martin gibt Tipps. Er kennt den Boulder in und auswendig, ist ein erfahrener und ortskundiger Begleiter. Für Theresa hingegen ist es einer der ersten Versuche. Sie klettert zwar schon eine Weile, hat nun aber auch das Bouldern für sich entdeckt - zunächst jedoch nur in der Halle. Im Zuge des Lockdowns ist sie nun von der Halle zum Fels gekommen, was zuerst schon eine große Umstellung war, da es am Fels schwieriger ist und andere Bedingungen als in der Halle herrschen. Dafür bewegt man sich an der frischen Luft.

Seit Monaten ist die Halle zu. Theke, Umkleiden und Boulderbereich sind verwaist.

Wer sich in der Szene umhört, der erfährt, dass seit der Corona-Krise in bayerischen Boulder-Gebieten deutlich mehr Betrieb herrscht, schließlich sind die Hallen zu. Martin Ehrl arbeitet als Routenbauer in der Boulderwelt in Regensburg, einer Boulderhalle. Gerade ist er in Kurzarbeit. Für Theresa schlüpft er in die Rolle des Mentors. Ihm ist es dabei ein Anliegen zu vermitteln, wie man sich beim Bouldern draußen zu verhalten hat, zum Beispiel bei Regen. Zudem sollte man sich an Grundregeln und eventuelle Sperrungen halten. Das bestehende Regelwerk, das etwa für die Gebiete im Frankenjura, dem Fichtelgebirge, dem Bayerischen Wald und der Oberpfalz gilt, nennt sich „Boulderappell“. Es ist eine Art Kodex der Szene, sagt Jürgen Kollert, der Vorsitzende der Interessensgemeinschaft der Kletterer in Franken, dem Fichtelgebirge und dem Bayerischen Wald, kurz IG Klettern. Die Kernpunkte sind im Wesentlichen ganz einfache naturschutzfachliche Aspekte, zum Beispiel, dass man die Sperrungen wegen Vogelschutz beachten, nicht nachts bouldern, das Magnesia sparsam einsetzen und die Magnesiaspuren nach dem Bouldern wegmachen soll.

In Corona-Zeiten ist der Druck auf viele Gebiete trotzdem stark gewachsen.

Seit Jahrzehnten engagiert sich Jürgen Kollert ehrenamtlich für den Klettersport. Er zählt zu den Vätern des Boulderappells, hinter dem längst auch der Deutsche Alpenverein. IG und DAV verstehen sich als Vermittler im Austausch mit Naturschützern und Behörden. Sie haben eine wichtige Position in einer Zeit, in der aufgrund der Pandemie auch das Bouldern draußen mangels Alternativen immer beliebter wird. Dabei muss man auch differenzieren zwischen dem Bouldern in der Halle und dem Bouldern draußen. In der Halle gibt es ganz viele leichte Boulder, die auch ein Anfänger klettern kann. In der freien Natur gibt es – zumindest bei uns – solche Boulder dagegen gut wie gar nicht.

Punktuell treten immer wieder Probleme in den bayerischen Boulder-Gebieten auf, sagt Kollert. Häufig ist es das Fehlverhalten von einzelnen Leuten, die meinen, sie müssten mit dem Auto irgendwo hinfahren und dann schlecht parken und Zufahrtswege versperren. Kollert appelliert deshalb an die Szene und an Neulinge, sich an die Regeln zu halten und Sperrungen zu akzeptieren, wie es sie etwa im Fichtelgebirge gibt. Denn es geht eben nur mit Rücksicht! Theresa Grasser, die im Zuge der Corona-Krise das Bouldern am Fels kennen und lieben gelernt hat, wünscht sich trotzdem, dass die Hallen bald wieder aufsperren. Irgendwann, wenn es eben machbar ist. Dann könnte sie wieder nach der Arbeit abends noch in die Boulderhalle gehen und auch wieder Gleichgesinnte treffen.


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