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Kleine Dörfer in den Alpen Zwischen Paradies und Verfall

Es gibt nur noch wenige von ihnen und ihr Bestand ist akut gefährdet: die kleinen Dörfer in den Alpen. Dabei prägt nichts den alpinen Kulturraum so sehr wie diese meist ideal in die Landschaft platzierten Siedlungskerne, die teilweise bis auf die Römerzeit zurückgehen.

Von: Georg Bayerle

Stand: 01.01.2022

Eine Kirche, eng aneinander gruppierte Gebäude, Bergwiesen und –weiden mit Tieren darauf – es sind archetypische Bilder, die unsere Vorstellung von den Alpen prägen.

Die Creta Grauzaria über dem Dorf

Aber nur 10 % der über 6000 Dorfgemeinden in den Alpen sind stabil geblieben. Ein gutes Drittel ist gewachsen und hat dadurch seinen Charakter eingebüßt. Mehr als die Hälfte aber hat Einwohner verloren und ist teilweise am Nullpunkt angekommen. So ein Dorf ist Dordolla in Friaul, wo ein deutscher Siedler gegen den Wald und die Verbuschung kämpft, um eine neue Landwirtschaft aufzubauen.

Der Friedhof und die Dorfstraße in Boden

Solche verlassenen Plätze können auch zu Experimentierfeldern werden wie Ostana im Piemont, wo ein einst verfallener Bergbauernhof zum Reallabor für nachhaltige Zukunftstechniken wird. Hinterstein im Allgäu hält sich noch mit einer Gruppe von Landwirten, die den Wert der lokalen Produktion bewusst machen wollen. In Boden im Lechtal führt ein junges Paar die Landwirtschaft fort und hält das Bergdorf mit heute noch 30 Einwohnern am Leben. In Vals am Brenner hat eine Almerin die bereits aufgegebene Alm der Großeltern wiederbelebt. Hinterrhein in der Schweiz schließlich hat es im Schatten der Verkehrsströme geschafft, seinen Charakter zu behalten und so zeigt das Dorf, was die alpinen Dörfer auszeichnet: den sparsamen Umgang mit den Ressourcen, eine Lebensweise, die das Wirtschaften mit der Gemeinschaft und dem Ort verbindet.

Heuabtransport am Berg

Die Identität der Bewohner kommt aus dem besonderen Umgang mit der Natur und der Nähe zur Landschaft. Die Dörfer der Alpen stellen nicht nur eine gewachsene Tradition dar, ein kleines Paradies, sondern sie sind gelebte Modelle eines umwelt- und ressourcenschonenden Lebens. Mit ihrem Verfall schwindet auch dieses Wissen um eine besondere Kulturlandschaft.


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