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Survival of the fittest Der Schneehase

Der gemeine Feldhase und der Schneehase sind nahe Verwandte, aber nur der Schneehase kann seine Fellfarbe ändern: Im Sommer ist er grau-braun, im Winter schneeweiß. Dann trägt er quasi eine Daunenjacke mit Tarneffekt, weshalb man kaum Chancen hat, einen Schneehasen in freier Wildbahn zu entdecken.

Stand: 27.02.2015

Tiere im Winter in den Allgäuer Alpen: ein Schneehase | Bild: Henning Werth

Spurensuche in Tirol. In der Gemeinde Ellbögen nahe Innsbruck wartet Franz Nagiller, Spengler in Rente und Wanderguide aus Passion. Am heruntersausenden Mühlbach entlang geht es hinein ins Viggartal nach oben.

Hier war einer

Konzentriert sucht Franz den Boden ab. In den Hohlräumen unter Wurzeln verstecken sich die Schneehasen gerne. Ihr Fell schützt sie vor Kälte. Auch unter herabhängenden Ästen oder Sträuchern verkriechen sie sich und lassen sich einschneien. Der Schneehase flüchtet nicht, sondern verbirgt sich lieber. Zu beneiden ist er nicht, da er doch ständig Stress hat, erklärt der Wildbiologe Dirk Ullrich im Innsbrucker Alpenzoo. Als Fluchttier muss der Schneehase stets auf der Hut sein – vor Fuchs, Wolf und Luchs. Auch Raubvögel wie der Steinadler sind Feinde. So muss der Schneehase immer, auch wenn er auf Nahrungssuche ist, darauf achten, nicht entdeckt zu werden. Das ist „survival of the fittest“ wie so oft im Tierreich.

Spurensuche

Schneehasen kommen vor allem auf der Nordhalbkugel vor, in sehr kalten Gebieten, beispielsweise in Sibirien oder Skandinavien. Bei uns in den Alpen ist der Schneehase ein Relikt aus der Eiszeit, der sich vor allem im Bereich der Baumgrenze wohl fühlt. Allerdings ist er kein Plüsch- und Kuscheltier, sondern ziemlich temperamentvoll, vor allem in der Paarungszeit. Schneehasen sind hoch entwickelte Überlebenskämpfer, die auch recht rabiat miteinander umgehen können. Sie schlafen mit offenen Augen, hören aber mit ihren Lauschern wie jedes Wildtier. Einen schlafenden Hasen wird man nie antreffen, sondern immer einen lauschenden Schneehasen.

Mit Winterfell

Im Viggartal ist keine Schneehasen-Spur zu entdecken. Etwas enttäuscht lassen wir die Pirsch sausen und steigen ab zum Meißner Haus, einer DAV-Hütte der Sektion Ebersberg-Grafing auf 1700 Meter Höhe. Der Hütten-Wirt tröstet uns in der Zirbenstube mit einer großen Portion Tiroler Gröstl und einem köstlichen Zirbenschnaps zur Verdauung.

Mit Sommerfell

An der Südseite des Patscherkofel führt der Weg das Viggartal wieder hinaus – und plötzlich sind sie am Bachufer zu sehen: die Abdrücke eines Schneehasen. Auffallend ist, dass die Hinterläufe breiter und vor den Vorderläufen sind. Er hopst nach vorne und wenn er schnell hopst, dann sind die Abdrücke in gerader Linie, hopst er langsam ist, dann liegen sie paarweise nebeneinander. Und es ist auch wirklich besser nur eine Spur zu entdecken, ohne den Schneehasen selbst zu sehen. Denn Biologen der Uni Wien haben erst vor kurzem festgestellt, dass allein die Anwesenheit von Wanderern oder Tourengehern das Immunsystem der Hasen schwächt. Das muss ja nicht sein - Stress haben die Schneehasen durch Adler, Uhu und Fuchs schon genug im Winter.


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