1973 hat alles angefangen beim Bayerischen Rundfunk
Herbert Tillmann mit BR- und Berufskollegen im Rahmen des Projektes "Automatische Sendeablaufsteuerung im Hörfunk" (stehend v. l.n.r.: Knöbel/Siemens, Stumvoll/BR, Just/Siemens, Stork/BR, Tillmann/BR, Keller/Siemens, sitzend von links nach rechts: Schäfer/BR, Volkmann/Siemens. Die Aufgaben der folgenden Jahrzehnte sollten weiterhin sehr vielseitig und spannend werden: ...
Herbert Tillmann Vom Sendepiraten zum Technikboss
Er brachte Bayern den digitalen Rundfunk und dem Bayerischen Rundfunk das Internet. Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes. Herbert Tillmann hat über 39 Jahre Technikgeschichte im Bayerischen Rundfunk geschrieben. Ende Januar ist der Direktor in den Ruhestand gegangen.
Fasziniert hat das Radio ihn schon immer. Weil er nämlich wissen wollte, wie die Männchen da rein kommen, schraubte er die Kiste einfach auf – da war er fünf. Und prompt war er im wörtlichen Sinn elektrisiert. Heute passiert das Herbert Tillmann nicht mehr. Der Technikingenieur weiß mittlerweile, wo die Stimmen herkommen. Doch die Faszination ist immer noch die gleiche.
Fünf Fragen an Herbert Tillmann
Erfolgreiche Projekte
Wenn Sie auf 39 Jahre Bayerischer Rundfunk zurückblicken. Was waren Ihre erfolgreichsten Projekte?
Die Digitalisierung zieht sich wie ein roter Faden durch mein ganzes Arbeitsleben. Das fängt an bei den Produktions- und Sendeeinrichtungen, geht über die Archive, setzt sich bei den Sendewegen fort und endet bei den vielfältigen Empfangsgeräten. Beim Einzug der Digitaltechnik waren wir Vorreiter innerhalb der ARD. Wir haben für das Radio ein digitales Angebot eingeführt mit programm- und sendungsbegleitenden Zusatzdiensten. Wir haben die flächendeckende, bundesweite Versorgung mir DVB-T initiiert. Der Konsument bekommt ein vielfältigeres Programm und neue Datendienste. Ich habe das auch nach außen national und international vertreten und den BR in seiner Vorreiterposition repräsentiert.
Eine weitere zukunftsorientierte Entscheidung war 1995 unter dem damaligen Intendanten Prof. Albert Scharf die Einführung von br-online als Komplementärmedium zu Hörfunk und Fernsehen. Zudem war ich immer ein Verfechter der offenen Systeme, um die Unabhängigkeit zu erhalten. Die Maxime meines Handelns lautete: "Die Sicherstellung des freien Zugangs zu unseren Programmangeboten ist ein unverzichtbarer Baustein für den Bestand unserer demokratischen Werteordnung. Deswegen muss der Bayerische Rundfunk jederzeit und für jedermann einen offenen, barrierefreien Zugang bieten und da, wo anderweitige Geschäftsmodelle zu einer Einschränkung führen, sich klar positionieren".
Rückblick
Was werden Sie vermissen, wenn Sie an Ihre Zeit beim Bayerischen Rundfunk zurückdenken?
Ganz sicher die große Aufgeschlossenheit, die intensive und sehr gute Zusammenarbeit mit den vielen Menschen, denen ich in den letzten Jahrzehnten begegnet bin und die letztendlich den BR ausmachen. Das kollegiale Miteinander hat mich immer begeistert und ist – aus meiner Sicht - die entscheidende Grundlage gewesen, um Veränderungen aktiv anzupacken und Innovationen voranzutreiben.
Zusammengefasst sind es also - bei aller Freude auf mehr freie Zeit - die Menschen und das gemeinsame Miteinander, das mir am meisten fehlen wird.
Ruhestand
All die Jahre in verantwortungsvoller Position - Ist nach dem 1. Februar wirklich Schluss? Ziehen Sie komplett den Stecker?
Der Übergang in den Ruhestand muss selbstverständlich dosiert stattfinden. Meine Frau meinte vor einiger Zeit, so wie sie mich kenne, würde ich nicht gleich vom Vollgas voll auf die Bremse treten. Ich werde einige kleinere Projekte weitermachen, beispielsweise den Vorsitz bei der EBU im Bereich Integrierte Produktionsplattformen beibehalten, beim DVB-Steering Board weiter wirken.
Zudem bin ich Rotarier und werde das Soziale weiter ausbauen können. Ich hoffe auf mehr Zeit für meine Hobbies: Ich liebe Sport, habe alle Möglichkeiten dafür direkt vor der Haustüre, höre mir gerne Konzerte an und liebe die Oper, außerdem koche ich leidenschaftlich gerne. Am meisten freue ich mich auf die Reisen mit meiner Familie.
Nachfolgerin
Was sehen Sie als große Herausforderung, die auf Ihre Nachfolgerin zukommt?
Sicherlich das Thema Trimedialität. Die Basistechnologien dafür haben wir beim Bayerischen Rundfunk weitestgehend eingeführt. Jetzt gilt es, die Komponenten zusammenzuführen und auf eine Produktionsplattform zu stellen, auf der sowohl Radio, wie auch Fernsehen und Multimedia hergestellt werden. Dabei ist es sicherlich bedeutend, auch weiterhin auf offene Systeme in der Produktion und den Sendewegen zu setzen. Dafür habe ich mich immer eingesetzt und dadurch erfolgreich die Unabhängigkeit des Bayerischen Rundfunks verteidigt.
Wünsche
Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin?
Ich wünsche Frau Prof. Spanner-Ulmer Offenheit und Zugang zu den Menschen. Aber das zeichnet sie bereits jetzt aus, deswegen wünsche ich ihr ein Stück weit Durchhaltevermögen: Nicht alles regelt sich von heute auf morgen. Und wenn Sie von etwas überzeugt sind und denken, das wird ja nie was, halten Sie sich an Ihren Idealen fest.
Rock-Piraten
Mit 12 war der gebürtige Murnauer bereits eine lokale DJ-Größe. Mit seinem selbstgebauten Mischpult rockte er jede Schulparty. Mit 14 Jahren hatte er seinen eigenen Musiksender: "Wenn wir schon ein Mischpult hatten, wollten mein Spezl und ich das Gemischte auch einem größeren Publikum darbieten", erzählt er lachend. Doch ruckzuck war Sendeschluss, denn die beiden erwischten die Frequenz direkt neben dem Polizeifunk.
"Meine Eltern besaßen ein großes Herz und ein großes Ohr für die musische Seite des Lebens. Ich erinnere mich gerne an unsere gemeinsamen Konzert- und Opernbesuche."
Herbert Tillmann
Über die Hochfrequenz zum Rundfunk
Nach dem Abitur und einer Lehre als Radio- und Fernsehtechniker – sein Vater war Textilmeister (Design) in Murnau und bestand auf einer soliden Ausbildung - schrieb sich Tillmann an der Fachhochschule München für Nachrichten- und Informationstechnik ein. Er verfasste seine Diplomarbeit über Hochfrequenztechnik und schloss sein Studium mit Auszeichnung ab. 1973 fing er beim Bayerischen Rundfunk an: "Nicht als Ingenieur, sondern als einfacher Techniker", wie er betont.
"Ich habe beim Bayerischen Rundfunk die Ochsentour von ganz unten gemacht: Vom einfachen Techniker bis zum Technischen Direktor. Geschadet hat mir das auf keinen Fall."
Herbert Tillmann
Technischer Pionier
Die vier Jahrzehnte, in denen Herbert Tillmann für den Bayerischen Rundfunk gearbeitet hat, sind Jahrzehnte technischer Innovation und unternehmerischer Weitsicht. Er setzte höchste technische Standards und legte damit das Fundament für eine zukünftige Wettbewerbsfähigkeit. Er ist verantwortlich für die Digitalisierung des Rundfunks und setzte sich für die Schaffung von Online als Komplementärmedium ein. Trotzdem übersah Herbert Tillmann nie die Menschen, die hinter all dem steckten. Als Vorstand des Personalrats kämpfte er zwei Jahre für die Belange seiner Kolleginnen und Kollegen, lange Jahre war er auch Gewerkschaftsmitglied.
"Die Breitbandigkeit des Lebens kann man nur verstehen, wenn man nach rechts und links schaut."
Herbert Tillmann
Freidenker und Abenteurer
Herbert Tillmann liebt die Freiheit - über alles, wie er betont. Und das Reisen: "Reisen ist wichtig. Fremde Kulturen und Religionen kennen zu lernen, hilft über den eigenen Tellerrand zu blicken." Und wenn Familie Tillmann reist, zieht es sie weit hinaus in die Welt: "Meine Frau und ich waren bereits vier-, fünfmal in Indien, wanderten im Himalaya, tourten durch Usbekistan, machten einen Roadtrip durch Afrika und sind häufig in Arabien. Wir freuen uns sehr, jetzt mehr Zeit für unsere Reisen zu haben. Die Tickets für den nächsten Trip liegen bereits daheim“
Steckbrief
Persönliches
Geboren am: 9. Januar 1947
In: Murnau am Staffelsee
Wohnort: Murnau am Staffelsee
Verheiratet mit: Eva-Maria Tillmann
Kinder: Sohn und Tochter
Hobbies: Reisen, Kochen, Musik, Sport
Lebensphilosophie: "Freiheit geht über alles".
Ausbildung und Beruf
Lehre zum Radio- und Fernsehtechniker
Studium der Nachrichten- und Informationstechnik
1973 Techniker beim Bayerischen Rundfunk
1981 Leiter des Referats für Zentrale Aufgaben in der technischen Direktion beim Bayerischen Rundfunk
1985 Leiter des Technischen Zentralbereichs beim Bayerischen Rundfunk
1992 Hauptabteilungsleiter Technischer Betrieb Fernsehen beim Bayerischen Rundfunk
1995 Technischer Direktor beim Bayerischen Rundfunk
2008 Direktor Produktion und Technik beim Bayerischen Rundfunk
Funktionen (Auswahl)
2003 erhielt Herbert Tillmann von dem damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (in Vertretung des Bundespräsidenten Johannes Rau) das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen für die Digitalisierung des Rundfunks, insbesondere die Digitalisierung der Rundfunkübertragungsnetze (terrestrisches digitales Fernsehen und terrestrisches digitales Radio).
Initiator des Projektes Digital Free-TV
Gründungsmitglied und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Digitalplattform Free Universe Network (FUN)
Initiator und Aufsichtsratsvorsitzender der Bayern Digital Radio GmbH (BDR)
Vorstandsmitglied des Münchner Kreises
Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler Kommissionen

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