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Reformpädagogik Rudolf Steiner und seine Pädagogik

Die Pädagogik Rudolf Steiners ist populär - und sie ist mehr als Tanzen und Schreiten in wallenden Gewändern und kosmischer Eintracht.

Stand: 12.08.2015

Waldorf-Schüler beim Klettern | Bild: Charlotte Fischer

Rudolf Steiner, Philosoph und Pädagoge Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, begreift das Kind als geistiges Wesen, das seine Wiedergeburt erfahren hat. Daraus resultiert eine Erfurcht vor dem Kind, die weniger danach fragt, was aus ihm werden soll, sondern was es an Fähigkeiten und Anlagen mitbringt. Dies herauszufinden und durch Lernen und Üben das Beste daraus zu machen, ist Aufgabe des Lehrers.

Waldorfpädagogik heute

Unterricht an einer Waldorf-Schule

Acht Jahre lang werden Waldorfschüler von demselben Lehrer unterrichtet. Künstlerische und handwerkliche Fächer stehen dabei im Vordergrund. Ein Staatsexamen brauchen nur die Fachlehrer, die dann in der Oberstufe für die abiturrelevanten Fächer zuständig sind.

Bundesweit einmalig ist das System ohne Noten. Durchfallen kann keiner. Alle lernen gemeinsam. Ab der ersten Klasse stehen Englisch und eine weitere Fremdsprache auf dem Stundenplan. Klassenspiele, die ein halbes Jahr lang vorbereitet werden, sind ebenfalls wichtiger Bestandteil der Steiner'schen Lehre.

Leben und Wirken Rudolf Steiners

Studienjahre in Wien

Rudolf Steiner - Begründer der Waldorfpädagogik

Rudolf Steiner wird 1861 im damals österreich-ungarischen Kraljivec geboren und stirbt 1925 in Dornach in der Schweiz. Als ältestes von drei Kindern eines Eisenbahnbeamten entstammt er einer bäuerlichen Familie aus dem niederösterreichischen Waldviertel und wächst im Umkreis von Wien auf. Nach seiner Schulzeit und dem Besuch der Realschule in Wiener Neustadt legt der 18-jährige Steiner die Reifeprüfung ab und wird an der Technischen Hochschule in Wien immatrikuliert. Er studiert Naturwissenschaften und Mathematik und wendet sich daneben literaturhistorischen Studien und der Philosophie zu, auf deren Gebiet er später promoviert. Von 1883 bis 1887 gibt er Goethes naturwissenschaftliche Schriften heraus, in denen er eine mögliche Brücke zwischen Natur- und Geisteswissenschaften sieht.

Erfahrungen als Pädagoge

Jungen beim Stricken

Bereits in seiner Schulzeit sammelt Steiner erste praktische pädagogische Erfahrungen als Nachhilfelehrer und während seiner Studentenjahre als Hauslehrer. Zeit seines Lebens soll ihn die Beschäftigung mit der Pädagogik nicht mehr loslassen. Nach seinem Studium arbeitet er als Erzieher eines zehnjährigen Kindes mit einem sogenannten "Wasserkopf". Nach zwei Jahren kann der Junge, der zunächst als nicht schulfähig gilt, ins Gymnasium aufgenommen werden und wird später Arzt.

Geburtsstunde der Anthroposophie

Eurythmie - eine Bewegungskunst

Ab 1899 unterrichtet Steiner an der von Wilhelm Liebknecht gegründeten Berliner Arbeiterbildungsschule im Rahmen der Erwachsenenbildungsarbeit Deutsch und Geschichte. 1902 wird er zum Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft in Berlin ernannt. Seine erste theosophischen Kundgebung im selben Jahr vor dem Giordano-Bruno-Bund bezeichnet er als "Geburtsstunde der Anthroposophie", die er als Wissenschaft zur Erkenntnis der geistigen Welt und ihrer Erscheinungen entwickelt. Zehn Jahre später kommt es zum Bruch mit der Theosophischen Gesellschaft und zur Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft.

Mysteriendramen in München und Dornach

Goetheanum in Dornach in der Schweiz

Neben seinen wissenschaftlichen und philosophischen Arbeiten schreibt Steiner die Mysteriendramen. Die szenischen Bilderfolgen, in denen er seine Geistesanschauung künstlerisch darstellt, werden auf verschiedenen Münchner Bühnen von 1910 bis 1913 erstmalig aufgeführt. Es entstehen erste Pläne für einen eigenen Bau in München für Aufführungen und als Zentrum anthroposophischer Arbeit und werden wieder verworfen. Ein geeignetes Grundstück findet sich in Dornach in der Schweiz, auf dem ab 1913 das erste Goetheaneum entsteht. Zu dieser Zeit entwickelt Steiner zusammen mit seiner zweiten Frau Marie die Bewegungs- und Ausdruckskunst der Eurythmie.

Erste Waldorfschule in Stuttgart

Die erste Waldorfschule: die Uhlandshöhe in Stuttgart

Zu Beginn der Revolution 1918 in Deutschland hält Steiner vor der Arbeiterschaft Vorträge über die "Kernpunkte der sozialen Frage", die für ihn untrennbar mit der Pädagogik verbunden sind. Frei nach den Idealen der französischen Revolution fordert er Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben und Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben. Die Arbeiter der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart fühlen sich von seinen Ideen so sehr angesprochen, dass sie spontan beschließen, seine Pädagogik in die Tat umzusetzen. So wird 1919 mithilfe des Firmenchefs Erich Molt in Stuttgart die erste Waldorfschule Uhlandshöhe gegründet. Hier entsteht auch das erste Seminar zur Ausbildung von Waldorflehrern, in dem Steiner bis 1924 die Grundidee seiner "Erziehungskunst" und Menschenkunde vermittelt.

Gründung nach Kriegsende

Feldmessen als Epochenunterricht in Waldorfschulen

Unter dem Nationalsozialismus werden 1936 in Deutschland alle Waldorfschulen verboten. Nach Kriegsende treffen sich in der Nürnberger Staedtler-Bleistiftfabrik des Ehepaares Kreutzer Steiner-Anhänger mit interessierten Eltern und Lehrern. Im Mai 1946 gründet sich der Rudolf Steiner-Schulverein neu und am 7. September wird mit über 120 Schülern die Gründung der Rudolf Steiner-Schule im Germanischen Nationalmuseum gefeiert, das damals den einzigen Saal im zerstörten Nürnberg hat. Es ist noch die amerikanische Militärregierung, die die Rudolf-Steiner-Schule Nürnberg, 1946, und die Rudolf-Steiner-Schule Schwabing, 1947, genehmigt. Ab Mitte der siebziger Jahre entstehen bis heute in Bayern 16 weitere Freie Waldorfschulen. Daneben gibt es in Bayern 60 Waldorfkindergärten und sechs heilpädagogische Schulen nach der Lehre Rudolf Steiners.


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