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Es grünt so grün Warum wir wieder keine Weiße Weihnacht haben

Haben wir es nicht kommen sehen? Da erfreut man sich erst an der weißen Winterpracht, und pünktlich zu Weihnachten schmilzt aller Schnee dahin. Eine himmlische Bosheit? Nein, typisch deutsches Wetter: das Weihnachtstauwetter.

Stand: 17.11.2014

Ein Plastik-Schneemann steht zwischen kläglichen Schneeresten in Ruhpolding | Bild: picture-alliance/dpa

Regen, Matsch und trüber Himmel auf dem Weihnachtsmarkt, Windböen in der Weihnachtsnacht, grüne Berghänge zwischen den Jahren - an all das sollten Sie längst gewöhnt sein. Denn die Wetterstatistik zeigt: In siebzig Prozent der Fälle ist Weihnachten bei uns in Deutschland grün. Das typische Wetter für diese Jahreszeit hat sogar einen eigenen Namen, und der hat nichts mit "Winter" zu tun: Es ist das Weihnachtstauwetter, das meist vom 24. Dezember bis Silvester herrscht.

Weihnacht zu früh im Winter

Weihnachten liegt terminlich einfach etwas ungünstig: Zwei, drei Tage vor der Heiligen Nacht beginnt der Winter überhaupt erst, denn am Tag der Wintersonnwende ist astronomischer Winteranfang. Dass die Meteorologen immer den 1. Dezember als Winteranfang sehen, hat nur statistische Gründe: Es rechnet sich einfacher, wenn auch der Winter an einem Monatsersten beginnt. Doch der Tiefststand der Sonne über der Nordhalbkugel der Erde ist erst drei Wochen später erreicht, kurz vor Weihnachten. Flachere Sonneneinstrahlung über weniger Stunden am Tag lässt unsere Planetenhälfte abkühlen - die Ozeane recht langsam, die Kontinente etwas schneller. Die großen Landmassen Sibiriens kühlen am schnellsten ab, dort beginnt der Winter meist schon im November.

Hoch im Norden - weiß bei uns

Die besten Aussichten für weiße Weihnachten gibt es für uns, wenn den Russen die Sonne lacht: Ein Hochdruckgebiet über Sibirien, um das sich die Luftmassen im Uhrzeigersinn drehen, saugt die kalte Luft des Nordpols an und bläst sie zu uns, als eisige Ostwinde. Auch ein Hoch über den Rentieren Lapplands bringt die Polarluft zu uns.

Wo Winterluft auf Sommerwärme trifft

So entsteht das Weihnachtstauwetter

Doch wehe, die Winde zweigen vorher ab: Ziehen sie nördlich an England vorbei, dann ist es aus mit dem Wintertraum bei uns. Denn über dem Atlantik treffen die kalten Luftmassen auf den Sommer. Nicht nur auf den Rest von Sommerwärme, der im Ozean länger gespeichert bleibt, sondern auf ganz frischen Sommer aus weiter Ferne: Wintersonnwende bei uns ist zugleich Sommersonnwende auf der Südhalbkugel, dort scheint die Sonne hoch und heiß viele Stunden am Tag herab und wärmt ordentlich. Und die große, globale Warmwasserleitung, der Golfstrom, bringt diese Wärme schnurstracks in unsere Nähe.

Das Islandtief ist schuld

Polare Kaltluft von Osten trifft auf subtropische Warmluft aus Südwesten und schon ist es da, das leidige Islandtief. Gegen den Uhrzeigersinn dreht sich das Tiefdruckgebiet, schaufelt die Kaltluft weiter nach Norden und saugt die feuchtwarme Atlantikluft zu uns heran - mit regenreichen Westwinden. Und das ist es dann, unser typisches Weihnachtstauwetter. Vor allem den Südwesten Deutschlands erwischt die feuchtwarme Witterung, während der Nordosten Deutschlands noch eher Chancen auf die polare Kaltluft hat. Manchmal verläuft dann eine scharfe Trennlinie quer durch Deutschland. Wo die kalten und warmen Luftmassen aneinanderstoßen, wird es turbulent: Starke Schneefälle, Eisregen und Blitzeis treten dort auf - ein Grauen für alle, die zum familiären Weihnachtsfest das Land durchqueren.

Das typisch miese Weihnachtswetter

Singularität

Als Singularität bezeichnen Meteorologen eine vom normalen Wetterverlauf abweichende Wetterlage, die aber zu bestimmten Jahreszeiten mit hoher Wahrscheinlichkeit auftritt.

Mit der globalen Erwärmung haben grüne Weihnachten bei uns nichts zu tun. Es ist ein so typisches, regelhaftes Witterungsverhalten, dass Meteorologen es als "Singularität" bezeichnen, wie die Eisheiligen im Mai oder die Schafskälte im Juni. Angeblich sind schon im Mittelalter die Menschen zur Weihnachtszeit im südlichen Rhein schwimmen gegangen.

Müssen wir unser Bild vom Weihnachtsmann geraderücken?

Und warum ist Weihnachten in unseren Köpfen überhaupt mit Schnee verknüpft? Der größte Teil der christlichen Welt feiert grüne Weihnachten. Auch die Ur-Weihnacht in Bethlehem war sicher schneefrei. Also trösten Sie sich: Weiße Weihnacht ist (meistens) nur ein Traum.


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