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Der Wald Das Verschwinden der Bergwälder

Breite Schneisen ziehen sich durch die Wälder in den Alpen, viele Stämme sind umgeknickt, junge Bäume kaum zu finden. Große Teile des bayerischen Bergwaldes sind übernutzt und überaltert, schützen nur noch unzureichend vor Lawinen, Muren und Steinschlägen.

Stand: 16.03.2017

Bergschutzwald bei Garmisch-Partenkirchen | Bild: picture-alliance/dpa

Viele Almwiesen in den bayerischen Alpen gibt es keineswegs nur deshalb, weil sie etwa über der Baumgrenze lägen. Die liegt in den hiesigen Breiten durchschnittlich etwa bei 1.600 Metern. Almwiesen haben oft genug einen historischen Ursprung, der teilweise sehr lange zurückliegt. Ursprünglich standen auf vielen der heute lichten Höhen dichte Wälder aus Fichten, Tannen, Ahornen und Buchen. Schon vor Jahrhunderten wurden sie von Bauern gerodet, damit dort Rinder, Pferde, Schafe und Ziegen weiden konnten.

Almweide kontra Baumbestand

Naturschützer und Förster bedauern das. Sie fordern die Wiederaufforstung, zumindest, dass nicht weitere Bergschutzwälder neuen Nutzflächen für Viehweiden weichen. Doch das steht den Interessen mancher Almwirte entgegen. Sie können von einer Novelle des Bundeswaldgesetzes im Jahr 2010 profitieren, an der auch die CSU mitwirkte.

Baumarten nach Höhenmetern

"Alles was Blätter hat, muss raus"

Im 19. Jahrhundert bepflanzte man Berghänge en gros und stur naturfern mit Fichten. Man schätzte nicht nur ihre Qualität als Bau- und Brennholz, sondern auch ihre Transportvorteile bei der damals üblichen Flussabwärtstrift zum Bestimmungsort: Fichten schwimmen schlicht und einfach besser als Eichen oder Buchen.

"Der Wald, wenn auch Urwald, ist so schön und traulich."

Beschreibung einer Gegend im Böhmerwald. Aus: Adalbert Stifter, Der Hochwald (1842)

Zudem wird etwa Buchenholz beim Verbrennen so heiß, dass die Temperaturen fürs Salzsieden zu hoch waren. "Alles was Blätter hat, muss raus", war also damals die Devise.

Schutz vor Lawinen, Steinschlägen und Muren

Alpen ohne Bäume: Bergwälder wurden schon vor Jahrhunderten für Viehweiden gerodet.

Der bayerische Bergwaldnimmt eine Fläche von etwa 2.600 Quadratkilometern ein. 1.470 Quadratkilometer davon sind Schutzwald eingestuft, wiederum 140 Quadratkilometer davon sind in ihren Schutzfunktionen beeinträchtigt und müssen saniert werden. Die Bergmischwälder haben eine lebenswichtige Funktion, gerade auch für die Bevölkerung im Tal. Sie schützen vor Steinschlägen, Muren- und Lawinenabgängen, ihre Böden speichern sehr viel Wasser und reduzieren damit die Hochwassergefahr. Bemerkbar macht sich das gerade im Alpenbereich, wo es viel und häufig regnet.

Altersschwache Fichtenforste

Bergmischwälder aus jungen und alten Bäumen weisen eine besondere Widerstandsfähigkeit auf. Sie können Sturmschäden leichter kompensieren und sind besser gefeit vor Schädlingsbefall. Fichtenmonokulturen sind dagegen meist sogenannte Altersklassenwälder, das heißt die Bäume wurden im 19. Jahrhundert gleichzeitig angepflanzt - und sind heute gleich alt und schwach.

Sturm als Chance - Waldschäden nach Orkan "Kyrill"

Solche Forste sind störanfällig. Das zeigt sich vor allem jetzt, da klimawandelbedingt auch in Europa häufiger schwere Stürme toben. So konnte Orkan "Kyrill" im Januar 2007 breite Schneisen in bayerische Alpenwälder schlagen. Aber auch schon "Wiebke" 1990 oder "Lothar" 1999 hatten deswegen Schäden hinterlassen.

"Reparaturbetrieb" Bergwald

Der Klimawandel macht den Wäldern aber auch noch in anderer Hinsicht zu schaffen. Durch immer heißere Sommer trocknen die Bäume aus, vor allem Fichten leiden unter der Hitze. Zudem wird die in den Bergen ohnehin nicht so dicke Humusschicht immer dünner und enthält weniger Mineralien. Die nächste Baumgeneration muss so unter schlechteren Bedingungen aufwachsen. Und wo der Humus ganz verschwindet, wachsen nie mehr Bäume. 

Wasseraufnahmekapazität verschiedener Bodenarten

Aus dem Bergwald ist ein riesiger "Reparaturbetrieb" geworden, wie es der Bund Naturschutz bezeichnet. Es fehlen: Tannen, Buchen und Ahorne. Zumindest in einigen Regionen setzen Förster alles daran, damit dieser Mangel behoben wird. Vor allem im Allgäu hat die Staatsregierung eine Bergwaldoffensive gestartet, damit wieder stabile Mischwälder entstehen - wie einst.


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