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Bergwald-Projekt im Zuge des Klimawandels Die Höhengrenzen von Baumarten

Um zwei Grad ist die Jahresdurchschnittstemperatur in den Alpen in den vergangenen 120 Jahren angestiegen. Besonders sichtbar wird das an den rasant schmelzenden Gletschern. Mit dem Temperaturanstieg ändert sich aber auch die Vegetation. Bäume wandern in die Höhe.

Von: Georg Bayerle

Stand: 31.08.2019

Bergwald-Projekt im Zuge des Klimawandels | Bild: BR; Georg Bayerle

Wie das in den bayerischen Alpen abläuft, will die Hochschule Weihenstephan in einem Projekt erforschen, an dem auch jeder interessierte Wanderer und Bergsteiger mitwirken kann. „Höhengrenzen von Baumarten selbst bestimmen“ nennt sich dieses Projekt. Interessierte können ein Formular bei sabine.roesler@hswt.de anfordern oder hier herunterladen. In den kommenden Monaten soll auch eine App entstehen.

Genaue Aufnahme der höchsten Fundstücke

Elena und Franziska stapfen durch den Bergwald auf gut 1600 Meter Höhe im Wetterstein unter dem Schachen. Ein 20 Zentimeter kleines Pflänzchen wächst hier unter hohen Fichten; unschwer zu erkennen an den hellgrünen, eiförmigen Blättern: eine junge Buche. Für das Foto zupfen die beiden das Gras weg und lokalisieren den Standort per GPS. Das Besondere daran: Früher wuchsen Buchen bis maximal 1400 Meter Höhe, hier aber sind es über 1600 Meter.

Standort einer Moorbirke

Die beiden Studenten gehören zu einer Gruppe angehender Forstwirtschaftler der Hochschule Weihenstephan, die heute nach den höchsten Standorten der verschiedenen Baumarten suchen. Als Messlatte dient die historische Bestandsaufnahme von Otto Sendtner: Im Jahr 1854 hatte der Botaniker drei Jahre lang die bayerischen Alpen erforscht, erklärt Sabine Rösler, die das Projekt durchführt. Damals war das eine Auftragsarbeit für König Max II., bei der es darum ging, die Höhengrenzen der Baumarten flächendeckend zu erfassen. Die höchste Buche wurde bei 1480 Meter Höhe notiert, die höchste Fichte gedieh auf 1780 Metern und die höchste Latsche auf 2130 Metern. Die jetzt lokalisierte Buche der beiden Studentinnen wächst also rund 200 Meter höher als die höchste Buche, die Otto Sendtner am Ende der so genannten Kleinen Eiszeit kartiert hatte, Seither wurde nie wieder eine ähnliche Untersuchung durchgeführt.

Die kleine Fichte ist schon Jahrzehnte alt

Die Studenten Maximilian und Matthias haben nach einer guten Stunde schon eine ganze Baumliste zusammen: Bergahorn, Eberesche, Saalweide, Waldkiefer und einiges mehr. Auch bei ganz normalen Wanderern und Bergsteigern wollen die Weihenstephaner Forscher das Interesse wecken. Schließlich zählt das Vorhaben zu den Bürgerprojekten im Forschungsverbund der „Baysics“, der bayerischen „Citizen Science“, wie es auf Englisch heißt.  Viele Wanderer sind mit Smartphones unterwegs und können so beim Aufstieg nach den Baumarten schauen und sie beim Abstieg dann kartieren, weil sie ja erst am Gipfel endgültig wissen wo sie die höchste Tanne oder Buche entdeckt haben.

Vegetationsgrenzen unter der Alpspitze

Mit der Erwärmung wandern die Bäume mit, theoretisch um 200 Meter Höhe je Grad Temperaturanstieg. Was das im Einzelnen bedeutet, ist noch nicht überschaubar, denn von unten rücken Pflanzen nach, die den oft hochspezialisierten Gebirgsgewächsen Konkurrenz machen. Weil oberhalb der heutigen Waldgrenze von rund 1800 Meter die Lebensbedingungen zunehmend felsig und karg werden, gibt es aber nicht viel Luft nach oben. Die am Berg langsam wachsenden Bäume können kaum mit der Dynamik der Erwärmung mitwandern, sagt Projektleiter Jörg Ewald, und leiden zudem immer mehr unter Trockenheit und Hitzestress. Sollte zum Beispiel die Fichte mit einem Schlag sterben und nichts mehr nachkommen, dann führt das zur Erosion. Noch können die Wissenschaftler nicht abschätzen, wie genau der Wandel im Bergwald abläuft, aber die Funde weisen möglicherweise den richtigen Weg.

Für die jungen Forststudenten aus Weihenstephan, die an diesem Tag als Testpersonen unterwegs sind, sind die Ergebnisse eindrucksvoll. Insbesondere Laubbäume finden sie auf über 1600 Metern, während der Bergmischwald normalerweise um die 1400 Meter aufhört. Im Idealfall entsteht nun die bisher größte Datensammlung quer durch alle bayerischen Gebirgsgruppen. Gleichzeitig sollen die Berggeher selbst ein Gefühl dafür bekommen, wie der Klimawandel die heimische Natur verändert.

Karte: Am Schachen

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Am Schachen


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