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Vom Everest nach Rudelzhausen Ein Porträt der nepalesischen Bergsteigerin Susmita Maskey

In Rudelzhausen im Landkreis Freising lebt seit einigen Jahren zusammen mit ihrer Familie die Nepalesin Susmita Maskey. Als erste Frau Nepals hat sie die Seven Summits bestiegen, also die sieben höchsten Gipfel aller Kontinente. Das ist zwar schon ein paar Jahre her, aber ihre Geschichte ist es wert erzählt zu werden, denn Susmitas Bergsteiger-Karriere begann mit einem Desaster.

Von: Manfred Wöll

Stand: 28.11.2020

Susmita Maskey ist eine Newar und gehört somit zu einer angesehenen Volksgruppe aus dem Kathmandu-Tal.

Dehnübungen am Denali in Alaska

Nachdem sie erst mit 22 Jahren ihre Liebe zum Bergsteigen entdeckt hatte, setzte sie sich ein ehrgeiziges Ziel: Sie wollte als erste Frau Nepals, die nicht dem Bergvolk der Sherpas angehört, auf dem Mount Everest stehen. Das war zwar ein sehr anspruchsvoller Plan, aber die zierliche Asiatin hatte zuvor bei Besteigungen von Sechstausendern schon ihre Konditionsstärke, ihr Können und ihre Willenskraft unter Beweis gestellt. Doch ihr erster Versuch, den höchsten Berg der Erde zu erklimmen, endete für sie 2005 mit einer Riesen-Enttäuschung: Ein Sherpa hatte sie geführt und sie dann – kurz vor dem Ziel - nicht auf den Gipfel gelassen. Mehrmals, so erzählt sie, habe er ihr unterwegs schon geraten, die Expedition abzubrechen. Das habe sie ignoriert, doch dann, als sie schon fast oben waren, am Hillary Step, hat er sie am Klettergurt zurückgezogen und ihr klargemacht, dass sie nicht weitergehen könne, weil es Leute gebe, die nicht wollten, dass sie auf dem höchsten Berg der Welt steht. Nur 50 Höhenmeter unterhalb des Gipfels kam es zum Streit. Susmita schrie und bettelte, bot ihrem Führer sogar mehr Geld an. Aber es half nichts, sie musste umkehren.

Der Khumbu- Icefall am Everest

Die Frage aller Fragen lautet natürlich: Warum hinderte der Sherpa sie am Gipfelerfolg? Laut Susmita Maskey gab es einen Wettlauf zwischen ihr und einer anderen Frau. Wer würde die erste nepalesische Frau auf dem Mount Everest sein, die nicht dem Bergvolk der Sherpas angehört. Beide versuchten am selben Tag, aber in unterschiedlichen Teams, den Gipfel zu erreichen. Ihre Konkurrentin, so sagt Susmita Maskey heute, hatte die bessere „Geschichte“ im Gepäck, weil sie an diesem Tag am Gipfel ihren Kletterpartner, einen Sherpa, heiraten wollte. Diese Story - die erste Hochzeit auf dem Mount Everest - ging dann schließlich auch um die Welt.

Susmita Maskey am Gipfel vom Everest

Nie zuvor hatte Susmita Maskey eine solche Niederlage erlebt. Aber dann entstand daraus ein unglaublicher Wille - der Wille, irgendwann eben doch da ganz oben zu stehen. Jeden Tag, so sagt sie, hat sie davon geträumt, den Mount Everest zu besteigen und sah sich in ihren Gedanken auf dem Gipfel. Drei Jahre nach ihrer persönlichen Tragödie am Everest ließ Susmita Maskey ihren Traum dann wahr werden. Im Mai 2008 gehörte sie einer Expedition an, bei der zehn Frauen aus zehn verschiedenen Landesteilen Nepals den Gipfel erreichten. Dieses Projekt, so Maskey, sei keine einfache Sache gewesen, weil die meisten der anderen Teilnehmerinnen gar keine richtigen Bergsteigerinnen waren. Aber man habe damals zeigen wollen, was man gemeinsam schaffen kann. Allerdings kam bei ihr selbst am Gipfel keine Euphorie auf, denn, so erzählt sie augenzwinkernd: „Ich war ja praktisch jahrelang jeden Tag auf dem Gipfel. Es fühlte sich deshalb fast schon normal an.“

Am Denali

2011 hat Susmita Maskey den Gipfel des Mount Everests sogar noch ein zweites Mal bestiegen und dann ein neues Ziel ins Visier genommen: die Seven Summits! Kletterfreunde aus Indien gaben den Anstoß. Sie wollten mit ihr den Elbrus besteigen, den höchsten Berg Europas. Damals sagte sie sich: „Wenn ich dann schon auf mehr als einem der Seven Summits gestanden bin, warum mache ich dann nicht gleich alle?“ Gesagt, getan. In den Jahren 2013 und 2014 folgten der Kilimandscharo in Afrika, der Mount Kosciuszko in Australien und der Aconcagua in Südamerika. Die härtesten Brocken waren für sie allerdings die beiden letzten Gipfel: der Denali in Alaska, der höchste Berg Nordamerikas, der lange Zeit Mount McKinley hieß, und der Mount Vinson, die höchste Erhebung der Antarktis. Kälte und Stürme machten ihr und ihren Begleitern damals zu schaffen. Am Denali gab es auch noch ein anderes Problem – ihre Körpergröße. Susmita Maskey ist nicht sehr groß und genau das hat zu unerwarteten Schwierigkeiten an dem knapp 6200 Meter hohen Berg geführt. Weil die europäischen und amerikanischen Kletterer viel größer sind als die Nepalesen im Himalaya, waren die ins Eis gehauene Stufen so hoch, dass sie sich auf die Knie stützen musste, um Stufe für Stufe zu bewältigen.

Die höchsten Berge der sieben Kontinente, also die Seven Summits, hatte Susmita Maskey als erste Frau Nepals geschafft, als sie im Dezember 2014 in der Antarktis auf dem Mount Vinson stand - ein sehr emotionaler Moment, erinnert sie sich. Da rollten dann auch Tränen über ihre Wangen. Diese Leistung fand auch in ihrer Heimat große Beachtung. Der Rummel um ihre Person animierte sie allerdings zu einem Kontrastprogramm. Für einige Zeit zog sie sich zurück in ein buddhistisches Frauenkloster. 

Susmita Maskey und ihr Mann Birat Niraula mit den beiden Kindern in Rudelzhausen

2015 ereignete sich dann das verheerende Erdbeben in Nepal. In der deutschen Botschaft in Kathmandu lernte Susmita Birat kennen - einen Nepalesen, der schon seit längerem in als Arzt in Deutschland lebt. Beide leisten in Nepal zunächst Wiederaufbauhilfe und gingen dann gemeinsam nach Deutschland. Seit Jahren leben sie nun mit ihren beiden Kindern in Rudelzhausen im Landkreis Freising. Das Bergsteigen ist in den Hintergrund getreten. Dreimal waren sie aber schon auf der Zugspitze – „mit der Gondel“, wie Susmita Maskey etwas verschämt zugibt …


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