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Auf Hirtenpfaden zum Naranjo de Bulnes Unterwegs in den Picos de Europa

Wer diesen Berg einmal gesehen hat, der vergisst ihn nicht. Wahrscheinlich würde kaum jemand diesen Felsturm in Spanien vermuten, den Naranjo de Bulnes oder Pico Uriellu, wie er ursprünglich auf Asturisch heißt: an die 2500 Meter hoch, ein gewaltiger Felsturm ohne schwache Seite. Der leichteste Anstieg beinhaltet Kletterstellen bis knapp ab den fünften Grad. Eine Besteigung des Naranjo de Bulnes ist zugleich ein Streizug durch die Alpingeschichte und die touristische Geschichte der Picos de Europa.

Von: Georg Bayerle

Stand: 04.04.2020

Auf Hirtenpfaden zum Naranjo de Bulnes | Bild: BR; Georg Bayerle

Eine gute Stunde fehlt noch im Aufstieg zum Refugio de Uriello, dem Stützpunkt direkt unter der 400 Meter senkrecht abstürzenden Felswand des Naranjo de Bulnes.

Juan José mit Aznar und Camacho

Da schließt ein drahtiger Mann von hinten im Takt der Schritte seiner zwei Maultiere zu uns auf und verrät, dass die beiden Maultiere Aznar und Camacho heißen – es sind die Namen zweier ehemaliger spanischer Politiker, nach denen Juan Jose Mier seine Maulesel getauft hat. Kein weiterer Kommentar dazu, sagt er! Über sich selbst ist er auskunftsfreudiger: Er ist im Bergdorf aufgewachsen und hat immer in den Bergen gearbeitet, mit dem Vieh und seinen Tragtieren. Zudem zählt er zu den bekanntesten Bergläufern der Gegend.

Der Naranjo de Bulnes, links die Südwand

Während Aznar und Camacho die kurze Pause zum Grasen nutzen, schildert Juan Jose, wie er jeden Tag von Neuem vom Zauber der Berge überrascht ist, obwohl er hier täglich mit seinen Tieren die Verpflegung für die Hütte hochbringt. Das Refugio Uriello ist gut besucht, kein Wunder, denn der Platz auf einer Karsthochfläche mittendrin im Zentralmassiv der Picos de Europa gleicht dem einer Spinne im Netz. Und dann steht da ja auch dieser Felsendom, der nach allen Seiten hunderte Meter senkrecht abbrechende Naranjo de Bulnes, der „Orangerote von Bulnes“, weil sich der Kalk im Abendlicht rötlich färbt und der Platz zur Pfarrei des kleinen Bergdorfs Bulnes gehört, das knapp 2000 Höhenmeter tiefer liegt. Wer sich irgendwie für Berge interessiert in Spanien, der kennt ihn, und wer sportlich halbwegs in der Lage ist, der will auch mal hinauf., so wie Federico aus Madrid. Er ist regelrecht verliebt in das alpine Erlebnis an diesem Berg. Verliebt ist er vor allem auch in Maria, die neben ihm steht und der er gerade einen Heiratsantrag gemacht hat. Dramatischer könnte die Kulisse für diese Frage aller Fragen jedenfalls kaum sein – und Maria hat „Ja“ gesagt!

Beim Abseilen

Später gibt es dann noch ein spezielles Wiedersehen: Bernabé Aguirre ist da, ein Haudegen, kompakt gebaut, mit beinhartem Händedruck. Der Bergführer hat schon Federico und seinen Cousin auf den Gipfel gebracht - und er wird auch mich am nächsten Tag da hinaufhieven. Schon 634 Mal war Aguirre oben – ein vermutlich einsamer Rekord auf einem Klettergipfel wie diesem. Lange galt der Pico Uriello als unbesteigbar. 1904 hat sich dann der spätere Gründer des Nationalparks, Pedro Pidal, der Markgraf von Villaviciosa besonders beeilt. Er hatte gehört, dass der deutsche Geologe und Bergsteiger Gustav Schulze drauf und dran war, als Erster auf diesem Gipfel zu stehen. Nach einem Spezialtraining in Chamonix, engagierte Pedro Pidal einen Gebietskenner, den Hirten „El Cainejo“ und vollbrachte diese nationale Aufgabe mit dem ersten Aufstieg durch die gegliederte Nordwand.

Auf der Spitze der Picos

Die leichteste Route führt heute durch die Südwand, beeindruckt durch die Steilheit in der gewölbten Felsflanke und zeigt sich oben oft sturmumtost, denn die Gipfelschneide ist von der 20 Kilometer entfernten Küste aus gesehen der höchste Punkt. Wie ein Sturmbrecher steht der Berg im Wind – ein atemberaubendes Felserlebnis, das mir von Aguirre bei seiner nun 635. Besteigung beschert wird. Der Naranjo de Bulnes gilt als der mythische Berg Spaniens, betont er, in ganz Europa gibt es nur wenige Berge, wo man klettern können muss, um überhaupt hinaufzukommen. Nicht so spektakulär wie die Kletterei, aber genauso beeindruckend ist dann der ewig lange Abstieg auf alten Hirtenpfaden hinunter ins Bergdorf Bulnes - 1900 Höhenmeter sind es vom Gipfel bis ins Dorf. Es geht unter überhängenden Wänden durch Schluchten, über grüne Terrassen und durch eine seit langem aufgegebene Alm mit verfallenen Steinhäusern. Eine Quelle gluckert aus dem Fels, dann werden Bergbäche draus, die über Kaskaden und Gumpen durchs Gelände strömen. Am verwachsenen Weg erkennt man, dass heute fast niemand mehr hier geht, weil es steil und beschwerlich ist.

Bachszene

So ein Leben wie früher ist immer undenkbarer geworden, deshalb haben die Leute die Almwirtschaft dort oben aufgegeben, erzählt David Rodriguez Mendez, der Wirt unten in Bulnes. Heute bleibt das Vieh allein oben, die Hirten leben nicht mehr in den Hütten. David war vier als sein Vater, ein begeisterter Kletterer, das alte Haus als Ferienhaus gekauft hat, das David jetzt als Restaurant betreibt. Er hat verfolgt, wie das harte Bergbauernleben in Bulnes zu Ende ging, die Touristen kamen und 2001 eine Standseilbahn zu dem vorher nur zu Fuß erreichbaren Dorf gebaut wurde. Natürlich ist das derart exotisch abgelegenes Dorf seither zur Touristenattraktion geworden. Touristisch hat sich das hier unglaublich entwickelt, aber im Sinne der Berglandwirtschaft ging es im Krebsgang, nämlich rückwärts, sagt David. Somit ist genau das verloren gegangen, was Bulnes eigentlich ausmacht. Er bedauert auch, dass der Ort, obwohl er äußerlich noch vollkommen so aussieht als stünde er in einer ganz anderen Zeit, im Sommer von Touristen überflutet wird. Es bräuchte eine bessere Bildung und Eingangskontrollen, meint David, und wenn man kassieren würde, könnte man mit den Einnahmen die Infrastruktur wie zum Beispiel den Wegebau finanzieren. Vom oberen Ortsteil überblickt man übrigens die gesamte Schlucht, wo die Leute auf ihrem Weg zum Dorf früher geschwitzt und gelitten haben.

Rasanter Felsabbruch der Picos

Der felsige Weg über dem Bergbach führt hinaus zur Straße nach Poncebos, wo auch die gewaltige Cares-Schlucht beginnt: ein 1500 Meter tiefer Canyon, der die Picos spaltet und zu den größten Wanderattraktionen Spaniens zählt. Menschenmassen strömen hier in der Hochsaison hindurch. Wer aber abzweigt auf die alten, steilen und oft auch abschüssigen Almwege hinein ins Gebirge, der ist schlagartig in einer weltverlassenen Einsamkeit. Dort gibt es noch viele Gipfel ohne bezeichnete Wege in den von Gletschern so bizarr zugerichteten Kalkhochflächen, aus denen der Felsturm des Naranjo de Bulnes so aufreizend herausragt.

Karte: Naranjo de Bulnes

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Karte: Naranjo de Bulnes


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