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Trekking zum Heiligen Ort von Mutter Natur Die Ciudad Perdida in Kolumbien

„Ciudad Perdida“, Verlorene Stadt - schon der Name weckt Fantasien. Tatsächlich handelt es sich um eine der erstaunlichsten indianischen Stätten Südamerikas. Die Ciudad Perdida liegt in der Sierra Santa Marta, 40 Kilometer von Kolumbiens Karibikküste entfernt, verborgen im Urwald. Erst 1975 hatten Grabräuber den Platz wiederentdeckt, nachdem über Jahrhunderte niemand mehr hierhergekommen war, abgesehen von den Kogi, den Angehörigen eines indigenen Volkes, dem heute noch die „Ciudad Perdida“ gehört.

Von: Georg Bayerle

Stand: 17.04.2021

Trekking zum Heiligen Ort von Mutter Natur | Bild: BR; Georg Bayerle

Unterkunftshütte im Urwald

Wurzeln, die sich über den erdigen Weg krallen, gleichen Riesenschlangen. Gewölbeartig spannen große Urwaldbäume ihr Blätterdach auf. Am zweiten Tag der Wanderung ins Santa-Marta-Gebirge sind wir im Bergurwald angekommen, nachdem es zuerst durch eine halbverwilderte Landwirtschaftszone ging, in der einst Drogen angebaut wurden. Unser Wanderführer Edwin ist Mitte 50 und hat die wechselvolle Geschichte miterlebt. Vor 25 Jahren hat er seinen Vater auf diesen Touren einmal im Monat begleitet. Das Bemerkenswerteste war damals die Einsamkeit, erzählt Edwin. Am ersten Tag hat man noch den einen oder anderen Wanderer getroffen, am zweiten dann nur noch die indianischen Ureinwohner und am dritten war man mit sich und der Landschaft allein.

Dorfbewohner vom Stamm der Kogi

Mit der Befriedung des Gebiets sind dann die Touristen gekommen, oft 50 Leute am Tag. Sie wandern in geführten Gruppen an drei bis fünf Tagen die 25 Kilometer lange Strecke über gut 1500 Höhenmeter zur „Verlorenen Stadt“ und zurück. Fünf Übernachtungsplätze liegen am Weg, einer ist die Cabana de Adan. Die Hütte liegt 15 Kilometer vom nächsten mit einer Straße erschlossenen Ort entfernt. 1975 kam Adan als Siedler hierher, er hat damals Marihuana angebaut und ist als Schatzsucher auf die Jagd nach Gold und Artefakten in den alten indianischen Ruinen gegangen. Weil das Marihuana nicht viel Ertrag gebracht hat, hat er dann Kaffee und Kakao angepflanzt, aber als die Kakaobäume vier Jahre alt waren und gerade soweit, dass sie Früchte tragen, hat ein Schädlingsbefall die ganze Plantage vernichtet. Daraufhin hat Adan Coca angepflanzt, aber auch da war der Ertrag nicht gut. In seiner Hütte hat er jetzt 50 Lager und dazu 70 dicht an dicht aufgehängte Schlaf-Hängematten für die Wanderer. Die Cabana zählt mit ihrer Lage am Buritaca-Fluss zu den beliebtesten Stützpunkten des Trekkings.

Ins Innere des tropischen Berglands

Wandern statt Koka - eine ähnliche Verwandlung hat auch Edwin Rey vollbracht. Auch sein Vater zählte zu jenen selbsternannten „Pionieren“, war Rinderhirte und Grabräuber, wurde dann aber wegen seiner Ortskenntnisse 1976 vom Staat als Führer einer ersten archäologischen Expedition engagiert. Mit seinem Vater hat Edwin dann die ersten organisierten Touren geführt. Weil er so sein Einkommen hatte, gab es für ihn nie die Versuchung zur Guerilla zu gehen. Genauso wenig hat es ihn verlockt, Coca anzubauen, auch nicht als die Paramilitärs Leute rekrutiert haben. Stattdessen wurde er als Trekkingguide von den Touristen geachtet – eine Möglichkeit, die sonst nicht viele hatten.

Das letzte Stück des 25 Kilometer langen Wegs über die Hügelkämme in den Bergurwald führt abenteuerlich am und durch den Buritaca-Fluss, bis dann urplötzlich eine moosbewachsene Steintreppe ansetzt, die mitten in ein grünes Labyrinth aus Lianen und Blattwerk führt. Edwin wird ganz andächtig und verrät, dass die Schamanen sagen, dass man beim Hochsteigen der Treppe die Stille wahren muss, damit man oben am heiligen Ort im Sinne einer Reinigung die positive Energie aufnehmen kann.

Anlagen der verlorenen Stadt

1980 ist Edwin zum ersten Mal hierhergekommen. Die Treppe lag damals einen Meter tief unter Blättern und Humus. Die Kogi-Indigenas sind die Nachfahren der Taironas, die einst das gesamte Gebiet besiedelt und auch die rätselhafte verlorene Stadt bewohnt haben, die sich auf unzähligen Terrassen im Dickicht des Dschungels erstreckt. Sicher war sie damals schon ein heiliger Ort, bevor sie zusammen mit den letzten indianischen Überlebenden nach der spanischen Eroberung im Schutz des Urwalds in Vergessenheit fiel. Für uns europäische Touristen ist die Ciudad Perdida ein außerordentliches Trekkingziel und ein Ort, wo wir in Berührung mit einer ganz anderen, von den Europäern weitgehend zerstörten Kultur kommen können. Für die Kogi ist „Ciudad Perdida“ vielmehr „Teyuna“ - der spirituell aufgeladene Ort ihrer Vorfahren, der bis heute heilig ist. Die Stadt aus vorkolumbianischer Zeit ist immer noch Territorium der Kogi-Indigenas.

Der Mamo Romualdo

Es fühlt sich an wie in den Geschichten des 19.Jahrhunderts, als Forscher in den Urwäldern Südamerikas die alten Mayastädte oder den legendären Inkaort Macchu Picchu entdeckt haben: Girlanden aufgefächerter Blätter hängen in der Luft, neben den Philodendren ranken sich Lianen um knorrige Urwaldbäume, mit Moos bewachsene, schmierige Steintreppen führen durch das grüne, feuchte Dickicht zu Mauern und terrassierten Strukturen, die einst Felder, die Fundamente von Hütten oder Opferplätze gewesen sein mögen. Geheimnisvoll und geerdet zugleich ist das Erlebnis dieser verlorenen Kultur im Santa-Marta-Gebirge an der Karibikküste Kolumbiens. Auf einer etwas abgelegenen, versteckten Terrasse sitzt der Herr dieses Ortes: Romualdo, der Mamo, der Schamane der Verlorenen Stadt. Mit übereinander geschlagenen Beinen hockt der Mamo da in weißem Hemd und Hosen, mit einer haubenartigen Kappe auf den langen pechschwarzen Haaren. Er spricht langsam und ohne Gefühlsregung und dreht dabei mit der Zunge eine zerkaute Kugel aus Kokablättern in der Backentasche. Immer wieder taucht er einen Stock in die Kalklösung in einer Kürbisflasche und schleckt ihn ab, damit die berauschenden alkaloiden Substanzen aus der Kokakugel gelöst werden. Für die Kogi ist es eine schamanistische Praxis, ein Weg des Wissens über die Natur, die Götter und die Menschen. Wir wissen viel darüber, sagt Romualdo, der halb in Trance wirkt: Es gibt den Gott der Tiere, der Schlangen, des Wassers, der Bäume, aber das Zentrum sind Sonne und Mond und die Natur.

Das Objekt der Begierde der Grabräuber

Das besondere Naturverständnis der indigenen Kultur wird in Kolumbien inzwischen offiziell gewürdigt und geschützt. Die Kogi stehen mit ihrem Territorium unter besonderem rechtlichen Schutz, erklärt Edwin Rey, der seit 30 Jahren Trekkinggruppen in die Ciudad Perdida führt. Die Regierung hat anerkannt, dass die Berge den Ureinwohnern gehören. Sie wurden nur von den von den Spaniern eingeschleppten Epidemien dezimiert. Der Staat will die Indigenas auch deswegen hier haben, weil sie nicht so zerstörerisch mit der Umwelt umgehen. Im Zuge der Anerkennung ihrer Kultur und ihres Lebensraums haben sich die Kogi auch mit dem Wandertourismus und den meist weißen westlichen Ausländern angefreundet, die durch ihr Gebiet streifen und den heiligen Ort betreten. Fermin Vacuna ist der von Mamo Romualdo erwählte Sprecher von 40 Familien, die im Einzugsbereich der Ciudad Perdida leben. Seit einem Vierteljahrhundert gibt es jetzt den Tourismus, doch er hat die indigene Kultur nicht besonders beeinflusst. Einige Junge haben angefangen, als Wanderführer zu arbeiten oder transportieren Lebensmittel zu den Hütten. Mit den Einnahmen bestreiten die Kogi ihren Lebensunterhalt, können kaufen, was sie benötigen und so besser überleben als früher. Im Gegenzug haben sich die Wanderführer verpflichtet, für einen gewissen Anstand der Touristen zu sorgen, dass sie nicht entblößt herumlaufen, Marihuana rauchen oder in der Verlorenen Stadt biwakieren. Die Regierung hat die Kogi überzeugt, dass der Tourismus ein attraktives Bild von Kolumbien zeichnen kann. Dafür erhalten sie 10% von der Summe, die von den Touristen hier ausgegeben wird.

Papagei beim Gefiederputzen

Immer wieder begegnen wir einzelnen Mitgliedern des Stammes oder Frauen mit ihren Kindern. Die wenigsten sprechen Spanisch, einige sind einverstanden, dass sie fotografiert werden, wenn man sie fragt. Die Stammesangehörigen von Fermin leben weit verstreut im Bergurwald, wo sie kleine Felder für die eigene Versorgung bewirtschaften. Die Kommunikation untereinander wird durch gemeinsame Zeremonien aufrechterhalten. Es ist eine gewagte Balance, die bisher offensichtlich gut funktioniert, denn als Wanderer sind auch die Touristen näher an der Natur, die mit ihrer tropischen Kraft Respekt einflößt. Die Kogi sehen sich dabei als eine Art Mittler zwischen den Welten. Das Land hier gehört ihnen bis zu den Gipfeln, die sie respektieren und schützen, da alles Leben – Wasser und gute Luft – von dort kommt. Das Tiefland an den Stränden aber ist zerstört, sagen sie, da gibt es kein Leben und keine Energien mehr. Derjenige, der all das versteht und fühlt und ausspricht ist der Mamo, der nicht nur der spirituelle, sondern auch politische Führer der Gemeinschaft ist. Der Mamo entscheidet auch, welche Kinder zur Schule gehen und Spanisch lernen und welche in den Familien bleiben. Auch vor jeder Aktivität des Bauern steht das Einverständnis mit den Dingen durch den Mamo. Wer auf dem Feld arbeiten will, muss zuvor der Natur etwas opfern.

In der Ciudad Perdida ist jetzt erst einmal eine Ruhepause angesagt. Die vielen Besucher haben ihre störenden Energien hinterlassen. Der heilige Ort muss spirituell gereinigt werden, sagt der Schamane. In den nächsten Tagen werden alle Mamos aus dem Umkreis zusammenkommen, um gemeinsam die Erde zu begutachten, die Bäume, den Berg, das Wasser und den Regen - 15 Tage lang. Dann wird die Verlorene Stadt nur von den weißen Gestalten der Kogi belebt sein, die meist lautlos über die alten Treppen und Plattformen huschen oder einfach nur still dasitzen und den Geräuschen der Natur lauschen. Warum das so ist und wie das Ritual vonstattengeht, darüber will der Schamane nichts sagen, denn diese Kategorien des westlichen Rationalismus passen nicht zur Vorstellung einer beseelten Natur, mit der sie spirituell in Verbindung stehen. Aus den Stimmen des Urwalds hören sie, aus der Erde spüren sie, wann es wieder gut ist, neue Besucher zuzulassen.

Karte: Die Ciudad Perdida in Kolumbien

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Die Ciudad Perdida in Kolumbien


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