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150 Jahre Deutscher Alpenverein Wegebau im Zeitalter der Permafrost-Probleme

Firn und Eis auf den hohen Gipfeln hatten seit jeher eine magische Wirkung auf die Bergsteiger. Im 19.Jahrhundert sind die entsprechenden romantischen und pathetischen Berichte unzählbar. In den vergangenen Jahren hat sich das Bild, vor allem, was die Gletscher betrifft, dramatisch gewandelt:

Von: Georg Bayerle

Stand: 27.04.2019

Wegebau im Zeitalter der Permafrost-Probleme | Bild: BR; Georg Bayerle

Vor wenigen Tagen erst hat der Österreichische Alpenverein die jährliche Bilanz zum Massehaushalt der Gletscher gezogen und danach war das abgelaufene Jahr für die Gletscher besonders ungünstig: 

Die Gletscher im Verwall verschwinden

Von 93 gemessenen Gletschern gingen 89 zurück, zwischen 17 und 128 Metern betrugen die Längenverluste. Nach einer neuen Prognose von Schweizer Forschern sollen die Alpengletscher bis 2100 sogar weitgehend verschwunden sein. Weniger offensichtlich, aber insbesondere für den Alpenverein nicht weniger dramatisch ist der Rückgang des Permafrosts, des Eises im Gestein. Das Hochgebirge wird brüchig und die Zukunft unsicher.

Die Gletscher um die Kuchenspitze sind auf Reste geschrumpft

Kurz unter der Doppelseescharte im Verwall reicht es allmählich: Die Szenerie mit dem formschönen Seekopf direkt über den Köpfen ist herrlich, aber um uns herum ist der ganze Berghang in Bewegung. Der Weg war bis vor einem Jahrzehnt ein beliebter Übergang auf einer der ersten Transalprouten – heute rät der Hüttenwirt der Darmstädter Hütte, Andreas Weißkopf nur noch ab, weil in den letzten fünf Jahren der Gletscher stark geschmolzen, alles in Bewegung ist und der Weg immer mehr verschwindet.

Felsbruchlandschaft um den Patteriol

Das Eis wirkt in ab einer Höhe von 2600 bis 2800 Metern wie der Kitt im Gestein. Durch die Erwärmung schmilzt nun aber auch der so genannte Permafrost. Die Entwicklung beschäftigt Roland Stierle, den für Hütten und Wege zuständigen Vizepräsidenten des DAV nun seit mehreren Jahren. Zwei bis drei Dutzend Alpenvereinshütten liegen in der Permafrostzone und sind sozusagen das Maß dafür, wie schnell das Auftauen des Permafrosts geht. Diese Hütten verkörpern geradezu den Höhepunkt des alten Alpenvereinsziels, die Welt des Hochgebirges für Bergtouristen zu erschließen. Doch jetzt geraten sie durch den vom Tourismus mitverursachten Klimawandel in Gefahr. Dadurch steigt für den DAV auch der Aufwand, das Wegenetz zu erhalten bzw. Teilstrecken neu anzulegen oder Brücken über unpassierbare Schluchten zu bauen.

Große Schuttfelder zeugen von der Brüchigkeit

Klassische Nordwandtouren wie am Eiger haben sich jahreszeitlich ins Frühjahr verschoben, andere wie am Hochfeiler oder in der Pallavicini-Rinne am Großglockner apern im Sommer mittlerweile vollkommen aus. Mit immer größerem Aufwand und Landschaftsveränderungen versuchen die Bergbahnen Gletscherskigebiete zu retten. Es ist ein gewohntes Schema: Je mehr die natürlichen Umstände entgegenstehen, desto aufwändiger wird versucht, sie passend zu machen. Gleichzeitig wandert die Zivilisation mit den steigenden Frostgrenzen mit, analysiert Raimund Rodewald.

Hier ändert sich die Wegführung ständig

Der Biologe ist Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, die sich für den Umweltschutz engagiert. Wanderwege auf 3000 Meter, Hängebrücken - es ist fast alles möglich und der Klimawandel führt dazu, dass eine natürliche Höhenbegrenzung scheinbar kein Thema sein wird. Allerdings nehmen Naturereignisse wie Lawinen auf Pisten und Steinschläge auch auf einfachen Wanderwegen zu. Der Mensch drängt in diese Gebiete, die jedoch immer labiler werden.

Neu verlegter Weg am Kuchenjoch

Die Schattenseiten der Klimaveränderung aber werden weitgehend ausgeblendet, wenn nicht gerade ein Ereignis wie 2017 der Bergsturz am Piz Cengalo unmittelbar Menschenleben fordert. Alpine Tourismusorte haben vielmehr ihre naturgegeben bevorzugte Lage im Klimawandel entdeckt. Für Raimund Rodewald liegt die eigentliche Aufgabe in einem grundsätzlichen Wandel vom Bild der Alpen. Noch ist man nicht gewohnt, mit dieser Dynamisierung des Lebensraums Alpen umzugehen. Einerseits verkauft die Tourismusindustrie immer mehr und vergisst, dass nicht nur angenehme Temperaturen, sondern Murgänge und Bergstürze drohen. In diesem neuen Spannungsfeld des Wandels muss auch der Deutsche Alpenverein seine Bestimmung finden. Da ist es längst nicht getan, Hütten zu stabilisieren und Wege zu erhalten. 150 Jahre nach der Gründung des Deutschen Alpenvereins brauchen die Alpen starke Fürsprecher dringender denn je.

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