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Das Dritte-Mann-Phänomen Rausch, Risiko und Halluzination in extremer Höhe

Mehr als 500 Bergsteiger sind zur Zeit am Mount Everest dabei, den höchsten Berg der Erde zu besteigen - es ist die Frühjahrssaison im Himalaya. Immer wieder haben Bergsteiger davon berichtet, dass in Extremsituationen in großer Höhe ein rätselhafter Gefährte aufgetaucht ist, auch Hermann Buhl und Reinhold Messner.

Von: Georg Bayerle

Stand: 19.05.2018

Üblicherweise wird diese Erscheinung als „Drittes-Mann-Phänomen“ bezeichnet. Forscher der Universität Innsbruck gehen diesen Berichten nach. Sie wollen mit einer Studie genauer herausfinden, was hinter dieser mysteriösen Halluzination am Berg steckt.

Reinhold Messner

Wenn es in extremen Situationen um Leben oder Tod geht, kann es vorkommen, dass die Psyche ihr eigenes Spiel spielt: Messner hat das selbst am Nanga Parbat erlebt, als ihm ein scheinbar anderer Bergsteiger den Weg zeigen wollte. Zuletzt hat er auch Tiere und Reiter gesehen, die sich in einem Strauch oder Felsen aufgelöst haben.

Derzeit sind Wissenschaftler im Mount-Everest-Basecamp unterwegs und befragen Bergsteiger vor und nach ihrer Tour, ob sie Beeinträchtigungen ihrer Realitätswahrnehmung erlebt haben. Dabei geht es insbesondere auch um das in der Fachwelt so genannte „Dritte-Mann-Phänomen“, wie es Reinhold Messner schildert.

Katharina Hüfner

Katharina Hüfner, Professorin für Psychiatrie an der Universität Innsbruck, weiß dass der „ Dritte Mann“ keineswegs nur männlich sein muss, es kann sich auch um eine „Zweite Frau“ handeln, wo wie es die französische Extrembergsteigerin Elisabeth Revol in diesem Winter bei ihrer Winterbesteigung des Nanga Parbat erlebt hat. Als sie beim Abstieg in Bergnot geriet und in einer Gletscherspalte biwakieren musste, hatte sie Halluzinationen von einer freundlichen Frau, die ihr Tee ausschenkte und als Gegenzug einen Bergschuh haben wollte, weshalb Elisabeth Revol auch schwere Erfrierungen erlitt.

Extrembergsteigerin Elisabeth Revol

Das Beispiel der französischen Extrembergsteigerin zeigt, dass die Halluzination nicht nur positive Folgen hat. Schon Hermann Buhl hat das Auftreten eines „Gefährten“ bei seinem legendären 41-Stunden-Alleingang am Nanga Parbat entsprechend interpretiert, ebenso Reinhold Messner. Ist die Verzweiflung sehr groß, so Messner, dann imaginiert man sich Hilfe herbei, um das Leben zu retten – ein Beweis dafür, dass der Mensch die Fähigkeit hat, sich Geister herbeizuholen, bevor er aufgibt.

Hermann Buhl

Bisherige Untersuchungen der Innsbrucker Forscher haben gezeigt, dass der „Dritte Mann“ lebensgefährlich sein kann. So hat in der Studie auch ein slowenischer Bergsteiger mitgewirkt, der Halluzination von anderen Bergsteigern hatte, die ihm rieten, den Berg hinunter zu springen. Helfen konnte sich dieser Bergsteiger, von Beruf Arzt, in dieser Situation nur noch selbst, indem er mit einem kleinen Sprung eine Realitätsprüfung gemacht hat und dann doch lieber zu Fuß abgestiegen als gesprungen ist.

Aber was ist überhaupt die Ursache für das Auftreten einer Person, die der Betreffende für real hält, die aber lediglich das Produkt einer Bewusstseinsstörung ist? Die wahrscheinlichste Ursache für diese Dritte-Mann-Phänomen ist Hypoxie. Kälte, zu wenig Nahrungszufuhr, zu wenig Flüssigkeit – all das spielt dabei eine Rolle, denn eine psychische Ausnahmesituation sowie Stress können Halluzinationen und psychotische Zustände auslösen.

Katharina Hüfner und Hermann Brugger von der Universität Innsbruck in Tadschikistan

Klar ist für die Innsbrucker Forscher inzwischen, dass es sich bei solchen Zuständen, die vorwiegend über 7000 Metern Höhe auftreten, um vorübergehende Psychosen handelt, also um schwere Beeinträchtigungen der Realitätswahrnehmung, die hinterher meist von selbst wieder vergehen. Die Studien werden jetzt mit den nepalesischen Kollegen direkt im Basecamp des Mount Everest fortgesetzt. Katharina Hüfner kommt zum Ergebnis, dass die psychotischen Zustände eine Gefahr darstellen für die Höhenbergsteiger und aufgrund der Fehlwahrnehmung oft zu Unfällen führen.

Am 8.156 hohen Manaslu

Während sich Höhenbergsteiger mit Phänomenen wie der Höhenkrankheit oder dem Höhenlungenödem meistens recht gut auseinandersetzen, bereiten sich die wenigsten auf eine mögliche Psychose vor, geschweige denn auf Maßnahmen, um sich davor zu schützen. Im Extremfall hilft nur ein Realitätstest, also eine Unterbrechung des Höhenrausches, in den ein Bergsteiger geraten kann. Das psychiatrische Krankheitsrisiko am Berg zeigt aber auch, wie wichtig es ist, dass die Mitglieder einer Gruppe gegenseitig aufeinander achten. Die Seilpartner erkennen es oft besser, wenn einer dabei ist, am Berg seinen Verstand zu verlieren.

Weitere Infos auch unter www.grenzwissenschaft-aktuell.de

Mit dem Dritte-Mann-Phänomen beschäftigt sich auch ein Feature auf Bayern 2 am Pfingstmontag um 18.05 Uhr. Titel der Sondersendung: "Berge - Rausch und Risiko. Von der Selbstverwirklichung beim Bergsteigen bis zum Flow des Freikletterns."


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