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Versailles und seine Bewohner Das Leben am Hofe Ludwigs XIV.

Der Hof und seine Gesellschaft, in deren Mittelpunkt Ludwig XIV. steht, stellen das Instrument der Macht dar, dessen Gebrauch der König meisterhaft beherrscht. Durch den Aufstand der Fronde hat Ludwig XIV. gelernt, dass ein Bündnis der oberen beiden Stände des Königreichs (Adel und Klerus) die größte Gefahr für sein Königtum darstellt. Daher versucht er alles, was im Lande von Rang und Namen ist, an seinem Hof zu versammeln.

Stand: 09.03.2017

Spiegelsaal in Versailles | Bild: picture-alliance/dpa/EPA/MAXPPP/DIDIER SAULNIER

Ludwig XIV. - Die Person

Ludwig XIV. wird am 5. September 1638 im Schloss Saint-Germain-en-Laye geboren. Sein Vater ist Ludwig XIII. von Frankreich (1601-1643), seine Mutter Anna von Österreich (1601-1666), eine Tochter des spanischen Königs Philipp III. Die rein politisch motivierte Ehe ist unglücklich und überschattet Ludwigs Kindheit. Der verschlossene Vater bleibt ihm zeitlebens fremd, Zeugen berichten, der Dauphin habe stets laut geschrien, wenn der König zugegen war. Auch die Mutter, eine tief gläubige Katholikin, scheint sich nicht sehr um den Thronerben gekümmert zu haben: Für die körperlichen Bedürfnisse Ludwigs sorgen Dienstboten und Kinderfrauen, die Erziehung liegt in den Händen der Kardinäle Jean-Armand du Plessis de Richelieu (1585-1642) und Jules Mazarin (1602-1661).

Ludwig ist fünf Jahre alt, als sein Vater 1643 stirbt. Seine Mutter Anna übernimmt die Regentschaft und beruft Mazarin, den Nachfolger Richelieus, zum Premierminister. Der Kardinal – er führt diesen geistlichen Titel, ohne je die Priesterweihe empfangen zu haben - setzt die Politik seines Vorgängers fort. Wie Richelieu vertritt er die Idee eines absolutistischen Gottesgnadentums. Seine politischen Maßnahmen zielen darauf, die Stellung des Adels zu schwächen und die Staatsgewalt in der Person des Königs zu bündeln. Mazarin, der die Staatsgeschäfte in enger Abstimmung mit der Regentin leitet und die französische Politik beherrscht, ist die prägende Gestalt der frühen Jahre Ludwigs. Von ihm und etlichen Hauslehrern erhält der künftige König eine solide Ausbildung in Sprachen, Recht, Geschichte und Militärstrategie.

Die eigentliche Liebe des Kindes gilt jedoch nicht den Wissenschaften, sondern dem Ballspiel und der Musik, vor allem aber dem Tanz. Zeitgenössische Quellen schildern sowohl den Knaben wie auch noch den jungen König als ausgezeichneten Tänzer: "Ohne Flattierung wird's Dero [Majestät] im Tanzen und Ballschlagen / welche beyde von den Frantzosen hoch gehalten werden niemand bevor thun", berichtet ein 1687 erschienenes deutsches Reisebuch.

Der König tanzt - die Geburt des Sonnenkönigs

Im Alter von 14 Jahren tritt Ludwig erstmals in einem mythologischen Hofballett mit dem Titel "Ballet Royal de la Nuit" (Königliches Ballett der Nacht) auf. Der Dauphin tanzt die Rolle der aufgehenden Sonne, um die alle Planeten kreisen. Das Kostüm des Phoibos Apollon, des Leuchtenden Gottes, ist mit strahlenden Sonnen verziert. Die Sonne, das Symbol Apolls, wird zum Emblem der Herrschaft des späteren Roi de Soleil, des Sonnenkönigs. Ihr Zeichen ist allgegenwärtig und betont die Gleichsetzung Ludwigs mit dem Gott des Lichts, der Heilung und Künste. Sowohl in der sakralen als auch der profanen Ikonografie steht die Sonne für das schöpferische Prinzip göttlicher Allgewalt: Sie kontrolliert das Weltgeschehen, alles Licht ist Abglanz und Widerschein des Sonnenlichtes. So sieht sich der absolutistische Monarch auch selbst: Er versteht sich als Leben spendendes, alles erleuchtendes Zentralgestirn Frankreichs, er hat seinen Glanz von Gott erhalten und gibt Teile dieses Strahlens an seine Umgebung ab, die nicht aus sich selbst, sondern nur reflektierend leuchtet. Als König ist er der absolute Mittelpunkt eines Universums, das ihn umkreist, von ihm erhellt und erhalten wird, und ihm alleine dienstbar ist. Wie Apoll den Sonnenwagen vom Aufgang des Tagesgestirns zu ihrem Untergang lenkt, lenkt der König sein Reich. An diese Analogie knüpfen auch wesentliche Elemente des Hofzeremoniells an, vor allem aber das morgendliche Aufstehen (grand lever) und abendliche Zubettgehen (grand coucher) des Königs als Spiegel des Auf- und Untergang der Sonne.

Die apollinische Symbolik findet sich in den programmatischen Deckenfresken von Versailles, in Balletten, Musiken, Opern, Huldigungsgedichten und setzt sich ebenso in zahlreichen Details der Gartenanlagen fort, sei es im Apollobrunnen, wo der Gott den Sonnenwagen lenkt, sei es in apollinischen Attributen wie dem Lorbeer, der Lyra oder dem Dreifuß.

Iam regnat Apollo: der Sonnenkönig tritt die Herrschaft an

1651 wird Ludwig XIV. für volljährig erklärt. Damit erlischt die Regentschaft seiner Mutter. Der dreizehnjährige Ludwig überträgt die Regierung an Mazarin, der jedoch bald darauf dem Druck seiner politischen Gegner weichen muss. Die rücksichtslose Steuerpolitik des Kardinals hat die Aufstände der Fronde ausgelöst, die mehr als fünf Jahre dauern und sowohl unter dem hohen Adel als auch bei der einfachen Bevölkerung in den Provinzen Unterstützung finden. Zweimal ist der Kardinal deshalb gezwungen, Frankreich zu verlassen (1651, 1652/53). Im Dezember 1651 setzt das Pariser Parlament sogar 50.000 Taler auf seinen Kopf aus. Für Ludwig werden diese Jahre zu einem prägenden Erlebnis: Erschüttert von den Erfahrungen der Fronde, wird er zeitlebens bestrebt sein, den rebellierenden Adel unter die Kontrolle der Krone zu bringen und das feudale Mitbestimmungsrecht zu beschneiden.

1654 wird Ludwig in Reims zum König gekrönt. Mazarin, der 1653 aus dem Exil zurückgekehrt und wieder in sein Amt als Premierminister eingesetzt worden ist, bezieht den jungen König Schritt für Schritt in die Regierungsgeschäfte ein. Als der Kardinal 1661 stirbt, macht der nun 22-jährige Ludwig mit einem Paukenschlag klar, dass er die absolutistischen Ideen seiner Lehrer verinnerlicht hat: Wider jede Erwartung verzichtet er darauf, einen neuen Premierminister zu ernennen. Er entlässt die meisten Mitglieder des Staatsrates und schließt auch seine Mutter von jeder Mitsprache aus, um fortan die Regierungsgeschäfte selbst zu übernehmen.

Un roi, une loi, une foi – Ludwig als unumschränkter Monarch

Am 9. Juni 1660 heiratet Ludwig seine Cousine Maria Teresa (1638-1683), eine Tochter des spanischen Königs Philipp IV. Die 23-jährige Ehe ist ein reines Zweckbündnis. Ihr entspringen sechs Kinder, von denen allerdings nur der Sohn Ludwig († 1711), der Grand Dauphin, überlebt. Am Hof bleibt die kindische, kleine und dickliche Königin eine blasse Gestalt ohne gesellschaftlichen oder politischen Einfluss. Bereits ein Jahr nach der Heirat nimmt sich Ludwig die erste einer Reihe von Mätressen. Maria Teresa, die kaum Französisch spricht, fügt sich in ihr Schicksal. Sie lebt zurückgezogen, widmet ihre Aufmerksamkeit religiösen und karitativen Aufgaben. Als sie 1683 im Schloss von Versailles stirbt, soll ihr Gemahl geäußert haben: "Dies ist das erste Mal, das sie mir Schwierigkeiten bereitet".

Auf dem Höhepunkt der Macht

In den Jahren zwischen 1660 bis zum Beginn des Spanischen Erbfolgekriegs (1701) baut Ludwig seinen unumschränkten Machtanspruch sowohl innen- als auch außenpolitisch konsequent aus. Er regiert als Alleinherrscher, vergrößert das französische Territorium durch den rücksichtslosen Einsatz seiner überlegenen Militärmacht, diszipliniert den Adel und die Kirche. Am Ende des 17. Jahrhunderts ist Frankreich der mächtigste Staat Europas und das kulturelle Zentrum des gesamten Kontinents. Ein 1674 erschienener deutscher Reisebericht rühmt, "daß Franckreich niemahl in einem so glückseligen Zustand erfunden / als jetzo: Es ist nicht allein vor alle innerliche revolten gesichert / sondern auch allen außwertigen Gewalten formidable / dahero fast jederman des Königs Freundschafft suchet / und sich vor dessen Feindschafft fürchtet."

Das Genie der Selbstinszenierung – Ludwigs letzte Jahre

Der König ist ein sehr komplexer, widersprüchlicher Charakter. Augenzeugen beschreiben ihn als charmant, höflich, gebildet, loben seinen scharfen Verstand, seine Willenskraft, seine Selbstbeherrschung und seinen unermüdlichen Arbeitseifer. Er zeigt sich in allen Staatsfragen bestens informiert, kontrolliert sämtliche Regierungsgeschäfte, er ist diszipliniert und durchdrungen von tiefer Frömmigkeit. Ebenso ausgeprägt wie sein Pflichtgefühl ist jedoch auch die Ruhmsucht des Monarchen. Ludwig stellt die besten Künstler, Architekten, Maler, Poeten, Musiker und Schriftsteller Frankreichs in den Dienst der Verherrlichung seiner persönlichen gloire. Er entfaltet ein noch nie dagewesenes Mäzenatentum, um die Künste im Interesse des königlichen Ansehens und seiner Politik zu instrumentalisieren. Dieser umfassenden Selbstinszenierung dienen auch die spektakulären Feste in Versailles mit ihren Feuerwerken, Maskenbällen und Opernaufführungen. Sie verbreiten und festigen Frankreichs kulturelle Vorrangstellung, die schon bald den Stil fürstlicher Repräsentation in ganz Europa beeinflusst.

Mit dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs (1713/14) ist die bis dahin unangefochtene Vormacht Frankreichs allerdings gebrochen. England steigt zur führenden Macht auf. Ludwig, der sich in seinen letzten Jahren hauptsächlich um die Erholung der Staatsfinanzen durch Einsparungen und Finanzreformen, sowie die Förderung der Wirtschaft gekümmert hatte, vereinsamt zusehends. Als er sein Ende nahen fühlt, überträgt Ludwig XIV. die Regierungsgewalt testamentarisch auf seinen Neffen, Philipp II. von Orléans (1674-1723). Von 1715 bis 1723 fungiert der Herzog als Regent im Namen des 1710 geborenen späteren Königs Ludwig XV.

Am 1. September 1715, vier Tage vor seinem 77. Geburtstag, stirbt Ludwig XIV. an den Folgen eines Wundbrands am linken Bein.

Versailles: Der prunkvolle Hof des Sonnenkönigs

Der Hof und seine Gesellschaft, in deren Mittelpunkt Ludwig XIV. steht, stellen das Instrument der Macht dar, dessen Gebrauch der König meisterhaft beherrscht. Durch den Aufstand der Fronde hat Ludwig XIV. gelernt, dass ein Bündnis der oberen beiden Stände des Königreichs (Adel und Klerus) die größte Gefahr für sein Königtum darstellte. Daher versucht er alles, was im Lande von Rang und Namen war, an seinem Hof zu versammeln, der 1682 endgültig in das Schloss von Versailles übersiedelt. Das Entstehen anderer kleiner Machtzentren versuchte Ludwig XIV. zu verhindern. Die Damen und Herren des Adels, die es vorziehen, auf ihren Stammsitzen zu bleiben, versinken in gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit.

Vor der Fertigstellung des neuen Schlosses von Versailles, das heißt in den ersten zwanzig Jahren der Regierung des Sonnenkönigs, hatte der Hof keinen festen Sitz, sondern pendelte zwischen einzelnen Schlössern und Palästen, von denen die wichtigsten der Louvre und die Tuilerien in Paris und außerhalb der Hauptstadt die Schlösser von Fontainebleau und Saint-Germainen-Laye waren. Aber der König strebte nach einem Bau, der in Prunk und Größe seine absolute Herrschaft widerspiegeln sollte. Er fand den geeigneten Raum zwischen Wäldern und Teichen, wo sein Vater ein kleines Jagdschloss hatte bauen lassen. Dort begannen 1661 die Arbeiten, zu denen die besten Architekten und Künstler der Zeit herangezogen wurden. Die Leitung der Bauarbeiten lag zu Beginn bei dem Architekten Louis Le Vau und nach dessen Tod bei Jules Hardouin-Mansart - dem wir das ausgebaute Dachgeschoss, die Mansarde, zu verdanken haben.

Mit Versailles sollte aber nicht nur die Residenz des Sonnenkönigs geschaffen werden, sondern es musste auch Platz für mehr als 15.000 Personen des Hofstaates entstehen. Jean-Baptiste Colbert überwachte anfangs die Bauvorhaben in Versailles und setzte für das Aufwerfen des künstlichen Hügels, für die Trockenlegung von rund 15.000 Hektar Sumpfland und für das Ausheben von Seen und Kanälen auch Soldaten ein. Ein Augenzeuge berichtet, dass noch 1685 - also drei Jahre nach dem Umzug des Hofes - 36.000 Arbeiter und Soldaten auf den Baustellen von Versailles beschäftigt waren. Man kann sich vorstellen, unter welchen Umständen der Hof am Anfang dort lebte. Colbert warnte den König immer wieder vor den steigenden Ausgaben durch die Bauvorhaben und versuchte, durch Kredite und Erhöhung der Einnahmen Geld zu beschaffen. Noch während die Bauarbeiten im Gange waren, starb Colbert. Die Legende erzählt, infolge eines Tadels durch den König. Doch dürfte die Arbeitsbelastung einfach zu groß geworden sein.

Die Gärten von Versailles – Flanieren im neuen Olymp

Zu Versailles gehörten nicht nur prächtige Bauten, sondern auch eine ausgefeilte Gartenanlage mit 1.400 Fontänen, unzähligen Seen und Kanälen. Entworfen wurde die Anlage von dem Gartenarchitekten André Le Nôtre. Dessen Absicht war es, einen jardin de l’intelligence, einen französischen Garten zu schaffen, der eine Ergänzung der Architektur darstellen und die Unterwerfung der Natur unter den Willen des Menschen symbolisieren sollte. Geometrisch-axial auf das Schloss ausgerichtet, durch lange Alleen den Blick in die Ferne lockend, aufgelockert von Bosketten, Hecken und rund 75.000 gestutzten Bäumen, kündete der Park auf seine Weise vom Ruhm des Königs. Le Nôtre steigerte diesen Eindruck, indem er den Gärten zahllose figural gestaltete Brunnenanlagen, Statuen, Standbilder und Bildwerke hinzufügte. Ludwig liebte die klassischen, mythologischen Anspielungen: Apollo im Sonnenwagen, Herkules, wie er über die Hydra siegt. Gleichsam liebte es der Sonnenkönig, als römischer Kaiser, als Triumphator, dargestellt zu werden. Mit diesen Vorlieben wirkte Ludwig XIV. für seine Zeitgenossen und für die Nachfahren bis weit ins 18. Jahrhundert hinein stilbildend.

Der Gang durch die Gärten von Versailles wurde bald Teil des institutionalisierten Lebens am Hof. In den neunziger Jahren des 17. Jahrhunderts verfasste der König einen Führer in sehr trockener, schmuckloser Sprache, der, aufgeteilt in nummerierte Passagen, den Weg durch die Gärten geradezu bürokratisch festschrieb. Die Gartenanlagen von Versailles erfreuten sich bei den Zeitgenossen aber nicht nur der Beliebtheit. So kritisiert der Herzog von Saint-Simon, der seit 1691 am Hofe von Versailles lebte, die Unterjochung der Natur und die Unnatürlichkeit der Anlagen, die nicht gerade zum Verweilen einlud.

Ebenso wie der Garten war auch die im Entstehen begriffene Stadt Versailles auf das Schloss bezogen angelegt. Alle Strassen mündeten sternförmig auf der Place d'Armes, die von den königlichen Marställen flankiert war. In der Stadt selbst ließen sich die Prinzen und Adligen des Landes ihre hôtels bauen, um bei Hofe leben zu können. "Es wurde den Vornehmen übel vermerkt, wenn sie den Hof nicht zu ihrem ständigen Wohnsitz machten", berichtet der Herzog von Saint-Simon in seinen Memoiren. "Die sich nie oder fast niemals blicken ließen, konnten der vollkommenen Ungnade gewiss sein. Wenn einer von diesen irgendeinen Wunsch äußerte, antwortete der König mit eisigem Stolz: Ich kenne ihn nicht! War es jemand, der sich nur gelegentlich zeigte, dann hieß es: Ich habe den Mann nie gesehen! Und eine solche Verurteilung war unwiderruflich."

Dabei lebte es sich im Schloss von Versailles nicht einmal besonders komfortabel. Die Menschenmenge war zu groß, die Heizung funktionierte nicht. Da wenig für die hygienischen Einrichtungen getan war, verdreckten die Gänge und Galerien in kurzer Zeit. Der König selbst suchte bald Zuflucht in dem nahegelegenen Schlösschen Marly, seiner Eremitage, wo nur ein sehr streng ausgewählter Kreis von Familienmitgliedern und Höflingen mitgenommen wurde. Nach Marly eingeladen zu werden, galt als besonderer Gunstbeweis am Hof.

Le ballet royal – das Zeremoniell als Disziplinierungsinstrument

Durch den Zwang, den der König auf den Adel ausübte, am Hofe zu weilen und sich dort einzurichten, fand die "Domestizierung" der französischen Aristokratie ihren Schlusspunkt. Wer am Hof von Versailles weilte, den hatte der König weitgehend unter seiner Kontrolle.

Alle am Hof lebenden Adligen waren in ein System wechselseitiger Abhängigkeiten eingespannt, das die höchste Aufmerksamkeit erforderte und bei dem es darauf ankam, unter allen Umständen den Rang zu bewahren, wenn nicht sogar zu erhöhen. Da der Hof eine nahezu geschlossene Gesellschaft darstellte, nahm das Streben nach Rangerhöhung den Charakter eines erbitterten Machtkampfes an. Bezeichnenderweise tauchen in den Beschreibungen des Hofes von Versailles immer wieder Vergleiche mit der Kriegskunst auf: So schreibt der Dichter Jean de La Bruyère: "Das Leben am Hof ist ein ernstes, melancholisches Spiel, das einen in Anspruch nimmt: Man muss seine Geschütze und Batterien aufstellen, einen Kriegsplan haben und verfolgen und den des Gegners durchkreuzen. Man muss manchmal etwas wagen und einem plötzlichen Einfall nachgeben, und nach all diesen Überlegungen und Maßnahmen steht man im Schach und ist manchmal mattgesetzt (...)".

Der König selbst steuerte durch Auszeichnungen, die das Prestige erhöhten, dieses System. Dadurch konnte Ludwig XIV. Spannungen und Eifersucht aufrecht erhalten, damit sich die Energien einzelner oder einzelner Gruppen gegeneinander und nicht gegen den König richteten.

Und der Sonnenkönig war selbst natürlich vollständig in das System integriert. Er musste sich unerhörten Zwängen unterwerfen, die ihm Etikette und Repräsentation abforderten. Auf jedes private oder intime Leben galt es zu verzichten. Das ganze Dasein des Königs war auf Überwachen, Sichern und Regulieren das höfischen Systems ausgerichtet, so dass der Satz: "L'Etat c'est moi" ("Der Staat bin ich"), mit dem der Sonnenkönig immer wieder zitiert wird, durchaus zutraf. Allerdings wurde schon im 19. Jahrhundert nachgewiesen, dass Ludwig XIV. das so niemals gesagt hat. Dennoch charakterisiert der Ausspruch den Regierungsstil des Sonnenkönigs sehr treffend.

Versailles bot dem Sonnenkönig, der nichts mehr liebte, als sich selbst zu inszenieren, die geeignete Kulisse für seine Auftritte. Jede bedeutungslose Handlung erhielt so ihre politische Wirkung.

Die Zeremonien wurden im Laufe der Zeit im ausgefeilter, immer stilisierter, bis sie zuletzt zu Ritualen erstarrt waren. Ludwig vermochte sehr lange, diesen Ritualen seinen ureigenen Stempel aufzudrücken; jeder Blick, jede Bewegung wurde dabei eingesetzt.

Ob bei der allmorgendlichen entrée familière, zu der nur die königlichen Prinzen, der Leibarzt und Ludwigs letzte Amme zugelassen waren, ob bei der grande entrée, die dem Hochadel vorbehalten war, oder bei einem der drei weiteren Eintritte: Ludwig XIV. verteilte selbst beim Händewaschen, bei der Perücken- und Taschentuchwahl, beim Anlegen von Hose, Hemd und Strümpfen Gunst und Gnadenbeweise, die Aufstieg und Fall der Höflinge besiegelten.

Le Roi s'amuse - Mätressen am Hof von Versailles

Zum besonderen Stil Ludwigs XIV. gehörte auch seine Vorliebe für das weibliche Geschlecht. So ziert eine ganze Reihe von Mätressen (offizieller Titel: maîtresse an titre) seine Herrschaftszeit: Louise de La Vallière, die Herzogin von Fontages, die Marquise de Montespan, die Marquise de Maintenon, um nur die wichtigsten zu nennen. Die Mätressen nahmen einen festen Platz in dem Tagesablauf des Königs ein, von ihnen hatte er auch zahlreiche Kinder. So gebar die Marquise de Montespan dem König trotz ihrer Ehe sieben Kinder, von denen später sechs legitimiert wurden. Zeitweise standen auch mehrere Mätressen gleichzeitig in der Gunst des Königs, so dass sich Rivalitäten ergaben, die der Hof mit großem Genuss minutiös beobachtete. Dabei kam es auch zu pikanten Situationen: So saßen auf Reisen die La Vallière, die Montespan und die Königin in einer Kutsche, so dass das Volk von den "drei Königinnen" zu sprechen begann. Eine besondere Stellung nahm die Marquise de Maintenon ein, die seit 1669 des Königs legitimierte Kinder erzog. 1680 verdrängte sie endgültig Madame de Montespan und schließlich heiratete der König nach dem Tod der Königin (1683) seine Geliebte sogar heimlich - der genaue Zeitpunkt ist bis heute umstritten.

Der König zieht sich zurück

Unter dem Einfluss der Madame de Maintenon verlor das Leben am Hof jede fröhliche Festlichkeit, die es zuvor ausgezeichnet hatte, und der König bekam einen Hang zur Bigotterie. Am Hofe war die Maintenon wenig beliebt; die Schwägerin des Königs, Liselotte von der Pfalz, nennt sie in ihren Briefen nur die "alte zott" und schrieb anlässlich ihres Todes (1719): "In dießem morgen erfahre ich, daß die alte Maintenon verreckt ist, gestern zwischen 4 und 5 abendt. Es were ein groß glück geweßen, wen es vor etlich undt 30 jahren geschehen were." Keiner der Minister, Schriftsteller oder Generäle hat die Atmosphäre von Versailles in der späteren Lebenshälfte des Königs so entscheidend geprägt wie Madame de Maintenon.

Mit der Errichtung von Versailles vollzog Ludwig XIV. einen wichtigen Schnitt: Er trennte Hauptstadt und Regierungssitz voneinander. Seit den Tagen der Fronde hatte der König Angst vor der Bedrohung, die von Paris und seinen schwer berechenbaren Bewohnern ausging. Die in den neunziger Jahren des 17. Jahrhunderts gerade in Paris lebendig werdende Opposition bestätigte ihn in seinen Vermutungen. In den Jahren von 1693 bis 1701 ist er kein einziges Mal in Paris gewesen und bis zu seinem Tod besuchte er die Hauptstadt nur noch viermal. Damit entfernte sich der König zusehends von seinem Volk - nicht umsonst holte die Bevölkerung von Paris in der Französischen Revolution den König zurück in die Hauptstadt.

Chronik: Frankreich unter Ludwig XIV.

1610: Ermordung von König Heinrich IV. in Paris; Nachfolger wird sein Sohn Ludwig XIII.
1614: Letzte Einberufung der Generalstände (états généraux); Aufstieg des Absolutismus in Frankreich
1615: Ludwig XIII. heiratet in Bordeux Anna von Österreich.
1624: Kardinal Richelieu wird leitender Minister (bis 1642)
1628: La Rochelle, der letzte Sicherheitsplatz der Hugenotten, wird eingenommen.
1635: Gründung der Académie Française. Frankreich greift offen in den Dreißigjährigen Krieg ein. Beginn des Krieges zwischen Frankreich und Spanien.
1638: Geburt von Ludwig XIV.
1642: Tod von Kardinal Richelieu
1643: Tod von Ludwig XIII.; Nachfolger wird sein Sohn Ludwig XIV. Regentin für den minderjährigen Ludwig XIV. wird seine Mutter, Anna von Österreich. Kardinal Jules Mazarin wird leitender Minister Frankreichs. 1648: Im Westfälischen Frieden gewinnt Frankreich an seiner Westgrenze Territorium hinzu.
1648 – 1653: "Fronde" - letzter Adelsaufstand in Frankreich
1651: Ende der Regentschaft von Anna von Österreich für ihren Sohn. Ludwig XIV. wird für volljährig erklärt.
1659: Der Pyrenäenfriede beendet den Spanisch- Französischen Krieg (seit 1635); französische Territorialgewinne im Süden, Norden und Osten. Der Abstieg Spaniens als Großmacht beginnt. Beginn des "französischen Zeitalters".
1660: Ludwig XIV. heiratet die spanische Infantin Maria Teresa.
1661: Tod Kardinal Mazarins; Ludwig XIV. übernimmt persönlich die Regierung. Jean- Baptiste Colbert wird Oberintendant der Finanzen.
1662: Defensivallianz zwischen Frankreich und den Vereinigten Niederlanden
1664: Colbert fasst die nördlichen und mittleren Regionen Frankreichs zu einer Zolleinheit ohne Binnenzölle zusammen.
1665: Tod König Philipps IV. von Spanien; Nachfolger wird sein regierungsunfähiger Sohn Karl II.
1666: Tod Annas von Österreich, der Mutter Ludwigs XIV. Colbert wird Marine-Minister.
1667/68: Devolutionskrieg zwischen Frankreich und Spanien um die spanischen Niederlande.
1668: Tripelallianz zwischen den Vereinigten Niederlanden, England und Schweden zur Unterstützung Spaniens. Der Friede von Aachen beendet den Devolutionskrieg. Der Marquis de Louvois wird Kriegsminister und erhöht das stehende Heer auf 170.000 Mann.
1669: Baubeginn des Schlosses in Versailles nach Plänen des Architekten Le Vau (bis 1674).
1670: Ludwig XIV. verbündet sich mit König Karl II. von England im Vertrag von Dover gegen die Vereinigten Niederlande; Sprengung der Tripel-Allianz. Frankreich besetzt Lothringen.
1672: Bündnis zw. Frankreich und Schweden.
1672 - 78/79: Krieg zwischen Frankreich und den Vereinigten Niederlanden. Wilhelm III. von Oranien wird Generalstatthalter, Generalkapitän und Generaladmiral der Vereinigten Niederlande und zu Ludwigs unermüdlichem Gegner.
1672/73: Antifranzösische Allianz zwischen Wilhelm v. Oranien, dem Kaiser und Spanien.
1674: Der Deutsche Reichstag erklärt Frankreich den Krieg.
1678: Der Friede zu Nimwegen beendet den Krieg zwischen Frankreich und den Vereinigten Niederlanden und zwischen Frankreich und Spanien; Frankreich behauptet die Franche-Comté und einige Grenzfestungen im Nordosten.
1679: Friede zu Nimwegen zwischen Frankreich, dem Kaiser und dem Deutschen Reich. Ludwig XIV. setzt Reunionskammern ein, um Annexionen an der Ostgrenze juristisch vorzubereiten.
1679 – 81: Reunionen
1680: Beginn der Einquartierung von Dragonern bei Hugenotten zum Zwecke der Bekehrung.
1681: Frankreich annektiert Straßburg. Beginn erneuter Hugenottenverfolgung in Frankreich.
1682: Der französische Hof richtet sich endgültig in Versailles ein.
1683: Tod von Königin Maria Teresa, der Gemahlin Ludwigs XIV. Wenig später heiratet Ludwig XIV. insgeheim Françoise d'Aubigné, Madame de Maintenon. Tod Jean- Baptiste Colberts.
1684: Im Regensburger Stillstand anerkennen Kaiser Leopold I., das Reich und Spanien die französischen Reunionen für 20 Jahre.
1685: Mit dem Edikt von Fontainebleau wird das Edikt von Nantes aufgehoben. Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg erlässt das Edikt von Potsdam. Die pfälzische Kur fällt mit dem Aussterben des Hauses Pfalz-Simmern an Pfalz-Neuburg.
1687: Konflikt Ludwigs mit Papst Innozenz XI. bezüglich der diplomatischen Immunität in Rom ("Affaires des Francises").
1688 – 97: Pfälzischer Erbfolgekrieg; Ludwig XIV. erhebt im Namen seiner Schwägerin Elisabeth Charlotte (Liselotte) von der Pfalz Anspruch auf die Kurpfalz.
1689: Verwüstung der Pfalz durch französische Truppen. Bildung der "Großen Allianz" gegen Frankreich: Kaiser, Vereinigte Niederlande, England, Spanien, Schweden, Savoyen. 1689: Zerstörung des Schlosses von Heidelberg und Teilen der Stadt durch die Franzosen.
1692: Seeschlacht bei La Hogue; entscheidende Niederlage der neuen französischen Flotte.
1697: Der Friede von Rijswijk beendet den pfälzischen Erbfolgekrieg; erster Verlustfriede Ludwigs XIV.
1699: Tod des bayerischen Kurprinzen Joseph Ferdinand, des Sohnes des Kurfürsten Max II. Emanuel von Bayern, der den spanischen Thron erben sollte.
1700: Mit dem Tod König Karls II. von Spanien stirbt die Linie der spanischen Habsburger aus. Erbansprüche auf Spanien erheben Frankreich und Österreich. Karl II. hat in seinem Testament den Herzog Philipp von Anjou, den Enkelsohn Ludwigs XIV., als Gesamterben eingesetzt. Ludwig nimmt im Namen seines Enkels das Erbe an; Philipp von Anjou besteigt als Philipp V. den spanischen Thron.
1701 - 1713/14: Spanischer Erbfolgekrieg; erster Weltkrieg der Neuzeit mit Schauplätzen in Spanien, Italien, Süddeutschland, den Niederlanden, auf den Ozeanen und in der Nordsee.
1701: Bildung der "Grossen Allianz" zwischen Großbritannien, Holland, Österreich, Preußen, Hannover und Portugal. Dieser schließen sich 1702 das Reich und 1703 Savoyen an.
1702 – 1704: Aufstand der Camisarden in den südfranzösischen Cevennen.
1704: Die Alliierten siegen bei Höchstädt über französisch-bayerische Truppen. Englische Truppen erobern Gibraltar.
1706: Sieg der Alliierten bei Ramillies; Eugen von Savoyen beendet die Belagerung von Turin.
1708: Sieg der Alliierten bei Oudenaarde.
1709: Sieg der Alliierten bei Malplaquet; Hungersnöte und schwere innere Krise in Frankreich
1710: Geburt des späteren Ludwig XV.
1712: Tod des neuen Thronfolgers, des Herzogs von Burgund und seiner Frau Maria Adelaide von Savoyen.
1714: Friedensschlüsse von Rastatt (zwischen Frankreich und Österreich) und Baden (zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich). Philipp 1715: Tod König Ludwigs XIV. in allgemeiner Unpopularität; Beisetzung in der Abteikirche von Siant Denis. Nachfolger wird sein Urenkel Ludwig XV. (bis 1774).

Das Schloss von Versailles und seine Bewohner

1682 verlegte Ludwig XIV. seinen Regierungssitz in das neuerbaute Schloss von Versailles, obwohl die Bauarbeiten noch nicht vollständig beendet waren. Ein italienischer Beobachter, Primi Visconti, der zehn Jahre lang in Frankreich und am Hof lebte, berichtet: "Die Luft dort [in Versailles] ist schlecht. Außerdem verderben die fauligen Wasser diese Luft so sehr, dass im Monat August alle krank wurden, der Dauphin, die Dauphine, die Hofleute, alle die dort waren, außer allein dem König und mir, wie ich glaube. Indessen besteht der König darauf, dort zu bleiben."

1689 ist das Schloss in Versailles und seine Gartenanlagen beendet. Ludwig de Rouveroy, Herzog von Saint-Simon, findet das Schloss allerdings alles andere als komfortabel: "Sein [des Königs] Appartement und das der Königin sind von äußerster Unbequemlichkeit, mit Ausblick auf die Abtritte und alles, was nach hinten liegt und äußert dunkel, versperrt und übelriechend ist. Die Gärten, deren Pracht erstaunt, aber deren bequeme Benutzung erschwert ist, sind von ebenso schlechtem Geschmack. Um in die Kühle des Schattens zu gelangen, muss man eine weite und heiße Fläche überqueren, an deren Ende man überall entweder auf- oder absteigen muss, und mit dem Hügel, der nur klein ist, hören die Gärten auf. Das Pflaster schmerzt die Füße, aber ohne dieses Pflaster würde man hier im Sande und dort im schwärzesten Morast einsinken. Die Gewalt, die der Natur hier überall angetan worden ist, wirkt abstoßend und widert unwillkürlich an. Die Überfülle der gewaltsam von überall hergebrachten Wasser macht diese grün, dickflüssig und schlammig; sie verbreiten eine ungesunde und empfindliche Feuchtigkeit, einen Gestank, das es erst recht ist. [...] Man würde nicht fertig, die Fehler eines so ungeheuren und so ungeheuer teuren Palais aufzuzählen mit den Begleitumständen, die dies noch mehr sind, Gewächshäuser, Obstgärten, Hunde- und Pferdeställe, zahllose Gesindehäuser. Das ist eine ganze Stadt, wo ehedem nur ein elendes Wirtshaus stand, eine Windmühle und jenes Gartenschlösschen, das Ludwig XIII. hatte bauen lassen."

Über die Bewohner von Versailles berichtet Primi Visconti: "Ich wollte, dass Sie den Hof sähen. Welch ein Durcheinander von Männlein und Weiblein. Die bekannten Personen haben überall Zutritt. Das dieses Volk von ziemlich leichtfertigem Charakter ist, so ist das ein Menschengemenge, ein ständiges Kommen und Gehen, so dass der Herzog von Palestrina eines Abends zu mir sagte: Das ist ein wahres B[ordell]." Der Kardinal Maldacchini, als er zum ersten Mal nach Frankreich kam und all die Herren und Damen des Hofstaates sah, rief hingegen aus: "Oh! welch ein Schlaraffenland! welch ein Schlaraffenland!"

Vergnügungen gab es am Hof von Versailles sehr zahlreich. Berühmt wurde der französische Hof durch seine amourösen Eskapaden. Bald nach seiner Heirat mit der Infantin Maria Teresa von Spanien (1660) legte sich Ludwig XIV. eine Mätresse zu, Louise de La Vallière, die 1667 zur Herzogin von Vaujours erhoben wurde. Der Parlamentsrat Olivier Le Fèvre d'Ormesson beschreibt die Geliebte des Königs folgendermaßen: "Ich war danach zur Messe des Königs, der die Königin, der Herr Dauphin, Monsieur [der Bruder des Königs] und Mademoiselle de La Vallière beiwohnten, welch letztere die Königin aus Gefälligkeit gegen den König in ihrer Nähe aufgenommen hat, worin sie sehr weise handelt. Diese Dame erschien mir durchaus nicht schön; sie hat schöne Augen und einen schönen Teint, aber sie ist fleischlos, die Wangen eingefallen, Mund und Zähne hässlich, mit dicker Nasenspitze und einem ziemlich langen Gesicht. In der Tat, ich war überrascht, sie so wenig schön zu finden."

Der König schätzte Louise de La Vallière aufgrund anderer Eigenschaften, so war die Hofdame eine ausgesprochen kühne Reiterin. Am 18. September 1665 berichtet der Prinz von Condé: "Gestern kehrte der König aus Versailles zurück, wo er sich vier Tage aufgehalten hat. Am ersten Tag erlegte er einen Edelhirsch und einen Damhirsch, in Begleitung aller Damen, die gestrickte Jagdröcke und Hüte trugen. Sie sind ganz vorzügliche Reiterinnen, besonders Mademoiselle de La Vallière mit einer Zofe Madames [Henriette- Anne von England, die erste Gemahlin des Bruders des Königs]; sie blieben niemals hinter den Hunden zurück, und kein Mann kann schneller sein als sie.
Am folgenden Tag gab es eine neue Komödie von einem Komödienschreiber namens Molière. Dieser Mensch hat so viel Geist, wie man nur haben kann, und nach dem Beispiel der Alten verspottet er in seinen Komödien die Laster seiner Zeit."

Zu den "Lastern dieser Zeit" zählen auch die homosexuellen Liebesabenteuer von Monsieur, dem Bruder des Königs, die dieser sehr missbilligte. Als Madame de Maintenon, die letzte Geliebte und heimliche Gemahlin des Königs, ihren Mann dazu aufforderte, diese Praktiken am Hof zu beseitigen, soll dieser geantwortet haben: "Da müsste ich bei meinem eigenen Bruder anfangen." Liselotte von der Pfalz, die mit Monsieur verheiratet war und von dessen Eskapaden also direkt betroffen, sah die Dinge realistischer. An ihre Halbschwester, die Raugräfin Amalie Elisabeth, schrieb die Herzogin im Dezember 1705: "Wo seydt Ihr und Louisse denn gestocken, daß Ihr die weldt so wenig kendt? wer alle die haßen woldt, so die jungen kerls lieben, würde hier kein 6 menschen lieben können [...] Es eindt deren allerhandt gattungen; es seindt die, die weiber wie den todt haßen undt nichts alß mansleütte lieben können; andere lieben mäner und weiber [...]; andere lieben nur kinder von 10, 11 jahren, andere kerls von 17 biß 25 jahren undt deren seindt ahm meisten; andere desbauchirten sein, so weder mäner noch weiber lieben undt sich allein divertiren, deren ist die menge nicht so groß, alß der anderen. Es seindt auch, so mitt allerhandt desbauchiren, vieh und menschen, waß ihnen vorkompt [...] Da segt Ihr, liebe Amelisse, daß die weldt noch schlimmer ist, alß Ihr nie gemeint habt."

Die Mutter von Ludwig XVI.: Anna von Österreich (Anne d'Autriche), Königin und Regentin von Frankreich (22.09.1601 - 20.01.1666)

Anna war die älteste Tochter von König Philipp III. "dem Frommen" (1578-1621, regiert 1598-1621) von Spanien aus dessen Ehe mit Erzherzogin Margarete von Innerösterreich (1584-1611). Am spanischen Hof wurde die Infantin in der Tradition eines strengen Katholizismus erzogen.

1615, im Alter von 14 Jahren, wurde Anna in einer rein politisch motivierten Ehe mit König Ludwig XIII. von Frankreich verheiratet. Die Heirat sollte, ebenso wie die von Annas Bruder Philipp IV. mit Isabella von Frankreich, die Annäherung Spaniens an Frankreich festigen. Die Ehe wurde sehr unglücklich; der König fühlte sich mehr zu Männern hingezogen und begegnete seiner als schön, liebenswürdig und sehr fromm beschriebenen Frau mit großer Zurückhaltung. Erst nach über 20 Jahren Ehe gebar Anna ihr erstes Kind, den späteren König Ludwig XIV. von Frankreich (1638). Zwei Jahre später folgte ein weiterer Sohn, Philipp, der spätere Herzog von Orléans.

Der Tod Richelieus (1642) und der Tod ihres Mannes (1643) stellten für Anna eine Befreiung dar. Die Königin entwickelte sich schnell zu einer staatsmännischen Herrscherin. Ludwig XIII. hatte sie durch sein Testament von der Regierung ausschließen wollen, doch Anna ließ das Testament ihres Mannes mit Hilfe des Parlaments von Paris annullieren und wurde zur alleinigen Regentin berufen. Nach diesem Staatsstreich regierte sie ausschließlich im Interesse Frankreichs. So führte sie auch Krieg gegen ihren eigenen Bruder und lehnte jeden Ausgleich ab, der auf Kosten Frankreichs gegangen wäre. Sie berief Kardinal Jules Mazarin, einen Italiener, zum Premierminister. Mazarin und die Regentin waren einander zugetan und einige Historiker behaupten sogar, die beiden wären heimlich miteinander verheiratet gewesen. Allerdings entbehren diese Behauptungen jeder stichhaltigen Grundlage.

Mazarin und Anna konnten einen Gewinn verbuchen mit dem Abschluss des Westfälischen Friedens (1648/49). Doch schon bald sahen sie sich im eigenen Land einer Revolte des Adels gegenüber, der sogenannten Fronde. Die Rebellen fanden einen Sündenbock in Kardinal Mazarin, "dem Lumpen aus Sizilien", und forderten dessen Rücktritt und Verbannung. Im Februar 1651 musste Anna unter Druck den Kardinal entlassen, allerdings gelang es ihr - mit Hilfe der genauen Anweisungen des Kardinals - ihre Gegner zu entzweien. Nach der Niederschlagung des Aufstandes (November 1652) kehrte Mazarin 1653 nach Paris zurück.

1651 hatte Annas Regentschaft formal geendet, doch über den Einfluss von Mazarin behielt auch sie die Kontrolle. Nach dem Tode Mazarins (1661) pochte Ludwig XIV. auf seine Alleinherrschaft behaupten: Die Königinmutter wurde höflich aus dem Staatsrat ausgewiesen (März 1661).

1660 hatte Ludwig XIV. die Nichte Annas, die Infantin Maria Teresa, geheiratet. Diese Heirat war ein Bestandteil des Pyrenäenfriedens, der den Krieg zwischen Frankreich und Spanien beendete. Nach ihrem Rückzug unterstützte Anna weiterhin die katholische Partei am Hof. 1666 starb Anna im Alter von 65 Jahren an Krebs.

Kardinal Jules Mazarin (eigentlich Giulio Raimondo Mazzarino), Herzog von Nevers (14. Juli 1602 - 9. März 1661)

Als Sohn eines sizilianischen Adeligen im Dienste der Familie Colonna wuchs Mazarin in Rom auf, wo er eine Jesuitenschule besuchte. Nach einem Studium der weltlichen und kanonischen Rechte trat er in die Dienste des Papstes ein, wo er bald mit diplomatischen Aufträgen betraut wurde. 1630 lernte er bei Verhandlungen im Mantuanischen Erbfolgekrieg Kardinal Richelieu (1585- 1642), den ersten Minister Frankreichs kennen, dessen Empfehlungen ihm einen raschen Aufstieg ermöglichten. So bekleidete er zwischen 1634 und 1636 das Amt eines Vizelegaten von Avignon und eines außerordentlichen Nuntius von Paris.

1640 trat Mazarin aus Bewunderung für Richelieu in französische Dienste und wurde naturalisiert. 1641 stieg er zum Kardinal auf, obwohl er nie die geistlichen Weihen empfangen hatte. Er wurde Richelieus engster Mitarbeiter. Nach dessen Tod (1642) rückte er an dessen Stelle in Kronrat nach. Nach dem Tod König Ludwigs XIII. von Frankreich (1643) ernannte dessen Witwe Anna von Österreich, Regentin für den noch unmündigen Ludwig XIV., Mazarin zum ersten Minister Frankreichs.

In dieser Position beherrschte Mazarin die gesamte französische Politik und beeinflusste auch wesentlich die politische Erziehung des jungen Königs. Mazarin gelang es, den Dreißigjährigen Krieg mit dem Westfälischen Frieden für Frankreich sehr günstig zu beenden. Frankreich erzielte nicht nur beträchtliche Territorialgewinne, es gelang auch eine Schwächung des Kaisers im Reich und damit des Heiligen Römischen Reiches insgesamt.

Außenpolitisch konnte Mazarin weitere bedeutende Erfolge verbuchen: Den seit 1635 andauernden Krieg gegen Spanien beendete er im Bündnis mit England (1657) mit dem Pyrenäenfrieden (1659), den er persönlich in mehrmonatigen Verhandlungen mit spanischen Diplomaten aushandelte. Damit begann Frankreichs endgültiger Aufstieg zur Hegemonialmacht in Europa.

Innenpolitisch war seine Stellung jedoch keineswegs unangefochten. Seine rücksichtslose Steuerpolitik löste unter anderem die Kämpfe der Fronde aus, die mehr als fünf Jahre dauerten und sowohl unter dem hohen Adel als auch bei der einfachen Bevölkerung in den Provinzen Unterstützung fanden. Zweimal war Mazarin deshalb gezwungen, Frankreich zu verlassen (1651, 1652/53). Im Dezember 1651 setzte das Pariser Parlament sogar 50.000 Taler auf seinen Kopf aus. Aber selbst aus dem Ausland nahm er Einfluss auf die Regierungsgeschäfte und wurde schließlich von Ludwig XIV. zurückberufen.

Mazarin bezog immer mehr den jungen König in die Regierungsgeschäfte ein und half ihm bei der Ausbildung und Auswahl fähiger Mitarbeiter, wie Michel Le Tellier und Jean-Baptiste Colbert. Von seinen Gegnern wurde Mazarin wegen seines Geizes und der Anhäufung von Ämtern angefeindet und in den "Mazarinades" - Pamphleten gegen den Kardinal während der Fronde - eines Verhältnisses mit Königin Anna beschuldigt. Eine geheime Ehe zwischen dem Kardinal und der Königinmutter konnte allerdings nie bewiesen werden. Die Mutter Ludwigs XIV. und Mazarin verband eine enge Freundschaft und die Habsburgerin folgte dem Rat ihres Ministers in allen Fragen.

Mazarin war auch ein Liebhaber der Künste. Er schmückte sein Palais in Paris (das heute die Bibiothéque Nationale beherbergt) mit Werken italienischer Künstler aus. Er brachte auch die italienische Oper in Frankreich in Mode und förderte mehrere Schriftsteller mit Pensionen.

Gemäß der Tradition des Nepotismus verhalf Mazarin seinen Verwandten zu reichen Einkünften und arrangierte einflussreiche Ehen für seine Neffen und Nichten. So wurden seine Nichten aus den Familien Mancini und Martinozzi unter anderem mit dem Herzog von Modena, dem Prinzen von Conti und dem Herzog von Bouillon verheiratet. Seine Nichte Olympia Mancini (1640?-1708) heiratete den Prinzen Eugen Moritz von Savoyen-Carignan, Graf von Soissons, und wurde die Mutter des berühmten Feldherren Eugen von Savoyen. Die Gräfin von Soissons war, ebenso wie ihre Schwester, die Herzogin von Bouillon, in die affaire des poisons verwickelt und musste deshalb Paris verlassen (1680).

Die Frau Ludwig XVI.: Marie-Thèrése d'Autriche, Königin von Frankreich (20. September 1638 - 30. Juli 1683)

Maria Teresa stammte aus der ersten Ehe König Philipps IV. von Spanien (1605-1665, regiert 1621-1665) mit Isabella von Frankreich (1603- 1644).

Nach dem Tod ihres einzigen Bruders, des Infanten Baltasar Carlos, war Maria Teresa zwischen 1646 und 1657 spanische Erbprinzessin. 1657 wurde ihrem Vater aus dessen zweiter Ehe ein Sohn geboren, Philipp Prosper (1657-1661). Dessen Geburt und die Ratifizierung des Pyrenäenfriedens zwischen Spanien und Frankreich (1659), der den 24-jährigen Krieg zwischen den beiden Ländern beendete, waren die Voraussetzungen für die Heirat Maria Teresas mit ihrem Cousin, Ludwig XIV. von Frankreich (1660).

Am Hofe des Sonnenkönigs nahm Maria Teresa keine bedeutende Stellung ein. Schon ein Jahr nach der Heirat nahm Ludwig sich die erste einer Reihe von Mätressen. Auch politisch gewann Maria Teresa keinen Einfluss; den Intrigen am Hofe stand sie hilflos gegenüber.

In ihrer 23jährigen Ehe gebar sie ihrem Mann sechs Kinder, von denen allerdings nur ihr Sohn Ludwig († 1711), der Grand Dauphin, überlebte. Die meiste Zeit verbrachte Maria Teresa zurückgezogen und widmete ihre Aufmerksamkeit religiösen und karitativen Aufgaben.

Als die Königin 1683 im Schloss von Versailles starb, soll ihr Gemahl geäußert haben: "Dies ist das erste Mal, das sie mir Schwierigkeiten bereitet".

Stichwort Pyrenäenfrieden (1659)

Der Pyrenäenfrieden wurde am 7. November 1659 zwischen Frankreich und Spanien auf einer Insel des Grenzflusses Biadossa in den Pyrenäen geschlossen. Er beendete den seit 1635 als Teil des Dreißigjährigen Kriegs währenden Kampf beider Länder, revidierte die durch den Frieden von Cateau-Cambrésis (1559) geschaffene Situation in Europa und besiegelte den Abstieg Spaniens.

Spanien verlor folgende Gebiete an Frankreich:

• An der Grenze zwischen Frankreich und den spanischen Niederlanden Teile der Grafschaften Artois, Hennegau, Flandern und Luxemburg sowie Besitztitel in Lothringen.
• An der Grenze zwischen Frankreich und Spanien die Grafschaften Roussillon und Cerdaña nördlich der Pyrenäen. Somit bildete der Pyrenäenkamm fortan die Grenze zwischen Frankreich und Spanien.

Damit konnte Frankreich seine Grenzen im Nordosten und im Südwesten ausdehnen. Außerdem wurde die Restituierung der Herzöge von Lothringen, Savoyen und Modena vereinbart und ein Heiratsvertrag zwischen Ludwig XIV. und der ältesten Tochter König Philipps IV. von Spanien, der Infantin Maria Teresa, ausgehandelt. Die Ehe wurde im Jahr darauf geschlossen (1660), wobei Maria Teresa auf alle spanischen Erbansprüche verzichten musste.

Der Pyrenäenfriede beendete die spanisch-habsburgische Vormachtstellung in Europa und wird als Beginn des Aufstiegs von Frankreich zur führenden Macht in Europa bezeichnet. Frankreich erhielt die Ausgangsposition zu einem weiteren Vorstoß in die Niederlande und an die Westgrenze des Heiligen Römischen Reichs. Zudem begründete die im Pyrenäenfrieden vereinbarte französisch-spanische Ehe die Ansprüche, die zum Spanischen Erbfolgekrieg führten. Didaktische Hinweise

Der eigenwillige Sonnenkönig - Charakterzüge, Auftreten, Tagesablauf

Der Herzog von Saint-Simon (1675-1755) lebte seit 1691 fast ununterbrochen am Hof des Sonnenkönigs. Seine Memoiren gelten als eine der wichtigsten Quellen zu Ludwig XIV. und seinem Hof. Über den König schreibt er: “ (...) Der König war weniger denn mittelmäßig begabt, aber sehr bildungsfähig. Er war ruhmsüchtig und hielt auf Ordnung und Gesetz. Er besaß natürlichen Verstand, was mäßig, verschwiegen, Herr seiner Bewegungen und seiner Sprache, und – so sonderbar es klingen mag – im Kern seines Wesens gütig und gerecht. Gott hat ihn wohl dazu befähigt, ein guter, ja vielleicht ein großer Monarch zu werden, wenn nicht fremde Einflüsse dazu gekommen wären.

Als Kind wurde er so vernachlässigt, dass sich niemand getraute, sich seinen Gemächern zu nähren. Er hat später oft von dieser Zeit mit Bitterkeit gesprochen. So erzählte er, man habe ihn einmal abends im Garten des Palais-Royal, der damaligen Residenz, aus dem Bassin fischen müssen. Man brachte ihm nicht einmal ordentlich Lesen und Schreiben bei. So blieb er sein Leben lang unwissend und hatte von den Hauptdingen der Weltgeschichte, von den Zeitereignissen, vom Geld- und Verwaltungswesen, von der Genealogie des Adels, von den Gesetzen usw. keine Ahnung. Manchmal beging er sogar vor der Öffentlichkeit die allergrößten Schnitzer.

Es könnte den Anschein haben, als hätte der König den Hochadel begünstigt und dessen Exklusivität gefördert. Dies war indessen durchaus nicht der Fall. Er hatte vor Aristokraten der Geburt genauso viel Furcht wie vor Aristokraten des Geistes. War jemand beides in einer Person und verriet dies, so war er erledigt.

Seine Minister, seine Generale, seine Mätressen und Höflinge erkannten bald nach seinem Regierungsantritt seine Fehler, nicht so seine Ruhmsucht. Man lobte den Herrscher um die Wette und verdarb ihn damit. Dieses Loben, besser gesagt: diese Lobhudeleien sagten ihm dermaßen zu, dass selbst die gröbste Sorte Erfolg und die niedrigste wenigstens ein huldvolles Lächeln garantierte. Schmeichelei war der einzige Weg, sich den König geneigt zu machen. Seine Günstlinge verdankten ihre Vorteile nicht allein ihrem guten Stern, sondern ebenso ihrer Unermüdlichkeit in dieser Hinsicht. Die übergroße Macht seiner Minister hatte nämlich die Quelle, da sie fortwährend die Gelegenheit hatten, ihm Weihrauch zu streuen, indem sie so taten, als ginge alles vom Könige aus, was in Wirklichkeit aus ihren Köpfen kam, und als sei er der hohe Herr und Meister, von dem sie dauernd lernten, Geschmeidigkeit, Lakaiensinn, Speichelleckerei und vor allem die Kunst, im Dunstkreise der Majestät im Nichts zu ersterben, und so zu tun, als sei man alles lediglich durch seine Huld und Gnade – das waren die Hauptmittel, ihm zu gefallen (...)

Mit dieser Schwäche war die Ruhmsucht des Königs (...) eng verwachsen. Infolgedessen war es eine Leichtigkeit für Louvois, ihn zu großen Kriegen zu bewegen. Dass der eigentliche Kriegsanlass manchmal nichts weiter war als das Begehren, Colbert zu stürzen, oder die Angst, selbst gestürzt zu werden, oder der Drang nach noch größerer Macht, das entging dem Fürsten. Louvois wusste ihm einzureden, er selber sei ein größerer Stratege als seine Generale alle miteinander, sowohl auf theoretischen wie praktischen Gebieten. (...) Der König war hierin maßlos leichtgläubig. Voll erstaunlichem Selbstgefallen hielt er das Bild für echt, das man ihm vorspiegelte (...).

Er war außerordentlich höflich in Worten und Benehmen. Dabei verstand er es, seine Höflichkeit je nach Alter, Rang und Verdienst abzumessen und abzustufen. Jede seiner Antworten, die über ein "Wir werden sehen" hinausging, war ungemein verbindlich. Die nämliche Abstufung legte er auch in seinen Gruß und seine Art, wie er die Verneigungen der Kommenden und Gehenden aufnahm. (...) Ganz besonders bewundernswert war seine Höflichkeit gegen die Frauen. An keiner ging er vorbei, ohne den Hut zu lüften, selbst nicht vor Kammerfrauen. (...)

In allem liebte er Glanz, Verschwendung, Fülle. Es war wohlberechnet, dass er die Sucht, ihm hierin nachzueifern, in jeder Weise begünstigte. Er impfte sie seinem ganzen Hofe ein. Wer alles draufgehen ließ für Küche, Kleidung, Wagen, Haushalt und Spiel, der gewann sein Wohlwollen. (...) Indem er so den Luxus gewissermaßen zur Ehrensache und für manche zur Notwendigkeit machte, richtete er nacheinander alle zugrunde, bis sie schließlich einzig und allein von seiner Gnade abhingen. So befriedigte er seinen Hochmut und seinen Ehrgeiz. Sein Hof war blendend, und die Rangunterschiede verschwanden im allgemeinen Wirrwarr. Er hat dem Land damit eine Wunde geschlagen, die wie ein Krebsschaden an allem frisst. Vom Hofe aus hat die Verschwendungssucht Paris, die Provinzen, das Heer ergriffen. (...) Die Folgen sind nicht abzusehen. Untergang und Umwälzung sind im Anzuge."

Der Italiener Primi Visconti, der zehn Jahre lang in Frankreich lebte, notierte 1673: "Niemals stand ein Fürst weniger unter der Herrschaft anderer. Er will über alles informiert sein: Durch seine Minister erfährt er die Staatangelegenheiten; durch seine Präsidenten diejenigen der Parlamente; durch seine Richter die kleinsten Vorfälle; durch die Damen seines Herzens die neuesten Moden - mit einem Wort, es gibt im Laufe des Tages kaum einen Vorfall, von dem er nicht erfährt, und es gibt kaum einen Menschen, dessen Namen und Gewohnheiten er nicht kennt. Sein Blick durchdingt alles, er kennt die persönlichsten Geschäfte von jedem, und wenn er einmal einen Menschen gesehen oder von ihm gehört hat, vergisst er ihn niemals wieder.
Darüber hinaus ist er in allem, was er tut sehr ordentlich. Er steht jeden Tag um acht Uhr auf, bleibt von zehn bis halb eins im Rat, dann besucht er die Messe, und zwar immer zusammen mit der Königin und seiner Familie. Da sein Wunsch, die Staatsgeschäfte in der eigenen Hand zu halten, so mächtig und beständig ist, ist er klug geworden (...) Sein Talent ist außerordentlich, und oft kann er Probleme lösen, an denen seine Minister und deren Sekretäre verzweifelt waren (...) Um eins, nach der Messe, besucht er bis zwei Uhr seine Mätressen, dann isst er täglich mit der Königin öffentlich zu Mittag. Den Rest des Nachmittags verbringt er auf der Jagd oder mit Spaziergängen; meist hält er danach eine weitere Ratssitzung ab. Vom Abend bis gegen zehn Uhr pflegt er Konversation mit den Damen, spielt Karten, besucht eine Theatervorstellung oder geht auf einen Ball. Um elf Uhr, nach dem Abendessen, besucht er noch einmal seine Mätressen. Die Nacht verbringt er immer bei der Königin.

Bei öffentlichen Auftritten ist er von großer Ernsthaftigkeit, ganz andres als im privaten Umgang. Ich bin mehrere Male mit anderen Hofmännern zusammen in seinem Schlafzimmer gewesen und habe bemerkt, dass er, öffnet sich zufällig die Tür oder geht er [aus seinen Privatgemächern] hinaus, auf der Stelle seine Haltung verändert, und sein Gesicht nimmt einen anderen Ausdruck an, so, als betrete er eine Bühne: Mit einem Wort, er ist sich stets bewusst, wie sich ein König gibt (...) Hat man ein Anliegen, so muss man ihn persönlich fragen, nicht über andere. Er hört jedem zu, nimmt die Memoranden entgegen und antwortet stets: "Ich werde sehen", in elegantem, majestätischen Ton (...)"


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