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Bergsteigen bei Leh in Ladakh Unterwegs in der Hochgebirgswüste von „Klein-Tibet“

Eines der bekanntesten Trekking-Gebiete des Himalaya ist Ladakh im äußersten Norden Indiens an den Grenzen zu China und Pakistan. Bekannt ist die Gegend auch als „Klein-Tibet“, weil hier der Buddhismus mit Klöstern und Tempeln eine ähnliche Ausprägung gefunden hat wie in Tibet selbst, zumal der alte Palast von Leh auch an den berühmten Potala in Lhasa erinnert.

Von: Georg Bayerle

Stand: 06.09.2018

Leh Ladakh: 'Klein-Tibet' | Bild: BR/Georg Bayerle

Rund um das quirlige Verwaltungszentrum Ladakhs breiten sich unter einem tiefblauen Himmel ockerfarbene Bergketten aus und locken mit Tourenzielen bis auf 6000 Meter hinauf.

Hoch über der Oase von Leh

Das Schnarren der Gebetsmühlen versickert im weiten Raum der Hochgebirgswüste. Von Tsemo Gompa, dem alten Tempel über dem Stadtpalast von Leh, führen Pfade den Bergrücken entlang. Von unten sichtbare Gebetsfahnen zeigen, dass die namenlosen Gipfel dieser ersten Bergkette über der 3500 Meter hoch gelegenen Stadt, bestiegen werden. Zu zweit sind wir losgezogen, direkt vom einfachen Hostel aus, zum Akklimatisieren und um das Gelände zu erkunden. Nach zwei Stunden stehen wir auf dem Gipfelkamm. Die Aussicht reicht prachtvoll über die Stadt und das ganze Industal mit den grünen Oasen hinweg bis zu ausgetrockneten Bergtälern. Völlig überraschend kommt noch einer daher: Davide Marquis stammt aus der französischen Schweiz und ist vier Wochen zum Bergsteigen hier unterwegs.

Auch Davide ist einfach nach Gefühl hochgestiegen. Richtig gute Wanderkarten für Ladakh gibt es eher in Deutschland als vor Ort. Der wohl um die 4000 Meter hohe Gipfel hoch über Leh hat keinen Namen, doch der Blick von hier ist prachtvoll. Auch der über 6000 Meter hohe Stok Kangri mit seinem verschneiten Gipfel ist zu erkennen. Er ist der alpinistisch leichte Sechstausender-Klassiker von Leh. Auch Davide will in den nächsten Tagen seine Tourenwochen mit diesem Gipfel krönen, nachdem er zwei Wochen lang im Markha-Tal über 5200 Meter hohe Pässe unterwegs war: drei Wanderer mit acht Maultieren, Führer, Koch und Gehilfe.

Das Materiallager beim Bergführer

Die Atmosphäre der buddhistischen Gebete begleitet den Aufenthalt in der neuerdings von indischen Touristen überschwemmten, quirligen Altstadt von Leh. In einer langen Nebenstraße reihen sich Internetcafés, Restaurants und Trekkingläden aneinander. Hier lassen sich die Touren direkt vor Ort buchen. Mit am besten sortiert ist das Geschäft von Sonam Chospel. Steigeisen, Zelte, Eispickel – alles kann man bei ihm ausleihen, und zwar in historischer Anderl-Heckmair-Qualität, was dann nicht so viel kostet. Der athletische Ladakhi hat allerdings auch neues Gerät zum Verleihen. An der Wand hängt eine bayerische Flagge, denn er war früher der örtliche Agent und Bergführer für den DAV-Summit-Club. Was die Europäer betrifft, sagt er, hat sich nicht viel geändert, sie wollen nach wie vor klassisches Trekking machen oder auf einen der Trekking-Gipfel wie den Stok Kangri steigen.

Am weiten Gipfelrücken auf 5400 Meter

Weil wir für eine der großen Touren zu wenig Zeit haben, folgen wir dem Instinkt und dem viel zu großen Maßstab der Wanderkarte. Bei den guten Wetterverhältnissen der Hochwüste geht es auf einfachen Pfaden oder auch weglos über die Bergkämme. Von einem weiteren Gipfel sehen wir hinunter auf den mit 5360 Meter höchsten befahrbaren Gebirgspass der Erde, den Khardung La. Beim Abstieg treffen wir einen französischen Archäologen, Quentin Devers vom französischen nationalen Forschungszentrum CNRS. Seit zehn Jahren spürt er an den abgelegensten Stellen in Ladakh alte Gebäude auf und versucht sie zu erhalten.

Und er hat tatsächlich eine gute Landkarte dabei, die zeigt, dass es hier Täler gibt, die heute fast unbewohnt sind, aber eine unverhältnismäßig große Zahl archäologischer Plätze haben. Diese Täler hatten somit einmal eine Bedeutung, denn es brauchte Geld, um die Infrastruktur damals aufzubauen. Man kann daraus ablesen, wo einst Handelsrouten verlaufen sind. In historischer Zeit wurde hier Moschus transportiert, der Grundstoff für Parfum. Die besten Parfumhersteller gab es in Arabien, den teuren Moschus aber nur auf dem tibetischen Hochplateau. Von dort führten Seitenwege der Seidenstraße durch Ladakh, das einst eine Drehscheibe für den Moschushandel war. So reichten die Verbindungen von europäischen Königshöfen schon im Mittelalter bis in diese abgelegenen Himalaya-Wüstentäler von Ladakh, und heute folgt die Fantasie den Wegen des luxuriösen Duftstoffs durch Zeit und Raum.

Die Hochgebirgswüste aus der Vogelperspektive

Jenseits der berühmten Klöster Ladakhs drohen die gewachsenen Orte in den abgelegenen Tälern zu verfallen. Quentin Devers führt somit einen einsamen Kampf, aber es gibt neuerdings Hoffnung, denn die junge Generation der 20-Jährigen fängt an, sich auf traditionelle und authentische Materialen zurückzubesinnen. Die Babyboomer wollten Häuser aus Beton, weil das als modern galt. Doch der Beton ist im Winter kalt. Die traditionellen Lehmziegel dagegen isolieren hervorragend. Sie sind sehr lange haltbar unter den hiesigen Bedingungen, da es kaum regnet oder schneit.  

Somit besteht Hoffnung, dass der einzigartige Charakter von Klein-Tibet mit den würfelförmigen und an den Hängen treppenartig gestaffelten Häusern erhalten bleibt. Sie wirken wie hineingewachsen in die lebensfeindliche Umwelt des nackten Hochgebirges von Ladakh, einem Trekkingparadies in einer Landschaft, die praktisch die reine Lehre von der Entsagung an allen glitzernden Schein verkörpert. Es sind Berge reinen Seins, könnte man philosophisch sagen. Schweigend stehen sie da, während indische Touristen in Kolonnen über die Pässe fahren und das Militär waffenstarrend über die umstrittenen Landesgrenzen wacht.

Karte: Ladakh

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Ladakh


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