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Der Antelao in den Ampezzaner Dolomiten Tour auf den Dolomitenkönig

Der 3264 Meter hohe Antelao wird auch der „König der Dolomiten“ genannt; nach der Marmolada ist er der zweithöchste Gipfel der Dolomiten und in unseren Breiten eher unbekannt. Das gewaltige Massiv erhebt sich rund 50 Kilometer südöstlich von Cortina im Cadore-Tal. Und wer hinaufwill, der muss nicht nur alpinistisch geübt sein, sondern erlebt auch eine der gewaltigsten Landschaftsformationen in den Alpen, die berühmten „Laste“.

Von: Georg Bayerle

Stand: 10.10.2020

Tour auf den Dolomitenkönig  | Bild: Josefine Funk

Morgendämmerung auf der Galassi-Hütte

Die Galassihütte unter dem Antelao

Der Morgen vor der Galassi-Hütte schaut aus, als hätte Tizian persönlich die Farben gemischt. Der größte der venezianischen Maler wurde am Fuß des Antelao geboren. Mit seinen explosiven Natur-Impressionen hat er die Malerei der Renaissance revolutioniert. „Eine packende Morgendämmerung heute“, sagt Fabio, „Zehn Minuten vor der Morgenröte gibt es ein blaues Leuchten für Fotos, die explodieren!“

Das ehrenamtliche Hüttenteam

Fabio ist der Kapo einer Gruppe von Alpenvereinsmitgliedern der Sektion Mestre bei Venedig, die die Galassi-Hütte ehrenamtlich bewirtschaftet. Der rechteckige Steinbau auf 2000 Metern war ursprünglich eine Kaserne im österreichisch-italienischen Grenzgebiet, hat eine gemütliche Bar, eher karge Zimmer und steckt voller Lebensfreude durch das Team um Fabio: „Wir sind Freiwillige, die sich wöchentlich abwechseln. Es gefällt uns, weil wir in der Natur sind und in Kontakt mit so vielen unterschiedlichen Leuten von überallher, die alle die Berge lieben. Darin sind wir gleich.“

Und diesmal sind wir das – als einzige Gäste; vielleicht, weil es am Vortag geregnet hat. Aber jetzt betreten Josephine, Philipp und Peter vor der Hütte eine alpine Bühne, von der der Wolkenvorhang weggezogen ist.

Das gewaltigste Massiv: der Antelao

Der Gipfelaufbau des Antelao

Das gewaltigste Massiv steht unmittelbar hinter der Hütte: der Antelao. Vier bis fünf Stunden dauert der Aufstieg. Zuerst geht es gemütlich zur Forcella Piccola – ein Wanderhöhenweg, wo der andere große Dolomitenklotz hier im Südosten, der Monte Pelmo, dasteht wie ein Felsenschiff, an dem die Wolken anbranden. Der Anstieg zum Antelao quert ein weites Schuttkar und steigt dann durch Dutzende der aufgeschichteten Kalkbänke auf die Bergschulter.

Gipfelanstieg gleicht einer Reise in die Erdgeschichte

Und dort beginnen die „Laste“, die gewaltigen Platten, die gen Himmel zu ziehen scheinen und die genau so steil sind, dass die Reibung der Sohlen zum Gehen noch ausreicht. So etwas habe sie noch nie erlebt, sagt Josephine und fühlt sich wie ein Gecko, das an glatten Wänden gehen kann.

Reibungsaufstieg auf den Laste

Eine der Platten ist 2015 bis ins Tal abgestürzt; es hat Tote und schwere Schäden gegeben. So einen Gipfelanstieg gibt es vermutlich kein zweites Mal, der zugleich packend zurückführt in die Erdgeschichte: Als vor rund 200 Millionen Jahren die Sedimentbänke am Meeresgrund entstanden und dann durch tektonische Verwerfungen grandios aufgestellt worden sind; zum steinernen Gewand dieses Königs der Dolomiten.

Der Gipfel des zweithöchsten Dolomitenbergs

Mit 3264 Metern ist der Antelao der höchste Punkt im weiten Umkreis, selbst der gewaltige Pelmo schaut von hier aus viel kleiner aus. Und sonst: nur Gipfel, Himmel und ein Wolkenmeer. Rund 100 Kilometer südlich liegt Venedig. Dann folgen noch einmal ein paar Stunden Abstieg in dieser ungestümen alpinen Umgebung, die zu den wildesten der Dolomiten gehört. Die gezackte Nachbarkette der Marmarole gehört zu den unzugänglichsten Gebieten. Jeder Schritt muss sitzen, denn viele Felsbrocken sind lose und der gesamte Bergrücken ist Absturzgelände.

Der Renaissance-Maler Tizian und der Antelao

Das Erlebnis aber geht umso tiefer, je widerständiger sich dieser Dolomitenkönig gebärdet. Und drumherum hat sich den ganzen Tag über ein Himmels-Schauspiel ereignet durch die Wolken, die über, unter und um den Gipfel ziehen. Eindrücke, die vielleicht auch Tizian zu seiner Farbpalette inspiriert haben. Auf dem Antelao allerdings war er nie; das haben ihm die drei jungen Bergsteiger voraus.

Karte: Der Antelao

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Karte: Der Antelao


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