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150 Jahre Deutscher Alpenverein Moderne Förderung des Frauen-Expeditionskaders

150 Jahre wird der Deutsche Alpenverein im Mai alt, wir begleiten das Jubiläum mit einer Serie. Gegründet wurde der DAV 1869, um die Bereisung der Alpen zu erleichtern und das Wissen zu erweitern. Es folgte ein Sturm auf die Gipfel und nach wenigen Jahrzehnten waren die wichtigsten Berge der Alpen bestiegen, hunderte Hütten gebaut und unzählige Wege angelegt. Dann rückten die fernen Gebirge in den Fokus und Expeditionen starteten. Und wie sieht heute der typische Expeditionsbergsteiger aus? Entschlossen, kraftvoll und männlich? Nicht nur, wie der Frauen-Expeditionskader des DAV beweist.

Von: Georg Bayerle

Stand: 03.05.2019

Moderne Förderung des Frauen-Expeditionskaders | Bild: Dörte Pietron

Eva Lochner, 24 Jahre, aus Rosenheim, hat es geschafft: Beim Sichtungslehrgang in Chamonix hat sie sich für den aktuellen Frauen Expeditionskader des Deutschen Alpenvereins qualifiziert. Es waren anspruchsvolle Touren am Limit. Bei der ersten Tour ging es freikletternd auf die Aiguille du Midi, Schwierigkeitsgrad 7b.

Dörte Pietron

Seit 2010 fördert der DAV mit dem Kader speziell auch junge Frauen, denn selbst Spitzenbergsteigerinnen wie Eva Lochner erleben, dass Frauen noch immer nicht als gleichwertig betrachtet werden am Berg. So gibt es derzeit auch nur zwölf Bergführerinnen unter den rund 500 Bergführern in Deutschland. Der Alpenverein ist gemäß seiner Tradition zuerst einmal männlich, und oft prägt ein ziemliches Machogehabe gerade die frühen Berichte von Hütten und „‚Skihaserln“. Die Forschungen zum 150-jährigen Jubiläum des DAV legen jetzt aber auch Korrekturen am traditionellen Bild nahe, sagt Friederike Kaiser, die Leiterin der Jubiläumsausstellung. Ihren Recherchen zufolge waren 1875 2% der Mitglieder Frauen. In der Sektion Prag von Stüdl gab es 10% Frauen, der Anteil steigt bis in 1920er Jahre auf 25%, und das bleibt bis in 1970er Jahre so.

Als der DAV nach dem ersten Weltkrieg die ersten großen Expeditionen in den Pamir und nach Südamerika schickt, sind ausschließlich Männer am Start. Erst recht bei den legendären Nanga-Parbat-Expeditionen, bei denen der Alpenverein allerdings nur eine Nebenrolle spielt. Regelmäßig aber werden auch exotische Privatabenteuer gefördert, so die heute vergessene und zugleich bemerkenswerte Expedition von Heinz Steinmetz zur Annapurna IV im Frühjahr 1955. Lange Zeit wird - neben der meist verbissene Züge annehmenden Rekordjagd an den höchsten Bergen der Welt – ein lässiger Stil gepflegt. Mit der Gründung des „Bergfahrtendienstes des Deutschen Alpenvereins“, dem heutigen DAV-Summit-Club, veranstaltete der DAV ab 1957 dann Reisen für Normalbergsteiger in abgelegene Gebirge der Welt. Heute sind auch die Expeditionen dank der stark verbesserten Technik und Ausrüstung deutlich schlanker geworden.

Unter den 500 Bergführern in Deutschland sind derzeit nur zwölf Frauen.

Mit dem Frauenkader erfolgt ein weiterer Schritt in eine „gleichberechtigte“ Zukunft. Zwei Mitglieder sind jetzt in der Bergführer-Ausbildung. Motivation ist Emanzipation, sagt Eva Lochner, nicht nur in Arbeitswelt, sondern auch im Sport. Immer mehr Frauen zeigen, dass sie es können! Dass dabei Freud‘ und Leid manchmal sehr nahe beieinanderliegen, hat die junge Bergsteigerin auch schon erfahren müssen. Einen Monat nach dem Sichtungscamp ist sie in leichtem Gelände zehn Meter ins Seil gestürzt und hat sich dabei eine schwere Handverletzung zugezogen – die Folge: ein Dreivierteljahr Pause. Getapt funktioniert es nun wieder gut, auch vom Kopf her. So etwas ist ein tiefer Einschnitt in die junge Bergsteigerkarriere, aber das Wichtigste: Seil und Haken haben gehalten. Die Sicherheitsforschung des Alpenvereins begleitet die Entwicklung der Ausrüstung und der Techniken. Was im Expeditionskader heute gelehrt wird, ist der neueste Stand des Extrembergsteigens - und da sind auch heute noch nicht alle Grenzen erreicht.

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