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Singend auf den Kilimandscharo Mit einem Lied auf den Lippen auf Afrikas höchsten Berg

Dass Afrikaner sangesfreudige Menschen sind, könnte man als Klischee abtun. Wer aber mit tansanischen Bergführern auf den höchsten Gipfel des Kontinents klettert, der wird eines Besseren belehrt, denn einheimisches und traditionelles Liedgut ist auch bei der jungen Generation noch en vogue. Trotz der großen Höhe und eisigen Kälte am Kilimandscharo haben die Bergführer und Helfer bis hinauf zum Gipfel auf fast 6000 Meter Höhe immer noch ein Lied auf den Lippen.

Von: Folkert Lenz

Stand: 11.01.2019

Mit einem Lied auf den Lippen auf Afrikas höchsten Berg | Bild: BR; Folkert Lenz

Wer beim Aufstieg wilde Tiere getroffen und den Dschungel sowie die ostafrikanische Bergheide durchquert hat, der wird am Ende zwischen Tafel-Eisbergen und Lava-Brocken mit einer Gipfel-Hymne überrascht – und das alles in extrem dünner Luft!

Stufen statt Sicherungsketten: Die Schlüsselstelle der Umbwe-Route ist entschärft.

Das Kilimandscharo-Lied schwebt sozusagen über allen Gipfeln in Tansania. Am Kilimandscharo ist es kein Bergsteigerchor, der den Swaheli-Song zum Besten gibt, sondern ein großer Trupp von Lastenträgern. Schlafsäcke, Zelte, Proviant und Wasser für sechs Tage müssen den Berg hinaufgeschafft werden. Die neunköpfige Touristengruppe hat deswegen 31 Begleiter. Es ist eine kleine Karawane, die sich da zum Gipfel schlängelt. Die Tour auf den höchsten Berg Afrikas ist eine Wanderung durch den Klimagürtel der Erde. Nach dem Start zwischen Kaffee- und Bananen-Plantagen, geht es hinein in dunklen Regenwald. Nach einem Tag lichtet sich das Blätterdach, man wähnt sich in einem „goblin forest“, einem Märchenwald. Von den Bäumen hängen so viele längliche Moose und Bartflechten herab, dass man die Äste gar nicht mehr sieht. Die Flechten und Moose, die sich wie Spinnweben an den Erikagewächsen festgehalten, haben etwas Mystisches, vor allem im Mondschein.

Breakfast Wall: Eine Herausforderung für die Träger.

Wirkliche Kletterei gibt es nicht beim Anstieg auf den Kilimandscharo. Doch an der so genannten Breakfast-Wall müssen dann doch ein paar Mal die Hände aus den Hosentaschen, denn nach dem Frühstück am dritten Tag wartet eine große braune Felswand, durch die der Weiterweg führt. Der tansanische Bergführer Donovan zeigt in die Höhe zur Spitze der Breakfast-Wall. Die etwa 150 Höhenmeter sind für die meisten Träger mehr Spaß als Herausforderung. Trotzdem gehen sie auch hier sehr konzentriert. Nach einem Open-Air-Ständchen meistern auch die ausländischen Bergsteiger die Passage ohne Probleme. Langsam macht sich die dünne Luft bemerkbar. Die letzten Gewächse sind der alpinen Steinwüste gewichen. Die 4000-Meter-Linie ist erreicht, und so mancher sorgt sich, ob er den Gipfel hinsichtlich der Höhe auch wirklich erreichen wird. Pole, pole ist das her das richtige Motto – langsam gehen, Schritt für Schritt.

Höhepunkt: „5895 m“ zeigt der Höhenmesser am Handgelenk

Nur ein paar Stunden Schlaf sind vor dem Gipfelsturm möglich. Bergführer Daniel gibt letzte Taktik-Tipps: genug essen, viel trinken und dann immer „pole-pole“ laufen, nach einer Stunde eine Pause machen, dann weiterlaufen. Der Aufbruch zum Gipfel erfolgt dann zur Geisterstunde. Es ist eine stockdunkle Neumondnacht und nur das Flackern der Stirnlampen ist an den Hängen des erloschenen Vulkans zu sehen. Doch ganz ohne Musik geht es auch auf dieser Etappe nicht. Die Bergführer verständigen sich mit Wechselgesängen. Bitterkalt werden Hände und Füße, minus 15 Grad zeigt das Thermometer als endlich die Sonne über der Savanne aufgeht. Noch eine Stunde Weiterweg über den Kraterrand des Kilimandscharos, dann ist das Schild erreicht, das den Gipfel markiert: 5895 Meter über dem Meer zeigt der Höhenmesser am Handgelenk. Die Freude ist atemlos und tränendurchsetzt – und musikalisch, denn auch der Gipfelerfolg wird mit einem Lied gefeiert.

Der Kilimandscharo


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