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Auf den vierthöchsten Berg Afrikas Tour auf den Ras Dashan in Äthiopien

Die glühend heiße Danakil-Senke in Äthiopien gilt als Wiege der Menschheit, wurde 1974 hier doch AL 288-1 gefunden, besser bekannt als Lucy und an die 3,2 Millionen Jahre alt. Benannt wurde das frühe ur-menschliche Fossil nach dem Beatles-Song „Lucy in the Sky with Diamonds“. Noch immer arm, ist Äthiopien heute aber kein Hungerland mehr, sondern auf einem guten Weg, auch als Wander- und Trekking-Reiseland. Zum Beispiel bietet sich ein Zelttrekking auf den 4543 Meter hohen Ras Dashan an, den vierthöchsten Berg des afrikanischen Kontinents.

Von: Christoph Thoma

Stand: 21.12.2018

Auf den vierthöchsten Berg des afrikanischen Kontinents | Bild: BR; Christoph Thoma

Das Trekking im Semien-Nationalpark beginnt nach Akklimatisationstagen am Tana-Lake, Afrikas höchstgelegenem See, nahe der Kaiserpfalz Gondar. „Die Straße sagt dem Reisenden nicht, was vor ihm liegt.“ Dieses Sprichwort stammt aus Äthiopien, dem alten Abessinien und urchristlichen Land in den Bergen Ostafrikas, wo der Nil entspringt. Der Ras Dashan liegt im Nationalpark Semiengebirge. Ein mächtiger Gelada-Pavian begrüßt uns. Über 3000 Meter hohe Pässe schnauft der Bus durch eine bizarre Landschaft mit Schluchten und Tafelbergen. Es ist der letzte Fahr-Tag vor dem Trekking. Im Camp auf Großglockner-Niveau stehen die Zelte schon. Unser einheimischer Reiseleiter heißt Gabriel: „Ja, ich bin Gabriel, genau wie der Erzengel. Ich bin euer Schutzengel!“

Das RashDashan-Basecamp Ambiko, 3200m

Nach einer Schlafsack-Nacht auf 3600 Metern tastet sich die Sonne ins Camp. Im Semien-Nationalpark wird deutlich, warum Äthiopien als „Dach Ostafrikas“ bezeichnet wird. Viele Gipfel sind Viertausender. Wie ein Symbol steht ein riesiger Steinbock an der Abbruchkante. Der Steinbock ist das Wappentier Äthiopiens und der Arabischen Halbinsel. Denn – was kaum jemand weiß - von Axum aus wurde einst Arabien regiert, und deshalb regiert die Königin von Saba in Äthiopien und im Jemen. Zur Tierwelt im Semien-Nationalpark gehören neben dem Abessinischen Steinbock auch der endemische Semien-Fuchs, riesige Herden von Gelada-Pavianen, Hyänen, Berglöwen und Schakale.

Martialische Schrofen als letztes Hindernis

In Debark, 100 Kilometer nördlich von Gondar, hat die Nationalparkverwaltung ihren Sitz. Dort wird jeder Trekking-Gruppe ein Bergführer zuggeteilt. Mehrere Ranger steigen in den Bus, die mit Gewehren bewaffnet für Sicherheit sorgen sollen. Uns steht eine spannende Woche bevor. Nach 600 Höhenmetern Aufstieg folgt am 4200 Meter hohen Bwahit-Pass die erste Rast. Die Bergsteiger vergleichen ihre Höhenmesser-Uhren. Der Bergführer lächelt nur weise: „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“, heißt es in Äthiopien, und von mitteleuropäischen Präzisions-Einteilungen sogar kostbarer Urlaubstage, darf man sich in Afrika getrost verabschieden. Auf der anderen Seite: alles klappt, irgendwie. Der Gast fühlt sich jederzeit sicher, umsorgt und willkommen. 

Nationalpark-Ranger Sonat sichert den Aufstiegsweg

Steinig, lehmig und schmal ist der Abstieg auf der anderen Seite des Passes. Fast 1000 Höhenmeter geht es jetzt konzentriert und durchaus kraftraubend abwärts. Aber die Pflanzenwelt, die so anders ist als in den Alpen, sorgt für Abwechslung: Wacholder, Baumheide, Riesenlobelien auf über 3500 Metern Höhe. Die Mulis mit unserem Zeltgepäck überholen uns, dann kommt endlich ein Dorf in Sicht. Sofort sind wir wieder „gefragt“. Wandern in Äthiopien bedeutet auch, das Alltagsleben der Menschen zu erleben, die in unwirtlicher Gegend ihr Leben meistern. Nach dem Lunch heißt es noch einmal 400 Höhenmeter absteigen. Stöcke sind sinnvoll, weil der Weg rutschig ist, denn es regnet oft im Semien-Gebirge, vor allem am späten Nachmittag und in der Nacht. Dann ist der Mesheha-Fluss erreicht., aber damit noch nicht das Ende der Etappe. Um auf die veranschlagten sieben bis acht Stunden Gehzeit zu kommen, muss bis zum Zeltcamp Ambiko, 3200 Meter hoch gelegen, noch der Gegenhang bewältigt werden, der anfangs steil ist, und sich dann bequem zurücklehnt. Ambiko ist unser Basecamp für den Ras Dashan. 

Wake-Up-Call um 3.00 Uhr früh, Frühstück mit Porridge und Eiern um 3.30 Uhr im Messezelt. Fröstelnde, unausgeschlafene Menschen irren zwischen Toilettenhaus und Messezelt hin und her. Aufgeregt tanzen Glühwürmchen unter glitzernder Sternenpracht als wir um 4.00 Uhr aufbrechen, vorweg der Bergführer, alle hintereinander. Außer dem Klick-Klack der Stöcke ist nichts zu hören. Zum Reden ist es zu früh. Eine neu angelegte, in Serpentinen aufwärts strebende Piste hilft uns gut vorwärts zu kommen. Beim ersten Tageslicht finden wir uns schon 400 Höhenmeter über dem Camp in einer kargen Welt von Gräsern, Moosen und Flechten wieder.

Gipfelfoto auf dem vierthöchsten Einzelberg Afrikas

Obwohl die Akklimatisation noch nicht perfekt ist, hat das gleichmäßige, rhythmische Aufsteigen allen gut getan. Keiner kehrt um. Der freundliche Akloweg mit dem immer präsenten Rescue-Horse ist arbeitslos. Der Ras Dashan rückt rasch näher. Die letzten hundert Höhenmeter sind eine veritable Kletterpartie im 2. bis 3. Schwierigkeitsgrad, in den martialischen Schrofen kommt es auf die richtige Routenwahl an. Wer sich nicht sicher ist, dem wird geholfen. Der Fels ist fest, man findet gute Griffe. Wenn der Bergführer sieht, dass Hilfe nötig ist, wird ein Fixseil gelegt. Die Nationalpark-Ranger achten darauf, dass keiner auf Abwege kommt. Bedürfnislos und der rauen Witterung trotzend finden sich zarte Blüten in den Felsspalten. Und dann ist es geschafft: Um 10.45 Uhr steht die komplette Gruppe nach fast siebenstündigem Aufstieg am Gipfel. Das Gruppenfoto auf dem vierthöchsten Berg Afrikas nach Kilimandscharo, Mt. Kenya und Ruwenzori ist für alle eine bleibende Erinnerung.

Nach dem Ras Dashan folgen weitere Trekkingtage

Regen und Hagel begleiten den Rückweg ins Basecamp. Nach ziemlich genau zwölf Stunden Abenteuer Ras Dashan begrüßt uns die Zeltmannschaft mit Blumensträußen und heißem Tee. Kommt es uns nur so vor oder schmeckt das Abendessen im Messezelt heute besonders gut, ebenso das schlecht gekühlte Bier, das halbwüchsige Junghändler eifrig aus dem Dorf ins Lager schleppen. Wir haben etwas zu feiern. Eine lange Nacht wird es allerdings nicht, dazu sind wir dann doch zu müde, zumal das lauwarme Bier auch Wirkung zeigt.

Neugierige Blicke: Frauen beim Kaffeeklatsch am Flussufer

Technisch gesehen ist das Zelt-Trekking im Semien-Gebirge auf den meisten Etappen einfach, aber es gibt durchaus fordernde Passagen, vor allem sind es die langen Gehzeiten und großen Höhen in denen man sich bewegt, die den Ras Dashan trotz aller Unterstützung durch das Team zur Herausforderung machen. Kultur-, Wander- und Bergsteiger-Reisen mit Besteigung des Ras Dashan kann man bei mehreren Bergreiseveranstaltern buchen, unter anderem bei “Diamir”, „Top Mountain Tours” und dem „DAV Summit Club“, der Bergsteigerschule des Deutschen Alpenvereins. Unter www.tourismus.de/afrika/aethiopien gibt es allgemeine Informationen und im Gespräch mit Christoph Thoma noch weitere Tipps zum Wandern und Bergsteigen in Äthiopien.

Karte: Der Ras Dashan in Äthiopien

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Der Ras Dashan in Äthiopien


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