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Passion Eiger Neues Buch über die Eiger-Nordwand

Wer an die Eiger Nordwand denkt, denkt unweigerlich an die großen Dramen der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts: an den Wettlauf europäischer Spitzenalpinisten. Die Folgejahre wurden bisher kaum dokumentiert. Das ändert sich mit dem neu erschienen Buch „Passion Eiger“, das den Entwicklungen am Eiger seit den 1960er Jahren nachgeht.

Von: Kilian Neuwert

Stand: 21.11.2020

Neues Buch über die Eiger-Nordwand | Bild: AS-Verlag Nicolas Hojac

Während es jene Epoche der Versuche am Eiger bis auf die Kinoleinwände geschafft hat, war das Geschehen der Folgejahre bislang längst nicht so gut dokumentiert und für ein breites Publikum aufbereitet. Mit dem neu erschienenen Buch „Passion Eiger“ dürfte sich das ändern. Die Autoren Rainer Rettner und Jochen Hemmleb gehen darin gemeinsam mit dem Schweizer Spitzenalpinisten Roger Schäli den Entwicklungen am Eiger seit den 1960er Jahren nach.

ZITAT

„Es 15:30 Uhr. Am 14. Juli 1938. Wir sind die ersten Menschen, die die Nordwand des Eiger durchstiegen haben. Freude? Erlösung? Taumel des Triumphs? Nichts von alledem. Die Befreiung kommt zu plötzlich, unsere Sinne und Nerven sind zu abgestumpft, unsere Körper zu müde, um einen Gefühlstaumel zu gestatten.“ Heinrich Harrer, Erstbesteiger Eiger-Nordwand

Bis heute sind 30 weitere Routen begangen worden

So beschreibt Heinrich Harrer den Moment, als er und seine Kameraden den Gipfel des Eiger erreichen – nach der ersten erfolgreichen Durchsteigung der Nordwand. Mit ihr sollten die Männer Geschichte schreiben. Bis heute wird ihre Route – die Heckmair-Route – geklettert. Links und rechts dieses ersten Anstieges sind inzwischen allerdings 30 weitere Routen begangen worden. Ihnen widmen die Autoren Rainer Rettner und Jochen Hemmleb an der Seite des Schweizer Spitzenalpinisten Roger Schäli nun rund 300 Seiten. Ihr Buch „Passion Eiger“ versammelt die Geschichte dieser Touren und Geschichten rund um ihre Begeher.

Da ist etwa die John-Harlin-Route – der erste erfolgreiche Versuch einer Direttissima durch die Wand: viel technische Kletterei an Haken. 1966 war sie letztlich eine anglo-amerikanisch-deutsche Teamleistung. Benannt ist sie nach John Harlin, der bei der Begehung abstürzte, als ein Fixseil riss. Seine Kameraden widmeten ihm die Route. Auch die Japaner-Direttissima aus dem Sommer 1969 beleuchten die Autoren. Mit einer Tonne Ausrüstung – darunter 250 Bohr- und 200 Normalhaken sowie 2000 Meter Fixseilen – schlosserten sich die Bergsteiger die Nordwand hinauf. Dieses Vorgehen in beiden Routen rief Kritiker auf den Plan. Und: Da ist die legendäre Route „Metanoia“ von Jeff Lowe. Lowe – profilierter US-Alpinist und Unternehmer – stieg 1991 solo – also ganz alleine – in die Wand ein und beging die Route Metanoia; griechisch für einen fundamentalen Richtungswechsel. Den Abschluss dieser Texte bilden Portraits herausstechender Kletterer, wie etwa Jeff Lowe oder des Schweizers Michel Piola, der mit „Les Portes du Chaos“, die erste moderne Freikletterroute am Eiger eröffnet hat.

Originalfotos und Zeitungsausschnitte sind Leckerbissen für die Leser

Die Eiger-Nordwand

Insgesamt wirken die Kapitel der Autoren Rettner und Hemmleb gründlich recherchiert. Sie sind reich an Details und eine umfangreiche Aufarbeitung der Erstbegehungen seit den 1960er Jahren. Ergänzt werden die Texte durch Aufnahmen und Betrachtungen Roger Schälis. Oft schildert er darin seine eigenen Begehungen der jeweiligen Route. Der Schweizer Spitzenalpinist hat die Eiger-Nordwand seit 2001 mehr als 50 Mal durchstiegen. Viele der ehemals technischen Klettereien hat Schäli erstmals frei begangen. Das heißt, Haken und Seile dienten ihm nur zur Sicherheit, nicht um sich daran nach oben zu ziehen. Auch Neutouren hat Schäli am Eiger eröffnet – mit Bohrhaken besser abgesichert als die Klassiker. Routen, auf denen allein die Schwierigkeit zählt.

Für Roger Schäli bringt jeder einzelne Tag in dieser Wand eine Geschichte für das ganze Leben, wie er schreibt. Dem Leser bringt das Buch die Wand und eben diese Geschichten zumindest ein Stück weit näher. „Passion Eiger“ kann zwar nicht anknüpfen an die große Erzählung Heinrich Harrers – an seine packende Schilderung der Erstbegehung – aber das Buch vermag es durchaus, den Leser für diesen Berg zu begeistern. Zu vermitteln, warum es Spitzenbergsteiger aller Herren Länder immer wieder auf die Kleine Scheidegg zog, um am Eiger zu klettern. Und es sind Schälis Texte, die verdeutlichen, wie ernst die Wand bis heute ist – auch wenn Begehungen mit leichtem Material in Rekordzeit und unmittelbar folgende Internetmeldungen alles spielerisch wirken lassen.

INFO

Passion Eiger: Legendäre Routen damals und heute
Autor: Roger Schäli
Erschienen ist das fast 300 Seiten dicke Buch „Passion Eiger“ mit Fotos von Nicolas Hojac und Severin Karrer im Schweizer AS-Verlag. Es kostet 32 Euro.

Karte: Die Eiger-Nordwand

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Karte: Die Eiger-Nordwand


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