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Das Zeitalter des Absolutismus Begriff und Merkmale

Seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts und verstärkt nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges lässt sich in Europa die Entwicklung einer Staats- und Regierungsform beobachten: der Absolutismus.

Stand: 06.03.2017

Eine Szene aus dem Film "Goya" (von 1999) - der königliche Maler war den Verführungen des Absolutismus dank Ruhm und Reichtum erlegen | Bild: picture-alliance/dpa

Aufgrund räumlich sowie zeitlich sehr unterschiedlicher Abläufe und Erscheinungsformen ist der Begriff unter Historikern umstritten. Unbeschadet der offenen Forschungsdebatte lassen sich dennoch einige Grundzüge des absolutistischen Fürstenstaates skizzieren.

Die Auflösung der landständischen Verfassung

Ein wesentliches Kennzeichen ist der Versuch des Landesherrn, das traditionelle Kräfteverhältnis des spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ständestaates zu überwinden. Dieses gesamteuropäische, feudale Ordnungsgefüge, das sich seit dem 13. Jahrhundert herausgebildet hat, kennt zwei Hauptakteure: Einen Pol bildet der Landesherr, der aufgrund seines Geburtsrechtes und zugesicherter Hoheitsrechte die Landeshoheit besitzt. Ihm stehen zum anderen die Landstände gegenüber, die in einem langwierigen historischen Prozess weitgehende Freiheitsrechte errungen haben und an der Regierung mehr oder minder stark beteiligt sind.

Die Ständegesellschaft des 17. Jahrhunderts

Die Landstände setzen sich zusammen aus dem Adel, der grundbesitzenden hohen Geistlichkeit (Prälaten) sowie den Städten und Märkten. Die Standeszugehörigkeit wird durch die Geburt bestimmt, weshalb ein sozialer Aufstieg nahezu ausgeschlossen ist. Die Bauern, obwohl sie den überwiegenden Großteil der Bevölkerung stellen, sind in diesem Ständesystem nicht repräsentiert und von der Mitwirkung am politischen Geschehen ausgeschlossen.

Das Ringen um politische Teilhabe

Seit dem 15. Jahrhundert treten die auch als "Landschaft" bezeichneten Landstände in so genannten Landtagen zusammen, die allerdings nicht aus eigener Kraft, sondern ausschließlich vom Landesherren einberufen werden. Zu den wesentlichen und politisch wirksamen "Freiheiten" der Landschaften zählen das Recht der Steuerbewilligung, die selbständige städtische Steuerverwaltung sowie das Recht, Beschwerden vorzutragen (Gravimana) und Lösungen einzufordern. Vor allem im Recht der Steuerbewilligung verfügen die Stände über ein äußerst wirksames Druckmittel, das ihnen erlaubt, den Landesherren zu kontrollieren und ihre politische Beteiligung zu sichern. In vielen Fällen versuchen sie zudem, Einfluss auf die Besetzung der fürstlichen Behörden, auf die Gesetzgebung und die Bündnispolitik des Landesherrn zu nehmen.

Frühformen absolutistischer Herrschaft

Aus dieser Konstellation ergibt sich ein ständiges Ringen um die Macht, das die Landesherren seit Beginn des 17. Jahrhunderts zunehmend, wenn auch nie vollständig, zu ihren Gunsten entscheiden. Als probates Werkzeug erweist sich dabei unter anderem die Möglichkeit, nicht mehr den Gesamtlandtag, sondern lediglich leichter lenkbare Ausschüsse einzuberufen. Diese allmähliche Verschiebung des Kräfteverhältnisses, die immer mehr staatliche Kompetenzen und Zuständigkeiten in der Hand des Fürsten bündelt, ist ein charakteristisches Merkmal der absolutistischen Epoche zwischen 1648 und 1789.

Aufstieg der Landesherren

Das Streben nach einer Ausweitung der landesherrlichen Freiheiten erfährt nicht zuletzt durch die Bestimmungen des Westfälischen Friedens einen erheblichen Auftrieb. Die Regelungen der Friedensordnung begünstigen zwei Entwicklungen: Zum einen wird die Souveränität der fürstlichen Landeshoheit bestätigt und erweitert. Die Landesherren haben nun das Recht, selbständig Bündnisse einzugehen und selbständig Kriege zu führen. Zudem zwingt ein 1654 verabschiedeter Reichstagsbeschluss die Landstände, alle notwendigen Summen für die Reichs- und Kreisauflagen automatisch zu bewilligen.

Der Aufbau des frühmodernen Beamtenstaates

Zugleich mit der schrittweisen Entmachtung der Stände baut der Landesherr ein auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes, unmittelbar ihm unterstelltes und von ihm kontrolliertes Verwaltungssystem auf. Um die zahlreichen neuen Staatsaufgaben vor allem in Verwaltung und Justiz zu bewältigen, braucht der Fürstenstaat bestens ausgebildete, motivierte und loyale Beamte. Als Amtsträger der fürstlichen Behörden fungieren dabei vorwiegend bürgerliche Juristen, deren Zahl seit Beginn des 17. Jahrhunderts stetig zunimmt. Wer sich im Dienst für den Herrscher bewährt, kann in den Adelsstand erhoben werden und so eine der extrem seltenen Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs über die Standesgrenzen hinaus nutzen. In diesen - vom Altadel allerdings nicht anerkannten - neuen Briefadel steigen seit dem Dreißigjährigen Krieg auch mehr und mehr verdiente bürgerliche Offiziere auf. Anzumerken ist allerdings, dass nobilitierte Bürgerliche einen Adel zweiter Klasse darstellen, dem wesentliche "Edelmannsfreiheiten" wie etwa die niedere Gerichtsbarkeit versagt bleiben.

Die Wirtschaftspolitik des Fürstenstaates

Die Einkünfte des Landesherrn beschränken sich im Wesentlichen auf die Erträge seines eigenen Grundbesitzes und die Abschöpfung der Regalien. Zu diesen gewinnträchtigen Hoheitsrechten zählen insbesondere Münz-, Zoll- und Marktrechte oder Gerichtsgelder. Da die Eigenmittel der Fürsten zur Finanzierung von Kriegen, größeren Baumaßnahmen oder Infrastrukturerneuerungen nicht ausreichen, sind viele Landesherren chronisch überschuldet und auf teuer erkaufte, zusätzliche Steuerbewilligungen durch die Landtage angewiesen.

Um das Geld für den Aufbau stehender Heere, des Beamtenapparates und die gesteigerten Repräsentationskosten ohne weitere Zugeständnisse an die Landschaften aufzubringen, versuchen viele Landesherren, neue Einkommensquellen zu erschließen, die sie von der ständischen Bewilligung unabhängig machen.

Ökonomische Steuerungsinstrumente

Zur Erhöhung ihrer Staatseinkünfte greifen sie erstmals lenkend in die Wirtschaft ihrer Territorien ein (Merkantilismus). Ein probates Instrument ist dabei die strategische Förderung des Handels und der gewerblichen Produktion. Dies geschieht zum einen durch eine gezielte Zollpolitik, die Einfuhren verteuert, Ausfuhren verbilligt (Schutzzollpolitik) und binnenstaatliche Zollschranken abbaut. Ein zweites Mittel besteht in der Errichtung von Manufakturen, die durch gesonderte Privilegien und staatlich garantierte Monopole begünstigt werden, außerhalb der Zunftordnung stehen und die Produktion durch arbeitsteilige Verfahren rationalisieren. So entstehen unter anderem Gobelin-, Glas-, Leder- oder Woll- und Baumwollmanufakturen, die im – freilich nicht immer realisierten - Idealfall reichliche Steuergelder in die Staatskassen spülen.

Repräsentation und inszenierte Herrschaft

Ein bezeichnender Zug des absolutistischen Zeitalters ist der Hang zu einer gesteigerten architektonischen und zeremoniellen Prachtentfaltung. Der Herrscherhof wird zum Gesamtkunstwerk einer durch alle Künste zugleich gestützten, sinnfälligen Darstellung fürstlicher Macht. Prunkvolle Bauten, weitläufige Gartenanlagen, triumphale Einzüge, rauschende Feste, Theater-, Oper- und Ballettaufführungen haben neben ihrem ästhetischen Wert vor allem eine Funktion: Sie setzen das Gottesgnadentum, die Heiligung, Bedeutung und Machtfülle des Herrschers in Szene. So sind Statuen, Deckenbilder und Gemälde, die bevorzugt Götter und Heroen des antiken Mythos abbilden, weit mehr als schmückendes Beiwerk. Für eine Kultur, die wie keine andere darin geübt ist, das Sichtbare als Repräsentation, als wiederholte Darstellung unsichtbarer Wirklichkeiten und Gesetze zu lesen, ist die gebaute, gemalte, gemeißelte Botschaft überdeutlich: In den Taten, im Ruhm und Glanz der antiken Helden- und Götterwelt entwirft der Fürst ein Bild seines Selbstverständnisses, seines Ranges, seiner Tugenden und Vorrangstellung.

Der appolinische Fürst

So, wie er sich selbst als ein neuer Apoll, neuer Herkules, neuer Zeus/Jupiter sieht und begreift, will er auch von seinem Hofstaat und seinen Untertanen gesehen und begriffen werden. Dieser Zweck einer programmatischen Repräsentation des Fürstenideals prägt auch viele der gewaltigen Schlossbauten des absolutistischen Zeitalters: Sie sind körperhaft mit allen Sinnen erlebund begehbare Vergegenwärtigungen der absolutistischen Herrschaftskonzeption. Ihr Aufriss, der über außen gelegene Stallungen, Gesindetrakte, Adelsappartements, Privatkabinette, Staatsräume und wuchtige Treppenhäuser konzentrisch auf den zentralen Thronsaal zuläuft, spiegelt den idealtypischen Aufbau einer Gesellschaft, die sich konzentrisch um den im Mittelpunkt stehenden Fürsten gruppiert.

Das Hofzeremoniell: Die Pantomime der Macht

Ähnliche Funktionen erfüllt das höfische Zeremoniell. Durch exakt beschriebene, niemals beliebige und immer gleich ausgeführte Handlungen fungiert das Zeremoniell als gestisch-programmatische Repräsentation der Herrschaftsidee und des sozialen Gefüges der Zeit. Im Grunde, so schreibt der Kunsthistoriker Hermann Bauer, entsteht im Zeremoniell ein System "geregelter Kulthandlungen, das den Herrscher fortwährend als irdischen Stellvertreter Gottes“ inszeniert. Die Ritualisierung seines Tagesablaufes ist an liturgische Vorbilder angelehnt und spiegelt so "das immerwährende Schauspiel von der Herrschaft des Vertreters Gottes".

Eine wichtige Funktion der zeremoniellen Statuten besteht darin, die Nähe bzw. Distanz zum Herrscher zu regeln und alle Glieder des Hofes auf den ihnen zukommenden Rang zu stellen. Damit erlaubt das Zeremoniell eine dramaturgisch genau durchdachte, gleichsam szenische und unaufhörlich wiederholte Einübung in die gesellschaftliche und politische Realität des Fürstenstaates.

Hermann Bauer fasst die wichtigsten Elemente des Herrscherzeremoniells so zusammen:

• Der hierarchisch eingeteilte Hofstaat ist auf die zentrale Person des Herrschers ausgerichtet. Dieser Hofstaat aber unterstützt nicht den Herrscher in seinen Regierungsgeschäften, sondern dient allein seinen persönlichen Bedürfnissen.
• Der Tagesablauf des Herrschers ist so bedeutsam geworden, da durch ihn eine höhere Wirklichkeit repräsentiert wird. Weil jede Person auf diese Weise in einem Rollenspiel, besser in einer Repräsentation, befindlich ist, also nicht sich selbst, sondern etwas anderes vertretend darstellt, konnte auch die geringste Kleinigkeit gewichtig sein.
• Das Bild einer hierarchischen Pyramide mit dem Herrscher an der Spitze beinhaltet eine Distanzierung dieses Herrschers. Die Audienz muss somit zwangsläufig zu einem Weg werden, so wie umgekehrt ein Wunsch des Herrschers nur über Distanzen erfüllt werden kann.
• "Diensteifer" (Servilität) und "Herablassung" haben theatralische Züge angenommen, sie werden jeden Tag neu eingespielt, um den eigentlichen Charakter, nämlich ihren metaphorischen, zu erweisen."

Hermann Bauer: Zeremoniell und Repräsentation. In: Barock – Kunst einer Epoche. Berlin [Reimer] 1992. S. 147-181, hier S. 154.

Potestas absoluta – Grundzüge absolutistischer Machtentfaltung

Idealtypisch, so die Historikerin Dagmar Feist "lässt sich der Absolutismus als eine Herrschaftsform bezeichnen, die gekennzeichnet ist von der absoluten Souveränität - potestas absoluta - des Herrschers. [...] Die Kennzeichen absoluter Herrschaft sind die Zentralisierung von Herrschaft, Bürokratisierung, Merkantilismus, Staatskirchentum, Verrechtlichung und Vereinheitlichung des Rechts, Arrondierung des Staatsgebiets durch eine expansive Außenpolitik, der Aufbau eines stehenden Heeres und schließlich eine aufwendige Hofführung. Die Grundlage derartiger Verallgemeinerungen sind detaillierte Untersuchungen zu strukturellen Veränderungen seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert, die die historische Forschung für eine Reihe europäischer Staaten und Territorien nachgewiesen hat. Konkret beziehen sich diese strukturellen Veränderungen auf administrative Neuerungen durch den Ausbau eines kronabhängigen Verwaltungsapparats, die dirigistische Ankurbelung der Staatswirtschaft mit der intendierten Steigerung der Exporte, die Unterordnung der Kirche unter den Staat, die Schaffung eines einheitlichen Rechtsraumes und die Zentrierung der Legislative auf den Herrscher, Kriegsführung zur Vergrößerung und Absicherung des Staatsgebietes und der Aufbau eines stehenden Heeres verbunden mit der Einführung neuer Kriegstechniken, der Uniformierung sowie der Institutionalisierung von Ausbildung, Besoldung und Versorgung der Soldaten.

Diese strukturellen Veränderungen führten allmählich zu einer Zurückdrängung traditioneller Herrschaftsträger, insbesondere des Adels und zum Aufstieg eines neuen Typus von Amtmann, dem frühmodernen Beamten, der in der Regel aus dem aufstrebenden Bürgertum stammte und eine universitäre Ausbildung genossen hatte. Begleitet wurden diese Veränderungen von teilweise heftigen Auseinandersetzungen zwischen Krone und Ständen, die bürgerkriegsähnliche Ausmaße annehmen konnten. [...] Der absolute Herrschaftsanspruch des Fürsten zeigte sich schließlich im Bau prunkvoller Schlösser, einer Streng am Zeremoniell orientierten Hofhaltung, der Förderung von Kultur und Wissenschaft im Dienste des Fürsten und der Entwicklung einer Herrschafts-lkonographie. [...]

Dagmar Feist: Absolutismus. Darmstadt [Wissenschaftliche Buchgesellschaft] 2008. S. 24f. 2.


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