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Mit dem Ex-Hörnli-Hüttenwirt aufs Hörnli Das Matterhorn mit Kurt Lauber

Das Matterhorn – Mythos, Segen und Fluch zugleich. Wer jetzt noch über die Normalroute auf den Gipfel will, hat Pech, denn die Hörnli-Hütte musste schon eine Woche früher als geplant schließen, weil der Stromgenerator seinen Geist aufgegeben hat.

Von: Andreas Burman

Stand: 21.09.2019

Viel Zeit fürs Matterhorn hatte in dieser Saisom Kurt Lauber, der langjährige Hüttenwirt der Hörnlihütte, der seit letztem Jahr die Hütte nicht mehr bewirtschaftet. Die Tour mit Kurt Lauber aufs Matterhorn ist sozusagen ein Saisonrückblick mit skurrilen Geschichten.

Das Matterhorn

Früher Morgen, kurz vor vier. Die Luft auf rund 3260 Meter Höhe ist kühl, etwas über Null, aber kaum Wind. Rechts von mir, hoch über der anderen Seite des Zmutt-Tals, zeichnen sich die auf- und absteigenden Silhouetten anderer Viertausender gegen den Nachthimmel ab. Zu meiner Linken, an der Matterhorn-Ostwand vorbei Richtung Aostatal, quellt dichte Bewölkung. Direkt vor mir baut sich senkrechter Fels auf. Hier habe ich über die Jahre öfter gestanden und auch mal das dicke Fixseil, die Aufstiegshilfe, in die Hand genommen. Doch dieses Mal ist es anders. Jetzt bin ich eingereiht mit etwa 50 weiteren Bergsteigern, die das Gleiche vorhaben: einen der berühmtesten und formschönsten Berge der Welt besteigen, das 4478 Meter hohe Matterhorn.

Kurt Lauber

Der Mann, der mich zum Gipfel führen will, ist Kurt Lauber. 24 Jahre lang hat er die legendäre Hörnlihütte bewirtschaftet, direkt hier am Einstieg zum Hörnligrat, über den die so genannte Normalroute zum Gipfel verläuft. Endlich geht es los, Kurt steigt vor mir, ich packe das dicke Fixseil, ziehe mich hoch, setze dabei meine Bergschuhe auf die Stahlklammern im Fels – der Aufstieg beginnt. Im Schein unserer Stirnlampen klettern und gehen wir durch steiles Gelände, folgen dem Hörnligrat auf der Ostwandseite, bald rechts, bald links, bald rauf, bald quer – ohne Führer dürfte die Orientierung, erst recht in der Dunkelheit, ziemlich schwierig sein, zumal das Matterhorn auch regelrecht zerbröselt und inzwischen einem ziemlichen Schotterhaufen gleicht.

Insbesondere Bergsteiger ohne Führer müssen vorsichtig sein:

Trotzdem finden die Hände einen guten Griff, die Füße einen Stand oder eine Felsleiste für die Sohlenkante. Um über wechselnd niedrigere und höhere, knie- oder hüfthohe Absätze zu steigen und sich hochzuziehen, braucht es aber eine gut durchtrainierte Bein- und Armmuskulatur. Nach etwas mehr als zwei Stunden erreichen wir die Solvay-Hütte auf 4000 Metern. Wie ein Vogelhäuschen sitzt die kleine Notunterkunft auf dem steilen Grat zwischen Nord- und Ostwand. Hier hat Kurt vor Jahren ein bizarres Erlebnis gehabt. Er war beim Abstieg mit seinem Gast hineingegangen und hatte sich zu zwei anderen Bergsteigern an den Tisch gesetzt. Eine dieser beiden Bergsteiger – beide verbunden durch ein langes Seil - ist plötzlich hinausgegangen und verschwunden. Dann gab es einen Knall, der zweite Bergsteiger ist durch die Tür regelrecht hinausgeflogen und beide sind in die Ostwand abgestürzt. denn derjenige, der zum Pinkeln aus der Hütte gegangen war, hatte einen Fehltritt gemacht und beim Absturz den anderen am Seil mitgerissen.

Nach etwas mehr als neun kraftzehrenden Stunden haben wir die Besteigung erfolgreich beendet.

Während der Tag allmählich die Nacht verdrängt, setzen wir den Aufstieg fort und erreichen 200 Höhenmeter weiter die sogenannte Schulter, eine vom Tal deutlich sichtbare Ausbuchtung zu beiden Seiten der Ostwand. Kurz genießen wir die Strahlen der Morgensonne und die besondere Stimmung mit einmaliger Aussicht. Kurt erzählt von einem ungewöhnlichen Einsatz an dieser Stelle, Spätabends ist noch eine Seilschaft abgestiegen und einer über den Überhang in Richtung Nordwand gestürzt. Der Mann hing in der Luft, die Air Zermatt ist gestartet, um Kurt Lauber, der auch Bergretter ist, aufzunehmen. Weil es eine helle Vollmondnacht war, verzichtete Kurt Lauber darauf, die Stirnlampe am Helm zu montieren. Der Hubschrauber kam, Kurt hängte sich ans Seil und sie flogen los. Während des Flugs kam es jedoch zu einer Mondfinsternis, es wurde stockdunkel und der Bergretter musste nach dem Absetzen erst einmal den Rucksack auspacken, um an die Stirnlampe zu kommen.

Lohn der viereinhalbstündigen Aufstiegsmühe:

Wir montieren jetzt die Steigeisen an die Schuhe und machen uns an die letzten knapp 300 Höhenmeter. Mehr oder weniger auf der mit Fixseilen gesicherten Gratkante entlang erreichen wir bald eine senkrechte Felspassage - in etwa die Höhe, wo bei der Erstbesteigung des Matterhorns vor 154 Jahren das schreckliche Unglück im Abstieg passiert ist. Längst hat man hier Fixseile angebracht, um den Auf- und Abstieg sicherer zu machen. Bei der Erstbesteigung im Juli 1865 waren in der Nähe dieser Steilpassage vier der sieben Bergsteiger die Nordwand abgestürzt. Seither haben mehr als 500 Alpinisten ihr Leben am Matterhorn verloren. In dieser Saison kam es zu sieben Abstürze. Besonders tragisch: Bei einem Chilenen und seinem Begleiter brach ein Fels mit einer Sicherungsstange aus und ließ beide 800 Meter tief in die Ostwand stürzen. Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich haben diesen tragischen Unfall als Folge der Klimaerwärmung gewertet. Messungen zufolge neigt sich der Hörnligrat jährlich um zwei Zentimeter Richtung Zermatt. Der Bergführerverein Zermatt überlegt daher, ob an besonders heißen Tagen der Berg wegen Steinschlaggefahr besser gesperrt werden sollte.

Mit einem letzten kraftzehrenden Zug am Seil und einer Leitersprosse daneben überwinde ich ein überstehendes Felsstück, richte mich auf und stehe auf dem so genannten Unteren Dach. Bis zum Gipfel sind es jetzt nur noch 100 Höhenmeter auf festem Schnee. Doch dreimal noch muss ich innehalten, durchatmen, mich kurz erholen. Um 9.30 Uhr ist es dann geschafft: Auf der schmalen, länglichen Gipfelkante öffnet sich ein grandioser 360-Grad-Blick. Für zehn Minuten setzen wir uns mit senkrechtem Tiefblick auf das italienische Cervinia hin und genießen das Panorama von 38 Viertausendern vom nahen Monte-Rosa-Massiv bis zum fernen Montblanc. Dann machen wir uns an den Abstieg und stehen nach etwas mehr als neun Stunden wieder an der Hörnlihütte.

Karte: Die Hörnlihütte

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Karte: Die Hörnlihütte


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