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Auf einer einsamen Überschreitung Über das Kienjoch in den Ammergauer Alpen

Der Bergsommer hat sich hinausgezögert in der Höhe, aber wenn der Schnee erst einmal weg ist, dann geht es rasend schnell: Schon stehen die Wiesen im Tal in der Blüte, während auf 2000 Meter Höhe Mehlprimeln, Aurikel und Enzian aufgeblüht sind. Eine Bergtour über das knapp 2000 Meter hohe Kienjoch in den Ammergauer Alpen wird so zu einem Streifzug durch die Jahreszeiten mit Blick in die verschneiten Ketten von Wetterstein und Karwendel.

Von: Georg Bayerle

Stand: 22.06.2019

Unterwegs auf einer einsamen Überschreitung | Bild: BR; Georg Bayerle

Da ist es - das würzige Aroma des ersten Sommerheus immer um Fronleichnam herum, als wir als Kinder Blumen aus den blühenden Wiesen in den Bergen gestreut haben. Ein olfaktorisches Ereignis, das einen ganzen Strom an Bildern von Menschen, ihrer Kultur und der Landschaft wachruft.

Blick übers Graswangtal

So reichhaltig wie im Graswangtal blühen die Wiesen nur an wenigen Orten in den bayerischen Bergen. Schon werden die ersten Flächen gemäht, und schnell ist jetzt auch der Schnee oben auf den Gipfeln verschwunden, berichtet Gerhard Schwaninger, der Revierjäger, der die morgendliche Kühle nutzt und das frisch geschnittene Gras zusammenrecht. In seinem Revier zieht zwischen den breiten Rücken von Notkarspitze und Kuchelberg ein auffallender Kamm direkt nach Süden ins Gebirge: das Kienjoch. Es ist eine Tour in natürliche Einsamkeit, denn es gibt dort nichts, keine Hütte und keine Bergbahn - und es ist weit, gute 20 Kilometer und 1200 Höhenmeter zählt die Kienjpch-Überschreitung. Die ausgefüllte Tagestour geht nach der kurzen Wiesenaromatour durch die Ebene gleich in einen langen Aufstieg auf einem schmalen Steiglein über. die Runde ist unmarkiert und etwas verwachsen - so wie es Bergler lieben!

Frühjahrstrikolore

Hier am Alpenrand aber hat es den Schnee bis auf 2000 Meter praktisch komplett weggeputzt. Wo unten in den Wiesen jetzt langsam der Sommer aufblüht, ist 1000 Meter höher gerade der Frühling angekommen: gelb, rosa und blau - die typische alpine Frühjahrstrikolore aus Aurikel, Mehlprimel und Enzian. Auch das Tierleben regt sich, eine Schlange lässt sich von der Sonne wärmen. Nach zwei Stunden Gehen durch den Bergwald beginnt die lange Gratwanderung über drei Gipfel, wo auch an heißen Tagen immer ein Lüfterl weht und der Blick und das Dasein weit, frei und luftig werden.

Von der Zugspitze bis zum Karwendel

Diese langen Kammüberschreitungen sind typisch für die Ammergauer Alpen. Josef und Susanne aus Ansbach kommen uns entgegen – sie haben, so wie viele andere, wie dem Gipfelbuch zu entnehmen ist, den unscheinbaren Abzweiger gleich am Anfang verpasst und gehen die Tour in der Gegenrichtung. Macht auch nichts und für nicht so trittsichere und schwindelfreie Geher ist der Weg über die Forststraße quasi von hinten herum aufs Kienjoch zu empfehlen, denn oben auf dem Grat ist Trittsicherheit absolute Pflicht. So oder so zeigen die Ammergauer ihre einzigartige Schönheit, die einfach da ist, wo die Natur in ihrer ungestörten Ruhe sich selbst überlassen bleibt.

Karte: Das Kienjoch

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Karte: Das Kienjoch


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