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Anzeichen des Klimawandels Rückzug des Forno-Gletschers im Bergell

Gletscher futsch – und nun? Der Forno-Hütte im schweizerischen Bergell geht es wie vielen anderen hochgelegenen Alpenhütten. Das Eis schmilzt. Als klassischer Hochtouren-Stützpunkt hat sie eigentlich ausgedient. Doch einfach aufgeben: Das kommt weder für die Sektion Rorschach des Schweizer Alpenclubs SAC, der das Haus gehört, nicht infrage und erst recht nicht für das junge Wirtspaar Alena und Beat Kühnis, die die Forno-Hütte erst vor ein paar Jahren übernommen haben. Wie sieht also die Zukunft aus?

Von: Folkert Lenz

Stand: 10.10.2020

Anzeichen des Klimawandels im Bergell | Bild: BR; Folkert Lenz

Den Rückgang des Gletschers ist unübersehbar

Willkommener Stopp: Die Ziegenalpe von Cavloc.

Wer sich auf den langen Weg vom Malojapass zur Fornohütte macht, der kommt recht bald zur Geißenalp von Cavloc – direkt neben dem blau-grünen Auge des gleichnamigen Sees. Dahinter ist es mit der Idylle vorbei. Herbstlich goldgelbe Lärchen und knorrige Kiefern weichen dem Hochgebirge. Früher konnte man in der Geröllebene von Plan Canin fast das Eis des Forno-Gletschers erspähen. Doch das geht schon lange nicht mehr, erzählt Marcello Negrini. Er ist Naturgefahren-Experte der Gemeinde Bregaglia. Und in seinen 70 Lebensjahren hat er das Dahinschmelzen des ehemals stattlichen Forno-Gletschers live miterlebt. Jedes Jahr ist etwa ein Rückgang zwischen 25 und 30 Metern zu beobachten. Und auch die Masse nimmt ab. Der Gletscher wird immer dünner.

Früher hat das Gletschereis die Steilhänge abgestützt

Der Hüttenweg muss immer wieder verlegt und gesichert werden.

Unter den Nordwestabstürzen der Pizzi dei Rossi hindurch muss man heutzutage lange durch Schutt und Geröll im Forno-Tal wandern, bis die Gletscherzunge erreicht ist. Kurz davor quert der Steig in die Moränenflanken hinein. Früher hat das Gletschereis die Steilhänge abgestützt. Nun ist das Gelände ordentlich in Bewegung. Und so muss der Weg immer wieder neu gesucht und angelegt werden. In wildem Zickzack führt er heute hinauf zur Fornohütte. Früher lag die Hütte etwa 100 Höhenmeter über dem Gletscher – heute sind es etwa 500 Höhenmeter.

Gletscherrückgang Herausforderung für die Hüttenwirte

Kein Basislager für Hochtouren mehr: die Fornohütte.

Das stellt das junge Hüttenwirtspaar vor echte Herausforderungen. Denn wer soll jetzt heraufkommen? In den 1980er Jahren sollte aus der Fornohütte noch ein Ausbildungszentrum für Alpinisten werden. Doch der Plan ging nicht auf, erzählt Beat Kühnis, da die Möglichkeiten für den Sommer-Alpinismus immer weniger wurden. Da hat sich der Wirt überlegt, dass er den Leuten etwas anderes bieten muss und hat auf die umliegenden Gipfel Steige ausgekundschaftet und ausgebaut. Und dort wo Seile waren, hat er fixe Ketten montiert.

Die Zukunft der Fornohütte heißt „Alpinwandern“

Frühaufsteher, aufgepasst: Dann gibt’s den schönsten Blick ins Fornotal.

Alpinwandern wird die Zukunft der Forno-Hütte. In einem Terrain, wo schon mal die Hände aus den Hosentaschen müssen. Für ungeübte Bergwanderer ist das nichts: Schwindelfrei sollte sein, wer sich an Monte Forno oder den Rosso herantraut. Und außerdem hofft das Wirtspaar darauf, dass der Weitwander-Boom anhält. Die hochalpine Verbindung über den Casnil-Pass zur Albigna-Hütte ist fast schon ein Klassiker. Und weil gleich hinter den anderen Hüttengipfeln Italien beginnt, haben die Kühnis sich mit den Hüttenwirten dort zusammengetan und den „Sentiero Bernina Sud“ kreiert: Ein Vier-Tages-Trek, der von Maloja über Forno und die italienischen Täler Val Bona und Campagneda ins schweizerische Poschiavo retour führt. Alena Kühnis hat sich die Runde mit ausgedacht.

Wer nicht die ganz große Runde drehen will, der kann zum Malojapass auch über den Panoramaweg der Forno-Hütte zurückkehren. Der schlängelt sich auf Pfadspuren über Stock und Stein an den Hängen des Monte Forno entlang – ganz weit oben.

Bis März ist die Fornohütte jetzt erst einmal im Winterschlaf, bis die ersten Skitourengeher wieder heraufkommen.

Karte: Die Forno-Hütte

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Karte: Die Forno-Hütte


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