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Zerbröselnde Alpen und Wegesicherheit Über den schwierigen Umgang mit Naturgefahren

An der Benediktenwand in den bayerischen Voralpen ist derzeit ein beliebter Wanderweg gesperrt. Der Grund: akute Felssturzgefahr. Zerbröselnde Alpen und Wegesicherheit im Zuge der Klimaerwärmung - mit den Naturgefahren adäquat umzugehen, das ist nach wie vor ein schwieriges Thema, vor allem, wenn menschliche Infrastruktur betroffen ist.

Von: Georg Bayerle

Stand: 06.08.2020

Zerbröselnde Alpen: auf der Gletscherzunge liegt Steinschutt | Bild: BR/Andrea Zinnecker

An der Benediktenwand in den bayerischen Voralpen ist derzeit ein beliebter Wanderweg gesperrt. Der Grund: akute Felssturzgefahr. Zwei große Felsbrocken haben sich dort gelöst und könnten auf den Wanderweg stürzen. In der steirischen Bärenschützklamm hat es vor zwei Wochen ein Unglück gegeben: drei Menschen starben als ein Felsbrocken auf den Weg fiel. Anfang dieser Woche haben die unwetterartigen Regenfälle in der Partnachklamm zu mehreren Erdrutschen, zum Glück aber nicht zu größeren Schäden geführt. Zerbröselnde Alpen und Wegesicherheit im Zuge der Klimaerwärmung - mit den Naturgefahren adäquat umzugehen, das ist nach wie vor ein schwieriges Thema, vor allem, wenn menschliche Infrastruktur betroffen ist.

Mitte Juni war die Höllentalklamm gesperrt

Es kommt immer wieder vor, dass Wanderwege gesperrt werden müssen, weil Steinschlag oder Muren niedergehen. Mitte Juni hat es die Höllentalklamm getroffen. Mitten im Geschehen war Florian Dörfler, der seit Jahrzehnten den Klammweg instand hält. So ein heftiges und zugleich fast punktuell begrenztes Gewitter, sagt er, hat er die letzten 30 Jahre nicht erlebt. Solche Extremwetterereignisse nehmen mit dem Klimawandel zu, hat der Geologe Michael Krautblatter festgestellt. Er ist Professor für Felsbewegungen an der TU München und hat die Murgänge am Plansee in den Ammergauer Alpen untersucht. Vergleicht man die aktuellen Daten mit den seit den 1950er-Jahren erhobenen Daten, dann sieht man, dass die Intensität um den Faktor 3 zugenommen hat.

Anders als zum Beispiel im harten Granit des Bergells, entstehen gerade in den beiden wesentlichen Gesteinsarten der Bayerischen Alpen, im Hauptdolomit und im Wettersteinkalk, große Mengen an Schutt, auch wenn die aus einstigen Meeresablagerungen entstandenen Felsbänke so fest und mächtig aussehen. Wo starke Spannungen entstehen und die Oberfläche verwittert, steigt das Risiko von Steinschlag und Felsstürzen. In einem alpinen Hochtal wie dem Reintal unter der Zugspitze messen die Forscher durchschnittlich 1000 Kubikmeter Steinschlag pro Jahr. Bedeutsam für etwaige Warnungen ist die Tatsache, dass rund 90 Prozent des Jahressteinschlags während schweren Unwettern niedergehen.

An 70 Punkten scannen Geologen die Höllentalklamm

In einem Projekt mit dem Bayerischen Wirtschaftsministerium will Michael Krautblatter ein Vorhersageinstrument entwickeln, das alpine Orte mit einem Unwetterradar koppelt. Eine weitere Vorhersagemöglichkeit testen die Münchner Geologen unter anderem in der Höllentalklamm, die ab jetzt zweimal im Jahr an 70 Punkten gescannt wird. Nach den bisherigen Erkenntnissen verschiebt und verändert sich der Fels immer schneller, bevor es zu einem Felssturz kommt. Besonders beliebte Wege wie der Steig durch die Höllentalklamm geht der Wegewart jeden Morgen einmal ab und begutachtet die bekannten Schwachstellen. Ansonsten sind es oft Hüttenwirte oder Wanderer, die Gefahrenstellen am Wegrand melden. Ein objektives Restrisiko wird aber insbesondere im brüchigen Gestein der Nördlichen Kalkalpen immer bleiben, besonders dort, wo die Wege wie beispielsweise in Klammen und Schluchten unmittelbar unter den Felswänden entlangführen. Mit den aktuellen Forschungsvorhaben will Michael Krautblatter den richtigen Mittelweg zwischen Frühwarnsystemen und Restrisiko im alpinen Raum zu finden – eine Aufgabe für die nächsten zehn Jahre. Gerade in einer Zeit, in der die Sicherheitsansprüche immer höhergeschraubt werden, geht es auch darum, ein angemessenes Sicherheitslevel und eine angemessene Sorgfaltspflicht zu finden.

30.000 Kilometer Wanderwege, die der Deutsche Alpenverein betreut, können gar nicht dauernd überwacht werden. Durch die Beobachtung des Geländes, das Tragen eines Steinschlaghelms und besondere Vorsicht bei schweren Unwettern, kann aber jede Wanderin und jeder Wanderer vor allem selbst das Steinschlagrisiko reduzieren. Tourenplanung und Wettervorhersage sind somit der zentrale Schlüssel, um größeren Gefahren aus dem Weg zu gehen.


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