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Auf den Monviso im Piemont Legendärer Dreitausender in den Cottischen Alpen

In der Antike galt er als höchster Berg der Alpen, weil er über alle anderen Berge rundherum hinausragt: der 3841 Meter hohe Monviso in den Cottischen Alpen im Piemont. Wie der Großglockner besteht er aus dem besonders harten Serpentinit-Gestein und besticht durch seine elegante, zugespitzte Form. Nicht nur für Bergsteiger ist der Monviso ein herausragendes Ziel, er ist auch ein Schauplatz italienischer Alpingeschichte.

Von: Georg Bayerle

Stand: 03.06.2021

Monviso: Blick auf den Monviso vom Pian del Ré | Bild: BR/Georg Bayerle

Dunkle Patina färbt das Holz, mit dem die Bar im schlichten Steinhaus getäfelt ist: Pian del Ré, die Ebene des Königs heißt der 2000 Meter hochgelegene Platz an der Quelle des Po. Aldo Perotti ist der Wirt und bekommt leuchtende Augen, wenn es um seine Familiengeschichte geht.

Hütte am Pian del Ré

Wie ein Cicerone deklamiert er die alpinen Taten der Familie. So war der Opa der erste Hüttenwirt der ersten Hütte Italiens, dem nach dem Gründer des italienischen Alpenvereins benannten Rifugio Quintino Sella am Monviso. Der Papa wurde oben auf der Hütte geboren und deshalb Quintino getauft. Schon der Opa stand als Bergführer 500 Mal auf dem Monviso. Rekordhalter aber ist der Papa mit 749 Besteigungen des Monviso!

Der Start der Tour ist weniger bombastisch, denn überall treten in diesem vom Gletscher terrassierten Gelände Quellen und Bäche zu Tage. Eine Stelle, an der kristallklares Wasser aus Felsbrocken herausströmt, ziert die Aufschrift: „Quelle des Po“. Die Grande Traversata delle Alpi, der Südalpen-Weitwanderweg, führt hier vorbei, ebenso die landschaftlich herausragende Vier-Seen-Tour. Das Ganze gehört zum Naturpark Monviso mit ihrer fast tundra-artigen Landschaft in mediterraner Lage. Selbst der schwarze Alpensalamander, den wir gerade am Weg entdeckt haben, wurde hier 1980 als genetisch eigene Art bestimmt, erklärt uns der Naturparkwächter Marco Rastelli. Den „Salamandro di Lanzo“ unterscheidet von allen anderen Amphibien, dass der Nachwuchs aufgrund der kalten Umwelt im Körper des Weibchens heranwächst, bis die Jungen fertig entwickelt sind – und das dauert drei Jahre.

Das Hochtal der Sella Hütte

Der Bergsee an dieser Stelle ist nachtblau, der nächste See ein Stück weiter oben türkis gefärbt und geschmückt mit pinkfarbenen Weidenröschen am Ufer. Dann wird es wüst mit kantigen Schutthalden. Aus der alles überragenden dunklen Pyramide des Monviso poltert es unaufhörlich. Mit einem gewaltigen Felssturz am 26.Dezember 2019 ging es los, sagt Marco Rastelli. Seither gibt es laufend Steinschlag, weshalb der Weg verlegt werden musste. Im Zuge der Klimaerwärmung taut der Permafrost im Fels auf, das lose Gestein stürzt herab.

In sicherem Abstand an einem weiteren Bergsee steht dann die Quintino-Sella-Hütte in 2600 Metern Höhe. Sie ist Ausgangspunkt für die Besteigung und Etappenort am Weitwanderweg, auf dem ein französisches Paar von der Cote d’Azur unterwegs ist, Eric und Monique umrunden in fünf Tagen einmal den Monviso und genießen die Ruhe, die Landschaft, die Seen, die Hütten – alles zusammen einzigartig, sagen sie. Genau deswegen ist auch Ingrid, Bergsteigerin aus Murnau, Jahr für Jahr in den westlichen Alpenbogen gereist und hat in zweiwöchigen Teilstücken die gesamte GTA, die Grande Traversata delle Alpi vom Monte Rosa bis ans Mittelmeer erwandert. Und jetzt also: einmal im Leben auf dem Monviso stehen!

Sonnenaufgang an der Sagnette Scharte

Der Aufbruch erfolgt im Dunkeln am frühen Morgen, ein Wolkenmeer wabert zu Füßen im Osten über der Po-Ebene. Fast jeden Tag steigen die Wolken auf und vernebeln den Bergriesen. Nicht so an diesem Tag: Stundenlang geht es über grobe Felsblöcke durch die aufgerissene, schüttere Südflanke mit leichten Kletterstellen auf den Gipfel. Von hier oben kann man alpenweit die meisten Viertausender sehen, darunter Matterhorn, Monte Rosa und Montblanc, Gran Paradiso und Barre des Écrins.

Der Horizont des Monviso umfasst den gesamten westlichen Alpenbogen. Die Tour wirkt wie eine Zusammenfassung all dessen, was dieses Gebirge ausmacht: von den kleinsten Lebewesen bis zu diesem über allen Dingen stehenden Bergklotz. Kein Wunder, dass die Dynastie der Perottis auf dem Pian del Ré nie loslassen konnte von diesem Berg, den schon Dante im XVI. Gesang des Inferno erwähnt hat.

Karte: Monviso

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Karte: Monviso


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