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Bayern 3 Verkehrssignal Vom Alten Peter zum schnellen Sigi

Da-dam-da-dam-da-daaaa-daaa - die Verkehrsmelodie von Bayern 3 ist weltbekannt. Ob Urlauber von der Nordseeküste oder Italiener auf dem Oktoberfest, jeder kann diese nette kleine Melodie auf Anhieb mitpfeifen. Vielen zaubert sie ein Lächeln ins Gesicht. Aber kaum einer kennt ihre Geschichte, die bis ins Österreich des 19. Jahrhunderts zurückreicht.

Von: Ulli Wenger

Stand: 23.07.2014

Der Wiener Stimmungssänger Wilhelm Wiesberg (1850-1896) verfasste damals das Couplet "Der Himmel voller Sterne". Gemeint waren allerdings nicht der Große Wagen oder der Orion, sondern die Sterne an den Offiziersuniformen, auf die die Damenwelt so scharf war.

Der alte Peter und das Hofbräuhaus

Dieses kleine Lied geriet schon bald wieder in Vergessenheit, bis Carl Lorens (1851-1909), ebenfalls ein Wiener Volkssänger, die Melodie aufgriff und ihr einen neuen Text verpasste: "Solang der alte Steffel am Stephansplatz noch steht". Damit setzt er dem Stephansdom ein musikalisches Denkmal. Um 1890 kam dieses Lied nach München und wurde schon wieder umgedichtet:

So lang der alte Peter am Petersbergerl steht,
So lang die grüne Isar durchs Münchner Stadterl geht
So lang da drunt am Platzl noch steht das Hofbräuhaus
So lang stirbt die Gemütlichkeit in München niemals aus!

In dieser Form ertönte der alte Steffl aus Wien von da an auf dem Münchner Oktoberfest. Der "Alte Peter" ist der 91 Meter hohe Turm der Pfarrkirche St. Peter direkt am Viktualienmarkt. Ein Münchner Wahrzeichen, das eine Hymne verdient hatte, genau wie das Hofbräuhaus.

Kein Wunder, dass auch der Berliner Komponist Wilhelm "Wiga" Gabriel (1897-1964) auf die Tonfolge der ersten Zeile zurückgriff, als er 1935 die Volksfesthymne "In München steht ein Hofbräuhaus" schrieb.
Vier Tage nach Ende des Zweiten Weltkriegs, am 12. Mai 1945, startete "Radio München" als Sender der amerikanischen Militärregierung, zunächst von Ismaning aus, zwei Wochen später aus dem notdürftig reparierten Funkhaus in München. Als Pausenzeichen dient eine gemütliche Volksweise aus Bayern, das "Bandltanzmotiv". Dieses Pausenzeichen war notwendig, um die damals noch erforderlichen Umschaltpausen zwischen Sendungen aus verschiedenen Funkhäusern zu überbrücken.

Das "amputierte" Pausenzeichen

Titelseite der Publikation "So lange der alte Pe..."

Am 13. Januar 1948, also kurz vor der Währungsreform, erhält Radio München ein neues Pausenzeichen, auf der Harfe gespielt. Man entschied sich für die ersten Takte des Volkslieds "So lang der alte Peter", verzichtete allerdings bewusst auf die letzte Silbe "ter", um daran zu erinnern, dass die Kirche immer noch Kriegsschäden aufwies. Die älteste Pfarrkirche Münchens (Einweihung 1190) war 1944 durch zwei Sprengbomben völlig zerstört worden. Dieses "amputierte" Pausenzeichen erklang dreieinhalb Jahre aus dem Äther, auch die offizielle Gründung des Bayerischen Rundfunks am 25. Januar 1949 änderte daran nichts - bis zum 28. Oktober 1951. An diesem Tag wird die komplett wieder aufgebaute Kirche mit einem feierlichen Gottesdienst eingeweiht, die Münchner Bevölkerung stimmt auf dem Marienplatz gemeinsam das Lied vom Alten Peter an. Und der Bayerische Rundfunk sendet es – wie versprochen - erstmals mit allen Silben!

Als Mitte der 1950er-Jahre das Deutsche Fernsehen mit regelmäßigen Sendungen beginnt, ertönt der "Alte Peter" auch aus dem Schwarz-Weiß-Fernseher. Immer dann, wenn von Hamburg, Köln, Frankfurt oder Baden-Baden nach München umgeschaltet wird und ganz Deutschland auf BR-Klassiker wie Robert "Was bin ich?" Lembke, den "Komödienstadel" oder "Tatort"-Kommissar Veigl wartet. Es ist mal auf dem Hackbrett, mal auf der aus Posaune, der Tuba oder der Klarinette gespielt - aber immer im Zeitlupen-Tempo.

Mit Bayern 3 geht der Sigi auf Sendung

Bayern 3-Gründervater Josef Othmar Zöller

Am 1. April 1971 ertönt das vertraute Motiv plötzlich in einer Version, die so klingt, als habe man den "Alten Peter" auf Speed gesetzt. Radio Bayern 3 geht an diesem Tag erstmals auf Sendung, das eher behäbige Pausenzeichen wird zum pfiffigen Signalton von Deutschlands erster Servicewelle speziell für Autofahrer. Die Idee dazu hatte Josef Othmar Zöller, der Gründervater von Bayern 3: "Die Service-Information wird akustisch hervorgehoben durch einen besonderen Signalton, der von den Technikerinnen bereits nach ein paar Tagen liebevoll ‚Sigi‘ genannt wurde: Das Tatütatütatata – eine zum Signalzweck arrangierte Verfremdung der Alten-Peter-Melodie". Seitdem heißt die akustische Visitenkarte von Bayern 3 also liebevoll "Sigi". Für viele Menschen aus Regionen nördlich des Weißwurstäquators beginnt der Urlaub, wenn sie im Auto den Sigi hören, selbst wenn sie nur auf der Durchreise in Richtung Süden sind.

Im Lauf der Jahre wird die markante Melodie immer wieder dem jeweiligen musikalischen Zeitgeist angepasst, verliert aber nie ihren unverwechselbaren Signalcharakter. Der Sigi fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Hörern, fordert aber auch seine Kritiker heraus. Die Musiker der Biermösl Blosn kritisieren mit ihm die Arbeit im Schlachthof: "Alle Metzger, alle Säu, san gut drauf mit Bayern 3!" Dieter Hallervorden nutzt ihn für einen Sketch bei "Nonstop Nonsens": "Hier ist die Autoservicewelle mit aktuellen Meldungen für den Straßenverkehr", um sich dann über einen Stau in der Straße von Gibraltar (!)  lustig zu machen.

Sigi als Lebensretter

Der Sigi ist auch Lebensretter, weil er vor Geisterfahrern warnt. Eine junge Boutiquenbesitzerin aus Germering mailte eines Morgens ins Studio: "Nie wieder werde ich mich beschweren, dass Ihr meinen Lieblingssong mittendrin abgewürgt habt, denn gestern Abend habt ihr mir so das Leben gerettet!" Kaum hatte sie ihren Wagen auf den rechten Autobahnstreifen gelenkt, schoss der fehlgeleitete Rentner auf der falschen Spur links an ihr vorbei!

Einmal wird der Sigi auch hausintern missbraucht, als Günther Jauch, damals Moderator des "Morgentelegramms", im Anschluss an eine Verkehrsmeldung noch einen Hilferuf in eigener Sache dranhängt: "Wir haben keine Luft mehr im Studio, die Klimaanlage ist ausgefallen. Wir wissen nicht, wie lange sie noch von uns hören werden!" Diesen Notruf hört ein Mitarbeiter der Klimatechnik und eilt sofort ins Funkhaus – der Sigi als Freund und Helfer. das war er auch beim ADAC-Reiseruf: Als es noch keine Handys gab, suchte man seine Familienangehörigen im Urlaub übers Radio: "Peter Müller, unterwegs von Landshut Richtung Gardasee in einem metallic-grünen Passat mit dem amtlichen Kennzeichen LA-PM 74, wird dringend gebeten, zu Hause anzurufen." Fast immer war ein Todesfall der Auslöser dieser Reiserufe.

Musikalische Interpretationen

John Sheahan, Gründungsmitglied der irischen Folkband The Dubliners machte sich jahrelang einen Spaß daraus, bei jedem Konzert im Münchner Circus Krone mindestens einmal den Sigi auf der Geige zu spielen, die Lacher im Publikum waren ihm sicher. Hugo Strasser, die Legende des Münchner Funkhaus-Faschings, spielte den Sigi extra für die "Matuschke-Show" von Matthias Matuschik auf seiner Klarinette. Und beim Festakt "90 Jahre Radio" mit den BAYERN 3-Frühaufdrehern wurde er im Oktober 2013 vom BR-Symphonieorchester im Herkulessaal der Münchner Residenz live gespielt und extra für diesen Anlass neu arrangiert. Dieser Sigi ist unverwüstlich und bleibt ein zeitloser Evergreen!


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