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In den Himmelsbergen und am Son-Kul Trekking in Kirgisien und Besuch der Bergnomaden

Pferde und Jurten, Felsen und imposante Berge - im kirgisischen Hochgebirge fühlt man sich oft wie im Wilden Westen. Die Männer tragen zwar keine Colts, können aber reiten wie die Cowboys, und die Bewohner der Hochtäler sind zudem äußerst gastfreundliche Menschen. Auch deshalb sind die „Himmelsberge“ des Tien Shan ein lohnendes Trekkingziel.

Von: Folkert Lenz

Stand: 25.05.2019

Unterwegs in den Himmelsbergen und am Son-Kul | Bild: BR; Folkert Lenz

Vom Ala-Artscha-Nationalpark am Rande der Hauptstadt Bischkek aus lässt sich die kirgisische Bergwelt erkunden. Dabei ist auch ein Besuch der Bergnomaden in ihren Jurten am Son-Kul, dem größten Süßwassersee des Landes in 3100 Meter Höhe, ein Erlebnis.

Den Wacholder-Büschen verdankt der Ala-Artscha-Park seinen Namen

Vom so genannten Alp-Lager-Parkplatz am Ala-Artscha-Nationalpark sind es ungefähr drei bis vier Stunden Aufstieg bis zur Racek-Hütte. Myrzauul Avazov drängt zur Eile - kein Wunder, es ist kühl an diesem Morgen. Neben den Hütten am Alp-Lager rauscht der Ala-Artscha-Fluss. Zügig verschwindet der kirgisische Wanderführer im Schatten zwischen den Tien-Shan-Fichten und Birken. Der Ala-Artscha-Nationalpark ist ein guter Einstieg, um sich mit Trekking in den kirgisischen Bergen vertraut zu machen. Weit über 4.000 Meter hoch sind die meisten Gipfel hier. Auf dem Weg zur Racek-Hütte kommen wir an einer Felsformation vorbei, dem „zerbrochenen Herzen“, und am Ak-Saj-Wasserfall. Stundenlang schlängelt sich der Weg durch lichter werdende Wälder. Später stehen Wacholder-Büsche am Wegesrand, die im Frühjahr farbenfroh blühen und von denen der Nationalpark Ala-Artscha seinen Namen.

Jung und alt: Steinböcke gibt es im Nationalpark recht viele

Kirgisien ist ein Bergwander-Paradies, kaum ein Wandergebiet liegt unterhalb von 1500 Metern“, erklärt Myrzauul. 70 Prozent der Landesfläche ragen sogar über die 3000-Meter-Marke hinaus. Weil aber nur so wenig Menschen hier wohnen, kann sich die Natur noch ungehindert ausbreiten wie die vielen Edelweiß-Wiesen und Vergißmeinnicht-Felder zeigen.

Das Camp an der Racek-Hütte dient seit Jahrzehnten als Basislager

Von der legendären Gastfreundschaft der Kirgisen profitieren auch die Bergsteiger und Trekkingtouristen, zum Beispiel in den Schneebergen des Kungej Alatau. Die gletscherbedeckte Gebirgskette liegt nördlich des Issyk-Kul-Sees, der mit 180 Kilometer Länge der flächenmäßig zweitgrößte Bergsee der Welt ist. Ebenfalls sehr schöne Wandertouren gibt es bei Karakol östlich des Sees. Über den 3860 Meter hohen Ala-Kol-Pass führt ein drei- oder viertägiges Trekking, es geht vorbei an Gletscherseen und über Almwiesen. Bei der Bergwanderung vom Ala-Artscha-Park zur Racek-Hütte haben wir die Felder mit Farnwedeln und XXL-Gräsern mittlerweile unter uns gelassen. Mühsam geht es über einen steilen Moränenhang hinauf, bis sich das geröllübersäte Eis des Ak-Saj-Gletschers vor einem ausbreitet und wir die Racek-Hütte erreichen. Im Sommer ist hier ein kleiner Zeltplatz, viele kommen auch zum Felsklettern hierher. Zu Sowjetzeiten haben hier die besten russischen Bergsteiger für ihre Expeditionen trainiert, schließlich gibt es 38 Viertausender im Park, und an jedem 1. Mai kommen noch immer über hundert Alpinisten zum Camp an der Racek-Hütte, um gemeinsam den Pik Komosolets zu besteigen.

Moderne Hirten laufen den Tieren ungern nach, sondern nehmen lieber ein Fernglas zur Hand

Auch der Son-Kul-See in Zentral-Kirgisien, der größte Süßwassersee Kirgisiens auf rund 3100 Meter Höhe, bietet unverfälschte Natur. Am Son-Kul schlagen im Sommer die Bergnomaden ihre traditionellen Kuppel-Zelte, die Jurten, auf. In den Alpen würde man schlicht von Almwirtschaft sprechen, wenn die Hirten mit ihren Tieren auf die Hochweiden ziehen. In Kirgisien allerdings verstehen sich die Bauern, die genau das Gleiche tun, als Nomaden – genauer: als Halbnomaden. Wenn sich ein paar Hirtenfrauen unter der Jurtenkuppel aus Filzplanen treffen, dann wird es oft sehr fröhlich und auch schnell mal ein Lied angestimmt.

Wenn mehr als zwei Zelte auf einem Haufen stehen, dann handelt es sich meist um Jurten-Dörfer für Touristen

Das grau-weiße Rundzelt von Nurzhan Okolonovra steht auf einer Wiese oberhalb vom Son-Kul-See. Tritt man ein paar Schritte aus dem Halbdunkel, dann sieht man, wie die Sonnenstrahlen auf dem türkisgrünen Wasser glitzern. Im Juni kommt die Bäuerin aus dem Tal mit den Schafen, Kühen und Pferden ihres Dorfes auf die Bergweiden. Weil es hier oben keine Almhütten gibt, stellt sie kurzerhand ihre Jurte auf wofür sie nur eine Stunde benötigt. Für eine traditionelle kirgisische Jurte dienen hölzerne Scherengitter als Wände, darüber kommen die Filzplanen und zuletzt wird noch der Türstock eingebaut. Die Jurten sind praktisch, denn Nurzhan Okolonovra kann so schnell ihr Hab und Gut zusammenpacken und weiterziehen, wenn ihre Tiere die mageren Wiesen abgefressen haben. So funktioniert die Almwirtschaft in Kirgisien schon seit Jahrhunderten, erzählt die 56-Jährige.

Nurzhan Okolonovra: „Wir sind immer noch Halb-Nomaden.“

Braune Punkte stehen tagsüber in der weitläufigen Landschaft. Abends werden die Schafherden wieder zu den Zelten getrieben. Die Kühe und Pferde bleiben meist in der Nähe. Die Kühe werden hier oben gemolken und aus der Milch verschiedene Köstlichkeiten gemacht, zum Beispiel Kaimak, gekochte Schichtsahne. Auch von den Pferden kommt etwas Nützliches: Zu Sommerbeginn werden die Stuten gemolken, die Milch wird dann zu „Kumis“ vergoren, dem kirgisischen Nationalgetränk. Mittlerweile bleiben viele Bergnomaden den ganzen Sommer über an einem Platz und leben von moderneren „Nutztieren“ - von Touristen, die hier archaische Jurten-Nächte in den Bergen, unter dem blinkenden Sternenband der Milchstraße am Himmel erleben können. Für ihre herzliche Gastfreundschaft und Offenheit gegenüber Fremden sind die Kirgisen bekannt.

Karte: Der Son-Kul

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Karte: Der Son-Kul


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