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Sehnsuchtsorte in den Alpen Neuer Bildband „Hütten hoch zwei“ von Bernd Ritschel

Sie sind oft das letzte Ziel eines Bergtages oder Ausgangspunkte, zugleich Zufluchts- und Sehnsuchtsorte und bieten eine strategisch wichtige Infrastruktur: die Berghütten der Alpen. 321 gehören allein dem Deutschen Alpenverein, in unserem Nachbarland Österreich stehen über 500 Alpenvereinshütten, 230 davon führt der Österreichische Alpenverein. Einige dieser Berghütten hat der oberbayerische Alpinfotograf Bernd Ritschel mit der Kamera aufgesucht - in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz.

Von: Kilian Neuwert

Stand: 16.05.2020

Cover: Hütten hoch zwei | Bild: BR

Nach einem ersten Buch über Hütten hat er nun einen zweiten Bildband vorgelegt, der sich diesem Thema widmet: „Hütten hoch zwei – Neue Sehnsuchtsorte in den Alpen“.

„Bei meinen bergsteigerischen Unternehmungen hatte ich allzeit den Grundsatz: Es kommt nicht auf die Leistung, sondern auf das Erlebnis an.“ Dieses Zitat des Eiger-Nordwand-Erstbegehers Anderl Heckmair springt den Leser auf der ersten Seite des Bildbands förmlich an. Gedruckt ist es unter das Foto eines Fensters der Schönbielhütte. In der Scheibe spiegeln sich der blaue Himmel und das von Schnee und Eis bedeckte Matterhorn - ein starker Kontrast zum Rot der Fensterläden.

Auf das Erlebnis kommt es an – dieses Zitat Heckmairs scheint den Anspruch des neuen Buchs zu verdeutlichen: Hütten und ihre Standorte im Hochgebirge erlebbar machen. Der Alpinfotograf Bernd Ritschel und die Autoren Frank Eberhard und Sandra Freudenberg versuchen das anhand von 30 Hüttenportraits auf knapp 250 Seiten. Vorgestellt werden Hütten, „die um ihrer selbst willen ein lohnendes Ziel sind“, so die das Trio um Bernd Ritschel. Darunter sind bekannte und eher unbekannte Berghütten, aber keine bloßen Zwischenstationen auf dem Weg zu einem namhaften Gipfel, wie es im Vorwort heißt.

„Wie eine Burg sitzt sie da oben in der Scharte – die Meilerhütte auf 2366 Metern Höhe im Wettersteingebirge. Alle Wege dorthin gestalten sich lang und erfordern ordentliche Bergsteigerwaden. Vor allem wer von Deutschland aus zusteigt, glaubt kaum, dass es im schmalen Alpenstreifen diesseits der Grenze eine so ausgedehnte Wandertour gibt.“ So wie die Meilerhütte wird jedes Schutzhaus porträtiert: Ein kurzer Text liefert wesentliche Informationen, vielleicht auch eine Anekdote oder Besonderheit aus der Geschichte der Hütte. In einer Tabelle finden sich Fakten: Höhe, Talort, Zustieg, Telefonnummer usw., daneben dann die Fotografien Bernd Ritschels, die den Zauber von so manchen Hüttenstandorten spüren lassen – zum Beispiel der mondbeschiene Bayerländerturm unweit der Meilerhütte, die Nacht über den Kalkfelsen des Wettersteins oder die Morgendämmerung über dem Isartal mit dem Nebel in den Niederungen und den noch dunklen Flanken der Berge, während der Tag orangeglühend am Horizont anbricht. Abe auch das Alltägliche in der Höhe ist abgebildet: die Kinder der Hüttenwirte beim Schaukeln oder in der Küche vor der Spüle, die zum Trocknen aufgehängte Wäsche und vieles mehr.

Neben der Meilerhütte finden sich unter anderem das Soiernhaus und die Blaueishütte unter den deutschen Schutzhäusern im Buch. Die Zusammenstellung wirkt dabei willkürlich. Höher hinaus geht es naturgemäß in den anderen Alpenländern: Da ist etwa die Rauhekopfhütte in Österreich, gelegen auf 2731 Metern Höhe in den Ötztaler Alpen. Einen festen Wirt gibt es hier nicht, Ehrenamtliche wechseln sich ab. Schon der Zustieg ist eine Hochtour: „Mit einem Knirschen bohren sich die zwölf Zacken des Steigeisens in das Eis. Schritt für Schritt geht es durch eine abenteuerliche Welt über die flache Zunge des Gepatschferners. Rechts und links rumpelt es immer wieder, wenn sich Steinschlag aus den Steilhängen löst, die den Gletscher flankieren.“ Oder die Schönbielhütte in der Schweiz, die gegenüber der Matterhorn Nordwand steht. Viele Bergsteiger erleben sie im Winter als letztes Etappenziel der Skidurchquerung „Haute Route“ vor Zermatt. Bernd Ritschel hat die Schönbielhütte auch im Sommer besucht und dort einen wunderbaren Morgen festgehalten, Fast kann man die kühle Bergluft beim Betrachten des Fotos schmecken.

Seit über 30 Jahren durchstreift der 1963 geborene Oberbayer Bernd Ritschel die Berge der Welt mit der Kamera. Mehr als 30 Bildbände hat er veröffentlicht und für „Hütten hoch zwei“ über 80 Tage in Schutzhäusern verbracht. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Ritschel entführt den Betrachter seiner Bilder an Orte, an denen dieser schon war. Das weckt Erinnerungen an das Abendessen vielleicht, die damals vergessenen Steigeisen, an den langen Zustieg, den Sonnenaufgang oder die eigene Lebenssituation während dieser Tour. Er weckt mit seinen Bildern aber auch die Sehnsucht neue Landschaften zu erkunden und neue Hütten zu besuchen, weniger um einen namhaften Berg auf einer bestimmten Route zu besteigen, sondern vielmehr um zu verweilen und zu schauen. Dabei nimmt Bernd Ritschel all denen etwas ab, die zwar Sonnenaufgänge lieben, aber auch gern mal länger schlafen, denn für seine stimmungsvollen Bilder muss der Fotograf wohl dutzende Male sehr früh aufgestanden sein.

Der Bildband „Hütten hoch zwei – Neue Sehnsuchtsorte in den Alpen“ ist im National Geographic Buchverlag erschienen und kostet knapp 50 Euro.


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