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In den Dolomiten Vier Jahre nach Orkan Vaja im Naturpark Paneveggio

Als im Oktober 2018 Jahren der Orkan Vaia durch die Dolomiten gefegt ist, konnte der Sturm den Felswänden der Pala di San Martino nicht viel anhaben. Aber am Fuß der Bergwände wurde damals mit 217 km/h die höchste Windstärke gemessen: auf dem Rollepass im Naturpark Paneveggio. In den Wäldern unterhalb des Passes hat Vaia eine Schneise der Verwüstung hinterlassen.

Author: Georg Bayerle

Published at: 8-10-2022

Vier Jahre nach Orkan Vaja im Naturpark Paneveggio  | Bild: BR; Georg Bayerle

Deutlich sichtbar ziehen sich ausgedehnte kahle Stellen über die Berghänge. Inzwischen ist zwar buchstäblich Gras über die kahlgefegten Berge gewachsen, aber das Echo dieses größten Sturms in den Dolomiten ist immer noch spürbar: Zum Beispiel bei Roberta Secco, der Wirtin der Rosetta-Hütte: Drei Jahre hat es gedauert, bis alle Wege wieder freigelegt wurden, es ist die erste Saison, in der sie ganz normal benutzt werden konnten. Aber das Bild der Landschaft hat sich verändert, die Bäume fehlen und zum Schutz vor Lawinen und Muren wurden an den nackten Berghängen über Predazzo Galerien von Lawinenverbauungen aufgestellt, wo der Schutzwald ausgefallen ist.

Schäden im Geigenwald

Verbauungen und natürlicher Lawinenschutz

Bis der Schutzwald wieder wächst, werden Jahrzehnte vergehen. Das zeigt sich in der „foresta dei violini“, dem Geigenwald, berühmt für seine besonders schön gwachsenen Tonholzfichten. Auf der westlichen Bergseite ragen nur noch einzelne zerzauste Bäume in den leeren Himmel, der Rest ist kahl. In regelmäßigen Abständen sind kleine Bereiche abgezäunt, wo Elio Diselvestro, der Förster, junge Bäumchen gepflanzt hat – mit einer entscheidenden Veränderung: „Die Tatsache, dass es hier reinen Fichtenwald gab, hat natürlich nicht geholfen. Wo wir jetzt pflanzen, nehmen wir verschiedene Baumarten. Ein Mischwald mit Lärchen und Zirben wird uns in Zukunft helfen.“ Elio Disilvestro stammt aus dem Fleimstal, dem Val di Fiemme, das hier oben in den Naturpark Paneveggio übergeht. Der alpine Fichtenwald hat ihn ein Leben lang immer begleitet: „Für uns ist der Wald wie ein zweites Heim. Er ist die Quelle des Lebens und der Arbeit, hier kommt das Holz für den Bau her. Es ist der Ort, wo Menschen immer Ressourcen gefunden haben, auch in Krisenzeiten oder unter harten Klimabedingungen.“ Für die Bergbauernkultur der Dolomitentäler war Vaia deshalb eine derart tiefgreifende Erschütterung.

Himbeeren als Pionierpflanzen

Aufnahme direkt nach dem Sturm

Mittlerweile bedecken Gras und Gestrüpp die kahlen Flächen und so schöne und große Himbeeren sind gekommen, schwärmt Nadia Delvai, die sie zu Marmelade verarbeitet und hier im Tal für den Tourismus arbeitet. Den Besucherzahlen haben die Sturmschäden in den Wäldern keinen Abbruch getan. Sie waren teilweise geschockt und haben sich über den Klimawandel Gedanken gemacht, aber die Gäste kamen in diesen Jahren wie immer. Tatsächlich sind ganz neue Panorama-Ansichten entstanden, aber das tröstet nur schwach über den Verlust von rund drei Millionen Bäumen hinweg.

Der Tonholz-Nachschub könnte stocken

Elio Disilvestro kümmert sich um den Jungwald

In Tesero, einem Bergdorf ein Stück weit das Fleimstal abwärts, sucht Piera Ciresa gerade besonders schöne Holzstücke aus. Die Seniorchefin der Tonholzfirma Ciresa braucht sie für eine Messe in der alten Geigenbauerstadt Cremona. Nach dem Sturm hatte sie sofort ihre Spezialisten losgeschickt, die versucht haben, die seltenen für Tonholz geeigneten Stämme herauszufischen. Der Baum muss gleich und langsam gewachsen sein, ohne Verknotungen im Holz; 120, 150 Jahre lang, unter beständigen Bedingungen. Noch hat sie in ihrer Firma viele der seltenen Stücke auf Lager. Aber die Zukunft ist unsicher, denn ganze Generationen von Wald wurden durch Vaia massiv ausgedünnt. „Für die Zukunft brauchen wir Kraft, Geduld und Glück. Eine lange Zeit muss man warten, bis die Bäume wieder wachsen“, sagt Piera Ciresa.

Nach dem Sturm die Plage: Borkenkäfer

Das bestätigt der Förster Elio Diselvestro, zumal nach dem Sturm nun eine Borkenkäferwelle durch die Dolomitenwälder fegt, die noch einmal so großen Schaden anrichten könnte wie der Jahrhundertorkan Vaia: „Dieses Insekt, der Borkenkäfer hat optimale Bedingungen, um sich weiter zu verbreiten. So geht das noch Jahre weiter und wir müssen uns bewusst werden, dass sich der Anblick unserer Wälder verändern wird.“ Wie genau, das werden erst die Menschen in einem Jahrhundert sehen. Denn im Bergwald ticken die Uhren anders und so lange dauert es mindestens, bis nach dem Sturm wieder ein richtiger Bergwald gewachsen ist.

Eine ausführliche Reportage vier Jahre nach Vaia in den Dolomiten sendet das Notizbuch hier auf Bayern2 am kommenden Mittwoch, 12.10., zwischen 10 und 12 Uhr.


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