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Ein Land am Beginn der alpinistischen Ära Bergtourismus in Armenien

Bis vor knapp 30 Jahren war Armenien kein eigener Staat auf der Landkarte. Erst als die Sowjetunion zerfiel, ist auch dieser Name im Gebiet des südlichen Kaukasus wiederaufgetaucht. Bis heute aber sind die Berge Armeniens auf keiner Wanderkarte verzeichnet, Wege gibt es nur in Ausnahmefällen. Das kleine Land ist ein Gebirgsland wie die Schweiz, aber eben kaum erschlossen. Wer nicht in einer geführten Gruppe nach Armenien reist, der braucht Entdeckerfreude.

Von: Georg Bayerle

Stand: 08.06.2019

Ein Land am Beginn der alpinistischen Ära | Bild: BR; Georg Bayerle

Aus irgendwelchen Gründen hat uns ein Stand mit in Plastikkanistern abgefüllten Wein an der staubigen Landstraße besonders angelacht. Jetzt folgen wir Gevork Grigorjan in den Keller wo er gleich loslegt, auf Armenisch, und wäre da nicht die Schwiegertochter, würden wir nur „Areni“ verstehen.

Swetlanas reiches Angebot

Areni ist sowohl der Ort als auch der gleichnamige Wein, von dem Archäologen die ältesten Belege für Wein überhaupt auf der Erde bereits vor 6000 Jahren gefunden haben. Damit ist das Wichtigste gesagt: Dieses steinalte Kulturland im Süden des Kaukasus hat viel zu bieten, auch wenn es äußerst schwierig ist, die Menschen zu verstehen, aber man muss sich eben darauf einlassen – und probieren! Mit dem Plastikschlauch zuzelt Swetlana Hatschaturyan, die Ehefrau, noch ein anderes Gebräu aus einem Bottich. Sie ist die einzige, die wir während einer Woche treffen, die auch ein paar Brocken Deutsch spricht und uns verrät, dass es sich um einen Aprikosencognac handelt - eine ganz besondere Spezialität.

Mobile Raststation am Weg

So wie den Weinkeller, muss man hier praktisch alles selber finden, auch die Wanderwege. Der Berliner Sebastian Falck arbeitet genau deswegen für das armenische Tourismusministerium. Das arme Land mit der großartigen Berglandschaft und Kultur hätte einen sanften Bergtourismus bitter nötig. Immerhin bestehen entsprechende Pläne. Einige Regionen wurden jetzt zumindest digital kartografiert, es gibt eine „Hike Armenia“-App. Hovannes Martirosyan ist einer der ersten vor Ort, die Bergtouren führen. Mit der Universität Wien arbeitet er an einem Projekt für Wanderkarten, denn die weitläufigen, vulkanisch geprägten Bergzüge auf rund 3000 Meter Höhe wären ein ideales Terrain zum Wandern, Trekken und Mountainbiken. Noch aber ist es ein echtes Abenteuer, wenn man sich von der Landschaft in abgelegene Täler und weglos in die Pampa locken lässt. Die Gebirgswelt mutet hier noch so an wie die Alpen vermutlich vor Franz Senn gewesen sind.

Die seltenen Bezoar-Ziegen

In einem der Hochtäler an der Strecke zwischen Yerhegnadzor und dem Sewan-See entdecken wir einen Beobachtungspunkt für die seltenen weißen Bezoar-Ziegen. Der sehr freundliche Wärter hat sogar ein paar abgenutzte Ferngläser parat, um das Ziegenrudel in der kantigen Felslandschaft auszumachen. Rau und unverfälscht ist die Natur. Obwohl das Land nur halb so groß wie Bayern ist, entfaltet es eine unermessliche Weite in der Landschaft, in der riesig der Ararat thront.

Tiefblick auf den Bergbach

Der Berg ist so etwas wie das nationale Naturmonument der Armenier, steht aber aus ihrer Sicht auf der politisch falschen Seite - in der Türkei. In einer Art kleinem Grenzverkehr dürfen trotzdem jedes Jahr ein paar hundert Armenier den Ararat besteigen. Ansonsten bleibt ihnen nur der „kleine Ararat“’, der Aragats, immerhin ein Viertausender und ein gewaltiges Bergmassiv. Der Blick in der Weite des „Kleinen Kaukasus“, wie das Gebiet auch genannt wird, ist genauso berauschend wie der Wein und Aprikosencognac. Es gibt nicht mehr viele Plätze auf dieser Erde, wo jeder Tag ein kleines Abenteuer voller unerwarteter Entdeckungen ist.

Karte: Yerhegnadzor und Sewan-See

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Yerhegnadzor und Sewan-See

Hinweis und Erklärung zu entfernten Regionen

Grundsätzlich geht es bei unseren Beiträgen aus weiter entfernten Ländern und Bergregionen immer um die schwierige Abwägung zwischen den positiven Auswirkungen des Reisens und den dadurch verursachten umweltschädlichen Emissionen.

Dieser Spagat ist uns bewusst und wir beachten, dass das Verhältnis von Aufwand und Ergebnis immer in einem angemessenen Verhältnis steht. In der internationalen Reisebranche hat etwa das „Forum Anders Reisen“ in Deutschland Standards für nachhaltige Reisen entwickelt. Danach gelten etwa Flugreisen bis 3800 km ab einer Woche Aufenthaltsdauer als ökologisch vertretbar, vor allem wenn vor Ort natur- und sozialverträglich gereist wird, also der Konsum hauptsächlich der lokalen Bevölkerung und ihrer regionalen Produktion zugutekommt. Wenn möglich bevorzugen wir die An- und Abreise mit öffentlichen und umweltfreundlichen Verkehrsmitteln und führen Touren und Reiseunternehmungen ohne zusätzlichen Aufwand durch und verzichten zum Beispiel auf die Nutzung von Hubschraubern. Viele unserer Autoren kompensieren auch die CO²-Belastung durch die An- und Abreise oder den Flug.

Mit solchen Kriterien versuchen wir, einen überlegten Mittelweg zwischen kompletter Reise- oder Flugverweigerung und insbesondere einer leichtfertigen Vielfahrer- oder -fliegerei zu gehen.


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