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Wettermanipulation Die Hagelflieger von Rosenheim

Ein heftiges Gewitter nähert sich Rosenheim. Pilot Georg Vogl bereitet deshalb sein Flugzeug vor. Um den Bauern Graupel- und Hagelschäden zu ersparen, fliegt er mit seiner Maschine in die Unwetter und "impft" die Wolken.

Stand: 25.08.2015

Rosenheimer Hagelabwehr: Georg Vogl vor seiner Maschine (2002) | Bild: dapd / Steffen Leiprecht/ddp

Georg Vogl arbeitet für die Rosenheimer Hagelabwehr. Von April bis September rücken die Piloten mit ihren speziell umgebauten Fliegern aus. Ihr Einsatzgebiet in Bayern ist rund 4.400 Quadratkilometer groß. Es zieht sich über etwa vierzig Kilometer am nördlichen Alpenrand vom Allgäu bis ins Chiemgau. Statistisch gesehen gibt es in dieser Region sehr viele Hagelgewitter, die erheblichen Schaden anrichten können. Damit dem nicht so ist, werden die Wolken mit Silberjodidrauch "geimpft".

Einsatzgebiete

Vom Hagel getroffen

Das Einsatzgebiet der Rosenheimer Hagelabwehr erstreckt sich über die Stadt und den Landkreis Rosenheim, die Landkreise Miesbach und Traunstein sowie seit dem Jahr 2000 auch über 13 angrenzende Gemeinden des Bezirks Kufstein auf österreichischer Seite.

Ein Interesse an der Hagelabwehr haben vor allem Landwirte. Daher gibt es auch Hagelflieger in süddeutschen Wein- und Obstanbau-Regionen wie in Baden-Württemberg. Im deutschsprachigen Raum sind Hagelflieger in der Ostschweiz und in der österreichischen Steiermark unterwegs, weltweit gibt es sie auch in Südwestfrankreich, Nordspanien, Südosteuropa, Kanada, Argentinien, China, Russland und den USA.

Chefpilot Georg Vogl zog für die Rosenheimer Hagelpiloten 2014 eine positive Bilanz. Zu ernsthaften oder großflächigen Hagelschäden sei es dieses Jahr nicht gekommen. Die Piloten waren an 16 Tagen im Einsatz und verbrannten dabei rund 240 Liter Silberjodidlösung.

Kleine Geschichte der Rosenheimer Hagelabwehr

1932 belebte Rosenheim die Tradition des Wetterschießens. Mit Böllern sollte der Hagel vertrieben werden. Dazu wurden sogar "Hagelabwehrraketen" getestet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Hagelabwehr mit Raketen, die vom Boden aus gestartet wurden, durchgeführt. Der erste Hagelflieger ging 1975 an den Start, nachdem im August 1974 ein Hagelunwetter allein im Chiemgau Schäden von über 23 Millionen D-Mark verursacht hatte. Der erste Pilot wurde Hermann Selbertinger, der in Colorado in den USA die Hagelabwehr aus der Luft kennengelernt hatte. Der Bauingenieur konstruierte die Spezialgeneratoren und flog selbst die "Piagio 149 D" in ihrem ersten Einsatz.

Warum hagelt es gerade in Rosenheim und Umgebung so viel?

In einem fünfzig Kilometer breiten Gebiet von den Alpen bis nach Mühldorf werden vierzig Prozent mehr Hagel registriert als in nördlicheren Gegenden. Grund dafür sind die großen Gewässer wie Chiemsee, Starnberger See und Ammersee, die mit großen Wassermengen, die verdunsten, zur Wolkenbildung beitragen.

Wie impft man Wolken?

Auch in Baden-Württemberg gibt es Hagelflieger ...

Je 20 Liter Silberjodid befinden sich in den Tanks der sogenannten Rauchentwickler oder Silberjodidgeneratoren aus Edelstahl, die an den Flügelunterseiten der Kleinflieger angebracht sind. Um genau zu sein, handelt es sich um eine Silberjodid-Acetonlösung: sechs Prozent Silberjodid sind in Aceton gelöst. Mit einer Pumpe wird die Lösung in eine Brennkammer eingespritzt und elektrisch gezündet. Sie brennt dann mit einer sehr heißen Flamme von 800 bis 1.000 Grad heraus. Dabei entsteht Rauch, in dem sehr viele Kondensationskeime sind, die man zur Wolkenbeeinflussung braucht. 

Beschleunigte Tröpfchenbildung

Gewitterfront mit Hagel und Sturmböen

Kondensationskeime - auch Aerosole genannt - sind kleinste Partikel wie Staub, Bakterien oder Pollen. An ihnen schlägt sich der Wasserdampf der Luft nieder und bildet Tropfen. Dieser natürliche Vorgang soll durch die Impfung der Wolken beschleunigt werden. Bei der Impfung mit Silberjodid werden zusätzliche Keime in die Wolken gesprüht. Das eisige Wasser setzt sich an den Keimen fest. So entstehen viele kleine Hagelkörner statt weniger großer. Die kleinen Hagelkörner schmelzen schneller auf dem Weg zum Boden und werden zu Regen. Damit soll beeinflusst werden, wann und wo die Wolken abregnen.

Nach dem Einsatz bleiben minimale Spuren von Silber und Jod im Boden, Studien zufolge sind diese unbedenklich.

Im Einsatz: Am Rand der Wolken

Unter der Tragfläche: Silberjodidbrenner

Nur wenn sich noch keine Hagelkörner in den Wolken gebildet haben, kann ein Einsatz erfolgreich durchgeführt werden. Das ist bei schweren Unwettern ein Problem, denn die ziehen oftmals innerhalb von zehn Minuten bis zu einer halben Stunde auf – bis ein Hagelflieger beauftragt, gestartet und am Ziel angekommen ist, ist ein solches Unwetter schon in vollem Gang oder wieder vorbei.

Silberjodid wird in die Wolken geschleudert

Damit solch ein Abwehrflug erfolgreich ist, muss ein Pilot direkt in die Zone der Aufwinde der Gewitterfront fliegen. Die können bis zu einhundert Kilometer pro Stunde schnell sein. In dieser turbulenten Zone ist der Flieger rund eine Stunde unterwegs. Am Rand des Gewitters sucht er den Aufwind-Kanal der Wolken, denn der Brenner muss im richtigen Moment gezündet werden. Billionen von Silberjodidteilchen werden dann mit dem Wind bis zu 15 Kilometer hoch in die Wolken geschleudert. Die Masse der Teilchen soll gefährlichen Hagelschlag verhindern. Ob dem wirklich so ist, ist bisher noch nicht wissenschaftlich erwiesen.

Piloten mit Spezialausbildung

Georg Vogl im Einsatz

Die Piloten werden für die Hagelabwehr intensiv ausgebildet. Sie verfügen über eine "Blindflug-Erlaubnis" (Instrumentenflug- berechtigung) und die Lizenz für mehrmotorige Maschinen. Neben der grundlegenden fliegerischen Ausbildung ist eine einjährige Zusatzausbildung bei Gewitterflügen erforderlich. Nur so kann neben den fliegerischen Fähigkeiten auch das nötige Fingerspitzengefühl für die punktgenaue "Wolkenimpfung" beim Flug durch die Gewitterzelle entwickelt werden.

Kooperation mit der Hochschule

Rosenheimer Hagelabwehr

Die Rosenheimer Hagelflieger arbeiten mit den Ingenieurwissenschaften der Hochschule Rosenheim zusammen. Diese arbeitet an einem Gerät zur automatischen Messdatenerfassung von physikalischen Größen und von Positionsdaten während eines Hagelabwehrfluges. Dabei sollen die Position des Flugzeuges, die Außentemperatur, der Luftdruck und der Betriebszustand der Injektionskanonen für das Silberjodid aufgenommen, gespeichert und übertragen werden. Damit die Übertragung funktioniert, muss zum Beispiel die außen montierte Antenne besonders vor Blitzen geschützt werden, denn die Flugzeuge fliegen ja in die Gewitterfronten hinein - auch daran arbeitet die Hochschule.

Dieses Forschungsprojekt, genannt ROBERTA, ist auf mehrere Jahre angelegt. Erste Testflüge verliefen positiv, die Testeinsätze wurden effektiver. Dennoch gibt es in der Fachwelt durchaus Zweifel daran, dass Hagelflieger tatsächlich Hagelschlag abwehren können. Meteorologe Jörg Kachelmann hat in einem Interview im "Spiegel" im August 2014 erklärt, Hagelflieger seien völlig nutzlos. ROBERTA will auch wissenschaftliche Fakten liefern, ob und wie sinnvoll die Flüge in die Gewitterzellen und das Versprühen von Silberjodid sind.


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