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Außergewöhnliche Hobbys der BR-Mitarbeiter "Spielen ist knochenharte Arbeit"

Ihr Hobby ist eigentlich ihr Beruf: Ingrid Hecker hat Musik studiert und spielt Kontrabass in einem Münchner Amateur-Symphonieorchester, der "Wilden Gungl". Obwohl dort kaum Profis spielen, tritt das Orchester in den großen Münchner Konzertsälen auf. Im BR arbeitet Ingrid Hecker als Tontechnikerin und digitalisiert Archivbestände. Ein Gespräch über die Liebe zur Musik.

Von: Monika Hippold

Stand: 06.03.2017

Kontrabaßgruppe der Wilden Gungl im Brunnenhof | Bild: Georg E. S. Juranits

Frau Hecker, warum ist es der Kontrabass? Was gefällt Ihnen so gut an dem Instrument?

Ingrid Hecker: Ich mag besonders diesen tiefen, warmen Klang, der mich im Innersten anrührt. Und mir liegt  die Haltung. Beim Geigespielen hat man immer diese Drehung im linken Arm. Das gibt es beim Kontrabass nicht.

Wann haben Sie angefangen, Kontrabass zu spielen?

Mit elf Jahren habe ich angefangen, Geige zu spielen und mit 19 Jahren Kontrabass. Das war sehr spät.

Wie kam es, dass Sie so spät noch das Instrument gewechselt haben?

Ingrid Hecker hat auf dem Gang im Funkhaus beim Interview ein kleines Konzert gegeben.

Fasziniert hat mich der Bass schon früher, aber bei uns auf dem Land gab es keinen Lehrer. Kurz nach dem Abitur traf ich bei einer Musikwoche einen Kontrabassisten aus Freiburg. Ich ging zu ihm hin und sagte: "Zeig mir doch mal was." Da sagte er: "Spiel mal eine B-Dur-Tonleiter." Auf meinen fragenden Blick hin ermunterte er mich: "Das kannst Du!" Er setzte meinen Zeigefinger auf eine Saite an die Stelle, an der das "B" liegt, und ich brachte die Tonleiter zustande. Das war das erste, was ich auf dem Kontrabass gespielt habe. In der Nacht darauf konnte ich nicht schlafen. Ich dachte immer: "Das ist es. Das musst Du spielen." Ich war gerade fertig mit der Schule, hing ein bisschen durch, weil ich nicht genau wusste, wie ich jetzt weitermachen wollte.

Dann habe ich mir einen Basslehrer gesucht und bin nach Detmold gegangen. Dort gab es gerade einen neuen Studiengang: Musikwissenschaft. Ich studierte und nahm gleichzeitig Kontrabass-Privatstunden. Nach zwei Semestern bestand ich dann die Aufnahmeprüfung. Ich hatte riesiges Glück, das wäre heute so gar nicht mehr möglich.

Sie spielen im Orchester "Wilde Gungl" - ein ungewöhnlicher Name. Woher kommt der?

Die Wilde Gungl nennt sich so nach dem "Ungarn-deutschen Walzerkönig" Josef Gung’l (1809–1889). Dessen Orchester, das die Leute einfach "Die Gungl" nannten, machte regelmäßig Tourneen bis nach Russland und Nordamerika und war von 1864 bis 1870 in München zu Gast. Von dieser "Gungl" waren auch die Mitglieder der bereits 1840 gegründeten und noch heute bestehenden "Münchner Liedertafel" begeistert. Da viele Sangesbrüder auch ein Instrument "irgendwie beherrschten" und ein Orchester für viele Veranstaltungen der Liedertafel und des 1861 gegründeten Bayerischen Sängerbundes benötigt wurde, gründete man bei der Weihnachtsfeier der Liedertafel 1864 ein eigenes Orchester, quasi einen "wilden" Ableger der damals so bewunderten echten "Gungl". So lag es nahe, von nun an das Ensemble "Wilde Gungl" zu nennen. Im Gegensatz dazu ist der indirekte Namensgeber Josef Gung’l ein wenig in Vergessenheit geraten.

Neben dem Namen – was ist noch besonders an dem Orchester?

Ingrid Hecker und die "Wilde Gungl" bei einer Probe.

Da gibt es einiges. Es ist ein Symphonieorchester, und dort spielen nur Amateure - bis auf zwei Ausnahmen. Das sind alles Leute, die sich einmal in der Woche abends nach ihrer Arbeit noch mal aufraffen, um gemeinsam zweieinhalb Stunden zu proben, richtig stramm. Unser Dirigent verlangt sehr viel von uns.

Wie oft üben Sie - abgesehen von der Probe?

Alleine übe ich abends und am Wochenende. Kurz vor den Konzerten haben wir sonst noch gemeinsam Sonderproben, samstags von 10.00 bis 16.00 Uhr. Die bringen sehr viel, weil wir dann noch nicht so abgekämpft vom Arbeitstag sind wie unter der Woche.

Ist das Spielen für Sie auch entspannend?

Es ist nicht die reine Entspannung. Man nennt es Spielen, aber es ist schon knochenharte Arbeit. Gerade, wenn man etwas erreichen will und das Konzert oder die Probe gut werden sollen. Es gibt keine guten Konzerte ohne gute Proben.

Man muss sich schließlich sehr konzentrieren, oder?

Eben. Und das ist nach der Arbeit schon eine Herausforderung. Ich glaube, ich habe seit Jahrzehnten keine Langeweile mehr gehabt.

Wird Ihnen das Ganze auch mal zu viel?

Spielen ist Entspannung und harte Arbeit.

Ja, das Gefühl kenne ich, zumal ich obendrein die Texte für unsere Konzertprogrammhefte schreibe, wofür ich viel recherchiere. Manchmal möchte ich am liebsten nichts müssen - keine Termine einhalten, einfach mal früher schlafen. Aber ich gehe dann trotzdem zur Probe - und bin hinterher froh, dass ich dabei war. 

Wie oft haben Sie Auftritte?

Vier- bis fünfmal im Jahr. Wir geben Konzerte in den großen Münchner Sälen: zwei Konzerte im Jahr im Herkulessaal, eins im Prinzregententheater, oft im Sommer auch noch ein Konzert im Brunnenhof der Residenz und eins außerhalb.

Das nächste Konzert der Wilden Gungl

Wann? Samstag, 11. März, um 19.00 Uhr
Wo? Herkulessaal der Residenz, München
Was? Der Dirigent Jaroslav Opela hat das Orchester 45 Jahre lang geleitet, bis 2014. Vor einem halben Jahr ist er gestorben. Die "Wilde Gungl" und der Staffelseechor Murnau widmen ihm das Konzert am 11. März. Gespielt werden Kol Nidrei von Max Bruch und Lobgesang von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Mehr Infos auf der Homepage der Wilden Gungl

Wie aufgeregt sind Sie nach all dem Üben dann beim großen Auftritt?

Das Maß an Aufregung ist gerade so, dass es die Konzentration anregt und die Spannung. Es gibt ja auch Lampenfieber, das lähmt. Das ist es zum Glück bei mir nicht.

Was bedeuten Ihnen die Auftritte?

Ein Konzert ist natürlich das Ziel des Übens. Man probt ja nicht für Nichts oder für die Wände, man probt fürs Publikum.

"Spielen wärmt mir die Seele. Es ist ein Gefühl, wie nach Hause kommen."

Ingrid Hecker

Was ist für Sie der schönste Moment bei einem Konzert: der Beginn oder der Applaus am Ende? 

Da gibt es viele schönste Momente. Und dann die unerwarteten Dinge: Es macht zum Beispiel einen Unterschied, ob man in einem leeren oder gefüllten Saal spielt. Das verändert die Akustik. Manchmal höre ich beim Auftritt an meinem Platz etwas zum ersten Mal, das mir bei den Proben nie aufgefallen ist.

Konzert der "Wilden Gungl"

Aushilfen sind auch manchmal für Überraschungen gut. Mir ist es mal passiert, dass mein Pult-Nachbar am Konzerttag ausfiel und stattdessen abends ein Kollege von einem befreundeten Orchester neben mir stand, ohne dass ich vorher davon erfahren hatte. Das war für mich eine große Veränderung. Ich habe gemerkt, an manchen Stellen, an denen ich sonst etwas unsicher war, lief es gut, und an anderen Stellen war ich auf einmal unsicher. Was ich sagen will: Es macht ganz viel aus, wer neben einem am Pult sitzt, wie sich die Gruppe formiert, wer mit wem den Platz tauscht. Und auch der Dirigent: Was er für ein Typ ist und wie er mit dem Orchester umgeht, macht unglaublich viel aus. Das wirkt sich direkt auf den Orchesterklang aus.

Ist Ihnen eins der Konzerte ganz besonders in Erinnerung geblieben?

Ich spiele seit 25 Jahren in der "Wilden Gungl", da erinnere ich mich nicht mehr an alle Konzerte. Aber unser Jubiläumskonzert im Dezember 2014 war etwas ganz Besonderes. Das war das erste und bisher einzige Mal, dass ich in der Philharmonie spielen durfte. Das hatte ich mir lange gewünscht. Die Stadt München hat uns zu unserem Jubiläum die Philharmonie zur Verfügung gestellt. Ein tolles Geschenk! Und der Saal war voll. Das war wirklich großartig.

Seit 25 Jahren spielen Sie jetzt schon in der "Wilden Gungl". Wie sind Sie gerade auf dieses Orchester gekommen?

Durch einen Kollegen vom BR, Wilfried Hiller. Er arbeitete in der Redaktion Bayern 4, und er ist Komponist. Einmal hatte er einen Produktionstermin bei mir. Ich war ganz neu in München und kannte noch niemanden. Da habe ich ihn gefragt, ob er wüsste, wo ich spielen könnte. Er sagte erstmal gar nichts, griff zum Telefon und rief irgendwen an. Ein kurzes Gespräch, dann sagte er zu mir: "Gehen Sie heute Abend ins Hansahaus, da werden Sie gebraucht."

Seit 25 Jahren spielt Ingrid Hecker schon in der "Wilden Gungl".

Dort sind die Proben der "Wilden Gungl". Ich bekam einen Bass in die Hand gedrückt und bin seitdem im Orchester. Das ging ganz schnell und leicht und war eine gute Möglichkeit für mich, hier Leute kennenzulernen. "Die Wilde Gungl" hat auch eine ganz starke soziale Funktion. Ich habe erst viel später erfahren, wen Wilfried Hiller damals angerufen hatte: unseren Dirigenten Jaroslav Opěla.

Sind Sie damals ins Orchester gegangen, um Leute kennenzulernen?

Nein, nicht bewusst. Mir ging es darum, dass ich Bass spielen wollte.

Ist die Musik ein Ausgleich zu Ihrem Job?

Eher eine Ergänzung. Ich erfahre durch meine Arbeit hier auch ganz oft etwas über die Musik. Wenn ich Portraits über Musiker digitalisiere, die unbekannt geblieben oder schon lange tot sind zum Beispiel. Es gibt da ganz tolle alte Sendungen. Danach gehe ich oft ins Internet und suche nach mehr Infos.

Waren Ihre Kollegen schon mal in einem Konzert von Ihnen?

Konzert der "Wilden Gungl" im Brunnenhof.

Ja, wir haben ganz treue Hörer hier im Funk – und ich hoffe, dass es noch mehr werden. Meine treueste Hörerin habe ich Anfang der neunziger Jahre kennengelernt. Da habe ich an der Volkshochschule einen Schreibmaschinenkurs belegt. Die dortige Dozentin arbeitete auch hier im BR. Sie besuchte gleich das nächste Konzert. Seitdem kommt sie immer, wenn es ihr möglich ist, obwohl sie schon lange in Rente ist.