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Rialtobrücke in Venedig "Ohne sie wären wir amputiert"

Sie ist neben dem Markusdom das Wahrzeichen der Lagunenstadt. Vor 425 Jahren wurde die Rialtobrücke nach jahrelangen Bauarbeiten für den Verkehr freigegeben, vor allem für den Warenverkehr. Auf und neben der Brücke war das kommerzielle Zentrum der Handelsstadt Venedig. Das ist heute noch so. Doch in Zeiten, da immer mehr Touristen die Brücke passieren und immer weniger Venezianer, dominieren Stände und Läden mit Billigsouvenirs aus Fernost das Brückenbild.

Von: Tilman Kleinjung

Stand: 18.03.2016

Werbetransparent an der Brücke | Bild: BR/Tilman Kleinjung

Wer sich in Venedig aus den Augen verliert, sollte sich einfach an den Fuß der Rialtobrücke setzen und warten. Irgendwann muss hier jeder vorbei. Die Fußgängerbrücke über den Canal Grande ist der Verkehrsknotenpunkt der Stadt. Zentral gelegen zwischen den Vierteln San Marco und San Polo.

Die Rentnerin Anna passiert die Brücke in der Regel zweimal täglich. Auf der einen Seite liegt der große Markt Venedigs: Gemüse von den Inseln und  frischen Fisch gibt es hier.  Auf der anderen Seite, die zum Markusdom führt, liegen zahlreiche Geschäfte. Anna sagt: "Wenn sie uns die Brücke nehmen würden, wären wir amputiert."

Ein verhülltes Wahrzeichen

Keine Sorge, niemand hat vor, die Rialtobrücke einzureißen - auch, wenn es so aussieht. Das was gerade stattfindet, ist eine aufwändige Sanierung dieses in die Jahre gekommenen Baus. Deshalb ist die Fassade mit den eleganten Bögen zum Kanal hin eingerüstet. Zum Leidwesen der Touristen, die mit dem Vaporetto, dem Wasserbus, unten durchfahren. Selbst wenn sie die Notwendigkeit der Renovierung einsehen:

"Sie hat es nötig, dass sie ein bisschen restauriert wird. So was hält ja auch nicht ewig. Und das Problem ist immer der Untergrund. Sie müssen von der Statik einiges tun."

Volker und Ursula Joschok, Venedig-Touristen

"Die Wall Street des Mittelalters"

Die Rialtobrücke ist keine gewöhnliche Brücke. Sie ist 22 Meter breit, Platz genug für zigtausende Fußgänger am Tag und zwei schmale Ladenzeilen an beiden Seiten der Brücke. Der venezianische Architekt Marco Zordan sagt: "Die Rialtobrücke war die Wall Street des Mittelalters. Ein Handelszentrum für Waren und für den Geldwechsel."

Zordan bewundert noch heute die Meisterleistung seines Kollegen Antonio Da Ponte, der im Jahr 1588 im Auftrag der Seerepublik damit begonnen hat, diese Brücke zu bauen.

"Die Rialtobrücke ist die Verlängerung der Geschäfte in diesen Gebäuden aus dem 16. Jahrhundert, sie ist eine Einkaufspassage unter freiem Himmel."

Architekt Marco Zordan

Das ist die Rialtobrücke bis heute, eine große Einkaufspassage. Da gibt es zum Beispiel die Parfümerie "Franco", die die Familie de Vanna seit 80 Jahren betreibt. Inhaber Franco de Vanna ist stolz auf die Familientradition, beobachtet aber mit Sorge, wie sich "seine" Brücke verändert: "Der einzig negative Aspekt ist, dass sich immer mehr Läden ganz auf den Tourismus einstellen."

Fremd in der eigenen Stadt

Und so kommt es, dass auch auf und an der Rialtobrücke die traditionellen Geschäfte immer weniger werden. Stattdessen kann man Plastik-Karnevalsmasken aus Fernost und T-Shirts im schwarz-weißen Gondoliere-Look kaufen. Das ist nicht nach dem Geschmack von Anna, der regelmäßigen Brückenläuferin: "Hier gab es schöne Geschäfte, die leider aufgeben mussten für diese Läden, die eigentlich nur Blödsinn verkaufen."

Auch das kann man an der Rialtobrücke erleben: Die Venezianer fühlen sich fremd in der eigenen Stadt. Kein Wunder: Auf nur noch 56.000 Einwohner kommen 30 Millionen Touristen pro Jahr.


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