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Biblischer Gang in der judäischen Wüste Durch das Wadi Qelt von Jerusalem nach Jericho

„Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber“ – diese Bibelstelle aus dem Lukasevangelium (Lk 10, 25-37) gehört zu den besonders bekannten Zitaten. Sie spielt in einer der eindrucksvollsten Landschaften der Bibel - in der judäischen Wüste. Ein Flusstal, das Wadi Qelt, verbindet Jerusalem mit Jericho. Schon vor Jahrtausenden verlief durch das Wadi eine wichtige Reiseroute, auf der eben auch der barmherzige Samariter aus der Bibel unterwegs war.

Von: Georg Bayerle

Stand: 11.04.2020

Durch das Wadi Qelt von Jerusalem nach Jericho | Bild: BR; Georg Bayerle

Der Stimmenpegel der Schmuck- und Steinverkäufer und der Eseltreiber wabert über den Schluchtrand nahe am Georgskloster. Hier wellt sich in nacktem Ockergelb die judäische Wüste und bricht schroff ab ins Wadi Qelt mit seinen grünen Pflanzeninseln.

"Schlüsselstelle" an einem Steilstück in der Wüste

Ganze Pilgerscharen steigen hier aus den Bussen, um das seit dem 5.Jahrhundert in die Felswand hineingebaute Kloster zu besuchen. Beim steilen Abstieg beruhigt sich die Atmosphäre und der Platz beginnt seine Wirkung zu entfalten. Wie ein Wunder mischt sich kristallklares Wasser in die Felsen. Drei Quellen entspringen aus der nackten Steinlandschaft des Wadi Qelt. Das köstliche Wasser wurde hier schon in der Antike in einem Aquädukt gefasst, dessen Ruinen heute noch durch die Schlucht führen, zusammen mit einem Höhenweg, der von der Oase des Georgsklosters bis nach Jericho führt.

Das Kloster steht in einer kleinen Oase des Wadis

Am Ausgang des Klosters warten noch einmal Verkäufer: Gekonnt schlingen sie den Wanderern die Kopftücher zum lokaltypischen Turban – Sonnenschutz ist schließlich wichtig bei einer Wüstenwanderung! Bald ist man ganz allein, kaum einer der anderen Klosterbesucher wandert den einzigartigen Weg entlang. So wagen sich sogar die niedlichen Klippschliefer hervor, die murmeltierartig, aber deutlich gelenkiger über die Kalkfelsen klettern. Mit dem Gehen schärft sich die Aufmerksamkeit für die Besonderheiten des Wüstentals und die trockenen Gewächse am Wegrand. Die kleinen grünen Blätter eines majoranartigen Krauts werden zum Beispiel für die Gewürzmischung des traditionellen Zatar verwendet.

Schon die Römer hatten hier ein Aquädukt

Zum Geschmack des fruchtbaren Wüstentals kommt die Geschichte: Antike Einsiedeleien kleben wie Waben in den senkrechten Felswänden. Hier kam der Samariter der Bibel an dem von Räubern schwer verwundeten Reisenden vorbei. Wir nähern uns nun, immer leicht absteigend, aber immer auf der gleichen Höhe über dem Schluchtgrund dem Jordantal. Ganz plötzlich und unvermutet öffnet sich das Wadi und Jericho liegt vor uns, eine der ältesten Städte der Erde – heute natürlich mit modernen Bauten, mit gut 20.000 Einwohnern, Dattelpalmenhainen und auf 250 Metern unter null gelegen. Von der Hochfläche auf 800 Metern bei Jerusalem führt das Wadi Qelt in einer Tagesreise 1000 Höhenmeter hinab bis unter den Meeresspiegel. Diese Landschaft ist biblisch großartig geblieben – ein Weg voller Reize für alle Sinne und eine Meditation, in der die alten biblischen Geschichten mit der Realität des Gehens und der Gegenwart verschmelzen.

Karte: Kloster St. Georg (Wadi Qelt)

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Karte: Kloster St. Georg (Wadi Qelt)


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