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Stützpunkt für Piz-Badile-Aspiranten seit 60 Jahren Die Sasc-Furä-Hütte im Bergell

Der Piz Badile im Schweizer Bergell ist für Kletterer einer der Höhepunkte der Alpen. Manchem gilt er gar als Kathedrale aus Granit - und tatsächlich muss man den Kopf in den Nacken legen, wenn man der Linie seiner steil aufragenden Nordostwand oder der bekannten Nordkante folgen will. Wer ihn über eine der namhaften Kletterrouten besteigen will, macht meist Quartier auf der Sasc-Furä-Hütte unterhalb des Piz Badile. Fern von massentauglichen Zielen ist sie ein echtes Bergsteiger-Refugium geblieben, und das sei nunmehr 60 Jahren.

Von: Kilian Neuwert

Stand: 30.12.2020

Stützpunkt für Piz-Badile-Aspiranten seit 60 Jahren | Bild: BR; Kilian Neuwert

Mitte August 2020: Die Wolken hängen tief und verhüllen die umliegenden Gipfel. Doch der Blick ins Tal ist frei: Von unten nähert sich ein gelber Punkt, wird größer und lauter: Ein Helikopter ist im Anflug auf die Sasc-Furä-Hütte. Draußen auf der Terrasse hat sich das Team um Wirtin Heidi Altweger aufgebaut, eingehüllt in dicke Jacken. Die Schweizer Flagge flattert im Wind. Als der Heli über der Hütte steht – einen großen Transportsack am Lastenseil – muss es ganz schnell gehen, denn Flugminuten sind teuer.  Heidi Altweger wuchtet Gasflaschen auf die Granitplatten neben der Hütte. Ein Helfer trägt Kartons mit Fleisch, Frischwaren, Bier und Salz – alles Sachen, die nicht ausgehen dürfen.

Wirtin Heidi Altweger bewirtet die Hütte seit 14 Jahren

Mitte August brechen die letzten Wochen für Hüttenwirtin Heidi Altweger und ihr Team an. Jetzt ist gerade Hochsaison für die langen Klettereien am Piz Badile. Die Sasc-Furä-Hütte steht unterhalb des 3308 Meter hohen Bergs. Die besonders bekannten Routen kann man von der Hüttenterrasse aus mit dem Fernglas studieren: Die Nordkante und auch Abschnitte der legendären Via Cassin durch die Nordostwand sind auszumachen. Der Zustieg zu diesen begehrten Zielen beginnt im Lärchenwald gleich hinter der Hütte. Die Kletterer aus aller Welt umsorgt die Hüttenwirtin seit 14 Jahren. Postkarten in der Küche erinnern an Gäste aus fernen Ländern wie Korea oder Japan.

Der neue Hüttenzustieg nutzt alte Pfade und Wege

Berühmt-berüchtigt ist der Piz Badile auch für Seilschaften, die ganz plötzlich am Einstieg der großen Routen auftauchen – weit vor allen anderen, weil sie hoch über der Hütte biwakiert haben - nah an der Wand, um die Ersten zu sein. Heidi Altweger nimmt das überraschend gelassen, auch wenn es sie manchmal schon ärgert, dass einige biwakieren während die Hütte nur halbvoll ist. Aber mittlerweile hat sie auch Verständnis für dieses Flair von Abenteuer beim Biwakieren. An diesem Tag Mitte August aber kündigen sich viele Hüttenbesucher an. Es ist Freitagvormittag und die trüben Wolken sollen sich bald auflösen. Das Wochenende bringt „Badile-Wetter“: Sonnenschein und vor allem kein Gewitter am Berg!

Besonders bekannt: Seine Nordkante und die Via Cassin in der NO-Wand

Die Sasc-Furä-Hütte zählt zu den Hochgebirgshütten, über deren Auslastung allzu oft der Wetterbericht entscheidet. Denn bei mieser Prognose sind die großen, exponierten Linien am Piz Badile nicht anzuraten. So hat Heidi an Tagen wie diesem, wenn gutes Wetter bevorsteht, viel zu tun: Anschüren, Gemüse schneiden, Anrufe entgegennehmen. Hüttenwirtin sein – das war lange ein Traum der resoluten, aber sehr herzlichen 64-Jährigen. Dass sie ihn eines Tages verwirklichen konnte, hat die Sozialpädagogin nie bereut. Es war eine ihrer besten Lebensentscheidungen, sagt sie -  und: „Du träumst von etwas und dann musst du zupacken, wenn du es kriegst.“ Was sie gekriegt hat – mit ihrer erfolgreichen Bewerbung auf den Posten als Wirtin der Sasc Furä - ist ein echtes Bergsteiger-Refugium, in dem sich beim Essen die verschiedenen Sprachen mischen. Auch im 60.Jahr ihres Bestehens strahlt die Hütte Einfachheit und Bescheidenheit aus: ein schnörkelloser Bau aus Bergeller Granit mit roten Fensterläden. Draußen plätschert der Brunnen neben den zwei Toiletten. Drinnen: Lager, ein kleiner holzgetäfelter Speiseraum, eine einfache Küche. Einziger Luxus neben dem WLAN ist die Duschkabine. Doch auch wenn es Fernseher in den Lagern gäbe, würde die wohl kaum jemand einschalten, denn das beste Programm sieht man von der Hüttenterrasse aus: den Piz Badile, gleich einer Kathedrale aus Granit, von Wolken umspielt, mit dem Wahnsinns-Pfeiler der Nordkante.

Der Weg ist mit Ketten versichert und fordert Aufmerksamkeit

Martin und Thomas sind extra aus Köln angereist. Mehrere Stunden Hüttenzustieg liegen hinter ihnen, denn einen kurzen Weg hinauf zur Sasc-Furä-Hütte auf rund 1900 Metern Höhe gibt es nicht. Oder besser: Gibt es nicht mehr. Seit dem großen Bergsturz am nahen Piz Cengalo im Jahr 2017 sind mehrere Wege gesperrt. Der alte Hüttenweg ist auch betroffen. Für den neuen und schwierigeren, da teilweise ausgesetzten Weg braucht man rund fünf statt zwei Stunden wie früher. Heidi Altweger ist sich sicher, dass der Rückgang der Gästezahlen mit dieser Situation zusammenhängt. 2018, im Jahr nach dem Bergsturz, konnte sie überhaupt nicht aufsperren. 2019 kamen dann rund 50 Prozent weniger Gäste. Im Corona-Jahr 2020 ist die Situation kaum besser, zumal die Hütte auch gar nicht mehr ausgelastet sein darf. Tagesgäste kommen aufgrund der langen Wegstrecke ohnehin kaum mehr hinauf. Noch dazu ist ein beliebter Durchquerungsweg für Wanderer von den Sperrungen betroffen. Die Nachbarhütte – die „Sciora“ – ist noch immer geschlossen. Wie es bei all dem weitergeht auf der Sasc-Furä-Hütte im Bergell ist noch offen. Heidi Altweger und die zuständige Sektion des Schweizer Alpenclubs sind mit den Behörden in Kontakt und wollen die Hoffnung auf neue, sichere Wege nicht aufgeben, denn nur die Kletterer in Corona-Zeiten sind auf Dauer dann doch zu wenige Gäste, um von diesem harten Job leben zu können.

Karte: Die Sasc-Furä-Hütte

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Die Sasc-Furä-Hütte


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