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Schachten, alter Schneebruch und ein neues Schutzhaus Auf den Großen Falkenstein im Arberland

Der Große Falkenstein ist neben Arber, Lusen und Rachel einer der „Großen Vier“ im Bayerischen Wald und 1315 Meter hoch. Von dort oben kann man nicht nur bis in die Alpen und tief hinein nach Böhmen schauen, dort oben kann man auch in schneearmen Zeiten den Winter finden.

Von: Christoph Thoma

Stand: 18.01.2020

Schachten, alter Schneebruch und ein neues Schutzhaus | Bild: BR; Christoph Thoma

Wir treffen uns mit Waldführerin Rosemarie Schreiner im idyllisch gelegenen Langlauf-Zentrum Zwieslerwaldhaus in der Gemeinde Lindberg auf halben Weg zwischen Zwiesel und Bayerisch-Eisenstein. Aus einer winzigen Schutzhütte entstand 1764 am sogenannten Böhmweg für die Säumer die feste Schutz- und Einkehrstätte Zwieseler Waldhaus. Bald wurde es zu einem wichtigen Haltepunkt für Wanderer und Reisende nach Böhmen. 1832 erhielt das Zwieslerwaldhaus eine erste Konzession für den Bierausschank und gilt damit als der älteste Gasthof im Bayerischen Wald.

Unsere Schneeschuhe können wir im Auto lassen. Wir folgen den Wegweisern zum Großen Falkenstein. Ein Rotkehlchen plustert sich auf, zwei Eichkätzchen jagen sich einen Tannenstamm hinauf. Auffallend sind viele dicke Bäume, die keine Rinde mehr haben. Wanderkollege Ludwig hebt ein tablettgroßes, zerfurchtes Holzstück vom leicht überzuckerten Boden auf und zeigt der Gruppe die vom Borkenkäfer gebohrten Gänge. Hier in der Kernzone des Nationalparks Bayerischer Wald bleibt als Nährstoff für den naturverjüngten Wald liegen, was „Buchdrucker“ oder „Kupferstecher“ vernichten. Auch in der Kernzone des Nationalparks Bayerischer Wald haben sich durch Käfer, Windwurf und Schneebruch die Licht- und Sicht-Verhältnisse komplett geändert. Waren die Berge des Bayerischen Waldes früher dafür bekannt, dass man selten Fernsicht hatte, so gibt es heute immer wieder „Panorama-Fenster“, die unfreiwillig entstanden sind, aber Ausblicke bis in die Alpen oder tief ins Böhmische hinein ermöglichen.

Ein gleichmäßiger Aufstieg

Der Weg steigt gleichmäßig an, man kann rhythmisch gehen auf dem griffigen Untergrund. Nach einer Stunde haben wir schon fast 400 Höhenmeter geschafft. Nun windet sich der Pfad um die Felsen. Eine Frau aus Zwiesel kommt uns entgegen. Im Januar hier oben, auf gut 1000 Meter Höhe, ohne Schneeschuhe oder Ski - das kommt nicht nur ihr “extrem komisch“ vor. Ein paar junge Leute aus München überholen uns, die aus dem Arberland stammen und einen Ausflug gemacht haben. Zwiesel und Bayerisch Eisenstein sind ja aus München oder Landshut bequem mit dem Zug erreichbar. Die Waldbahn pendelt stündlich zwischen Plattling und Bayerisch Eisenstein.

Kurz vor dem Ziel Großer Falkenstein

Mir fällt ein Stamm auf, aus dem quasi Griffe ragen, wie an einer Indoor-Kletterwand: Der wohnhausgroße Felsklotz mit Kreuz, der jetzt direkt vor uns aufragt, ist der Kleine Falkenstein, 1190 Meter hoch. Da die schräge Felsplatte unterm Kreuz komplett vereist ist, verzichten wir auf die Kletterei. Hinauf würden wir ja vielleicht noch kommen, aber ungleich schwieriger und gefährlicher wäre der Abstieg. Das letzte Drittel des Aufstiegs führt in Serpentinen über eine Windwurffläche und - endlich - auch über Schnee. Wir haben den Winter doch noch gefunden und stehen nach zweieinhalb Stunden auf dem Gipfel des 1315 Meter hohen Großen Falkensteins. Vom Gipfelkreuz aus hat man einen weiten Ausblick nach Westen und Süden auf den Großen Arber, den Großen Osser, die Stadt Zwiesel und den Großen Rachel.

Spezialität Kaiserschmarrn

Das neue Schutzhaus am Falkenstein ist ein moderner Bau und bietet 85 Sitzplätze im Gastraum mit Kachelofen, dazu zehn Zimmer mit je vier Betten. Michael Garhammer ist Wirt und Koch. Das Panorama-Fenster im funktionellen Holzblockbau hat magnetische Wirkung: „Cinemascope-Naturkino bei Käsenocken oder Kaiserschmarrn“, sagt der Wirt. Es gibt aber auch „an Sterz, a Kraut und a Wammerl“ - eine rare bayerische Spezialität – und dazu ein Stanzn-Grump-Dunkles aus der Dampfbierbrauerei „Pfeffer“ in Zwiesel. Das erste Schutzhaus am Großen Falkenstein wurde schon 1932 vom Bayerischen Waldverein errichtet. Gegenüber dem Schutzhaus befindet sich eine Kapelle, die dem Heiligen Franziskus geweiht ist. Sie wurde 1987 durch den Naturpark Bayerischer Wald errichtet.

Zurück zum Ausgangspunkt

Beim Abstieg braucht man Stöcke und am besten Grödel oder Krampen, die man über die Bergschuhe zieht, weil am Ruckowitz-Schachten unterm Schnee Wurzeln und Steine ziemlich vereist sind. Schachten sind uralte Hochweiden, vergleichbar den Almen in den Alpen, auf denen im Sommer das Rote Höhenvieh grast. Jetzt sind wir ganz allein. Es lohnt sich, einfach mal stehen zu bleiben und zu lauschen. Es ist fast unheimlich ruhig. Im Urwald Mittelsteighütte, kurz vor dem Ende unserer Wanderung, stoßen wir noch auf riesige Buchen und die Reste 400 Jahre alter Tannen, die wie gestrandete Wale herumliegen. Doch von wegen Totholz - Rosemarie Schreiner zeigt uns Dinge, die man in einem „normalen“ Winter mit zwei Metern Schnee im Januar gar nicht sehen würde. So bewundern wir das vielfältige Leben aus Pilzen, Flechten und Insekten, das in diesem scheinbar toten Holz zu finden ist. Da gibt es Pilzarten, bei denen die Biologen sich nicht sicher sind, ob sie eher dem Tierreich oder mehr der Pflanzenwelt zuzuordnen sind. Ein typisches Beispiel ist die gelbe oder weiße Lohblüte, die ausschaut wie ein Pilz, aber wesentlich mehr Tier ist als Pflanze. Eines der kleinen Wunder, die in der Kernzone des Nationalparks versteckt sind, ist auch die Frucht vom Rosenduftenden Feuerschwamm, denn dieser Pilz braucht zum Leben 400 Jahre altes Tannentotholz. Bisher hat man nur sieben Stellen entdeckt, an denen dieser extrem seltene Pilz überhaupt vorkommt. Wenn man ganz nahe herangeht und riecht, dann duftet es tatsächlich nach Rosenöl.

Rarität - der Rosenduftende Feuerschwamm

Die Tour auf den Großen Falkenstein ist eine lohnende Bergtour im Arberland, die man – je nach Schneelage – mit Schneeschuhen oder auch ohne unternehmen kann. Gute Winterausrüstung braucht man auf jeden Fall und dazu Grödel, weil die Pfade teilweise vereist sind. Weitere Informationen gibt es unter: www.arberland-bayerischer-wald.de und www.1315m.de

Karte: Der Große Falkenstein

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Karte: Der Große Falkenstein


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