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Gülle, Pillen, Müll & mehr Was in Bayerns Trinkwasser sickert

Wassermangel wird für Bayern wohl kein Problem werden. Doch um die Qualität unseres Wassers sollten wir uns Sorgen machen, meinen Wissenschaftler. Sie fürchten eine steigende Gefährdung unseres Trinkwassers - durch uns.

Von: Heike Westram, Tanja Fieber in Zusammenarbeit mit der Redaktion Faszination Wissen

Stand: 20.09.2016

ein Bauer bringt Gülle aus | Bild: picture-alliance/dpa

Was unser Wasser in Gefahr bringt, ist buchstäblich menschlicher Einfluss: Was auch immer wir in die Umwelt entlassen - es fließt mit dem Regen in die Böden und von dort ins Grundwasser, unsere wichtigste Trinkwasser-Quelle. Dort hält es sich, jahrzehntelang: Das Pflanzenschutzmittel Atrazin findet man heute noch im Grundwasser, obwohl dieser Stoff schon seit 1991 verboten ist.

Was Bayerns Trinkwasser bedroht

Dünner Boden

Bayerns Boden besteht aus verschiedenen Gesteinsformationen, die versickerndes Regenwasser unterschiedlich gut reinigen. Boden aus Kies und Sand (Schotter) wie im oberbayerischen Mangfalltal reinigt Wassertropfen auf dem Weg durchs Erdreich besonders gut.

In der Nürnberger Region besteht der Boden dagegen aus Sandstein, der aufgrund seiner rissigen, zerklüfteten Struktur Wasser nicht so gut reinigt. Noch weniger Reinigungskraft haben Karst- oder Kluftgesteine, wie sie in großen Bereichen Unterfrankens zu finden sind. Durch dieses Gestein, das aus Höhlen und Spalten besteht, läuft Regenwasser fast ungefiltert ins Grundwasser.

Wo auch immer wir selbst die schützende Bodenschicht verringern - durch Kiesabbau oder durch große Baugruben - wird Grundwasser gefährdet.

Dünger

Intensive Landwirtschaft mit starkem Düngemitteleinsatz gefährdet das Wasser. Das zeigt sich zum Beispiel in der Region um Würzburg: Hier belastet die intensive Wein- und Landwirtschaft gepaart mit einer geringen Niederschlagsmenge auf schlecht filterndem Karstgestein das Grundwasser. Es enthält vielerorts zu viel Nitrat. Im Körper wird es teilweise zu Nitrit umgewandelt und gehört "zu den am stärksten Krebs erregenden Stoffen", sagt Hydrogeologe Dr. Alfons Baier.

In ganz Bayern mussten wegen zu hoher Nitratwerte schon häufig Brunnen geschlossen werden. Manchmal wird den Brunnen Wasser zugemischt, um die Grenzwerte einhalten zu können. Die Nitrat-Belastung bayerischer Böden könnte sich künftig sogar noch erhöhen, da Energiepflanzen wie Mais und Raps stark gedüngt werden müssen - und dadurch eine besonders schlechte Nitratbilanz haben. Zudem wird auch das Gärsubstrat von Biogasanlagen wieder auf die Felder ausgebracht, was zu noch höheren Nitratwerten führt. Während es bei Gülle eine Obergrenze für die Ausbringung gibt, fehlt diese für alle Gärreste.

Medikamente

Immer mehr Medikamente landen in der Kanalisation und gefährden unser Trinkwasser, warnt Harald Horn, Professor für Siedlungswasserwirtschaft an der Technischen Universität München: "Pharmazeutische Wirkstoffe wie zum Beispiel Antibiotika, Schmerzmittel oder auch Röntgenkontrastmittel stellen für die Qualität des Trinkwassers in Deutschland in Zukunft eine erhebliche Gefährdung dar." Das Problem: Medikamente und Nanopartikel passieren Kläranlagen ungefiltert, werden in die Flüsse geschwemmt und gelangen so in die Nahrungskette.

Noch können Klärwerke diese vom Menschen geschaffenen Spurenstoffe nicht abbauen. Eine schnelle Lösung des Problems ist nicht in Sicht: Derzeit müssen Wissenschaftler erst einmal herausfinden, wie sich die Medikamente - und im Gefolge resistente Bakterien - im Abfluss und damit in den Flüssen verhalten.

Rohre

Auch Rohrleitungen können Grund von Trinkwasserverschmutzungen sein. Zum Beispiel durch schadstoffhaltige Materialien oder falsche Verlegung: Stagniert Wasser im System, können sich die gefährlichen Legionellen ansiedeln. Über Wasserdampf eingeatmet können sie lebensgefährliche Lungenentzündungen verursachen: Im Januar 2010 starben fünf Menschen in Ulm an einer Legionellen-Infektion.

Ideale Bedingungen finden die Bakterien auch vor, wenn Rohrleitungen schlecht durchgespült werden. Beim Wassersparen sollte man es daher nicht übertreiben! Je nach Region kann das zudem zu verstopften Leitungen führen. Lassen Sie daher zum Durchspülen der Rohre von Zeit zu Zeit Kaltwasser laufen - nicht nur nach dem Urlaub.

Verkehr, Müll & Co.

Auch Abgase aus Industrie, Verkehr und Privathaushalten gelangen über den Regen letztlich ins Grundwasser. Ebenso der Abrieb von Bremsen und Reifen, der genau wie Benzinlachen, Ölreste und andere Chemikalien von der Straße in den Boden geschwemmt wird. Wo unsere Kanalisation nicht absolut dicht ist, sickern Fäkalien in unser Trinkwasser im Untergrund. Und auch in Mülldeponien und Altlasten bildet sich Sickerwasser, das gefährliche Gifte in sich trägt.

Eine der größten Gefahren für unser Grundwasser: fehlende Wälder. Denn nichts reinigt das Wasser auf dem Weg in die Tiefen so gut wie die oberste, belebte Bodenschicht aus Pflanzenwurzeln und Kleinstlebewesen. Kahlschläge und Rodungen wirken sich letztlich bis in unseren Wasserhahn aus.

Klimawandel

Eine zunehmende Erwärmung würde in Bayern zwar keinen Wassermangel nach sich ziehen, von häufigeren lokalen Dürreperioden abgesehen. Doch prophezeit werden auch mehr Hochwasser und Starkregen - und gerade die beeinträchtigen die Qualität unseres Trinkwassers.

Denn viel Regen bedeutet nicht einfach viel frisches, neues Wasser: Regenwasser hat vorher so einiges rein gewaschen - die Luft, die Straßen, gedüngte Felder. Erst der filternde Boden macht das Wasser sauber - doch nur in begrenzter Menge. Wo zuviel Wasser zugleich versickert, ist der natürliche Wasserfilter überlastet. Bei Starkregen und Hochwasser dringen große Mengen verschmutzten Wassers bis ins Grundwasser vor, ohne durch biologische Prozesse gereinigt worden zu sein.

Moderne Wasseraufbereitungsanlage

Verschmutzungen des Trinkwassers durch Dünger können kurzfristig durch Wasseraufbereitungen gelöst werden. Dazu wird Wasser mit Bakterien versetzt, die Nitrat abbauen. Langfristig kann aber nur eine "sanftere" Landwirtschaft verhindern, dass unser Grundwasser durch belastete Böden immer stärker verschmutzt wird.

Weitaus schwieriger ist es, Keimen und Medikamenten im Wasser zu begegnen. Gerade um anthropogene, das heißt vom Menschen geschaffene Spurenstoffe aus dem Wasser zu filtern, müssen erst neue Techniken für die Klärwerke geschaffen werden.

Aus der Waschtrommel in den Fluss: Hormone im Markenshirt

Aus fernen Ländern

881.000 Tonnen Kleidung importieren wir jedes Jahr nach Deutschland. Und darin leider oft unerwünschte Chemikalien: Eine Greenpeace-Studie vom Januar 2014 zeigt, dass sich das bei uns seit Langem verbotene Reinigungsmittel NPE (Nonylphenolethoxylate) in Kleidungstücken namhafter Hersteller findet - und sich ab der ersten Wäsche auf den Weg macht in unsere Flüsse und Seen. 50 von 82 getesteten Kleidungsstücken enthielten diesen Stoff.

Hormon im Fluss

NPE ist ein Tensid, findet sich also vor allem in Reinigungs- und Waschmitteln. In der Europäischen Union gilt es als gefährlicher Stoff, auf den zum Schutz der Gewässer verzichtet werden soll. In Kläranlagen wird NPE zum Umweltgift NP (Nonylphenol) abgebaut, einer östrogen wirkenden Substanz mit hoher Bioakkumulation: Das Hormon gerät in die Nahrungskette und wird dort weitergegeben, mit verheerender Wirkung etwa auf die Fortpflanzung von Fischen.

EU vs. Asien

Seit 1986 wird NPE in Europa nicht mehr in Waschmitteln und Reinigern verwendet, seit 1992 auch nicht mehr in industriellen Reinigungsmitteln. Seit 2003 ist die Verwendung der Chemikalie EU-weit stark beschränkt. Doch eine Regelung für importierte Produkte fehlt noch. Und wo der Großteil unserer Kleidung gefertigt wird, gibt es oft keine Beschränkung: In China, Thailand, der Türkei oder auf den Philippinen wird NPE eingesetzt - und verseucht im großen Stil die dortigen Gewässer.

Gift im Stoff

Schon im August 2011 stellte Greenpeace bei einer Studie fest, dass sich oft hohe Mengen NPE in den importierten Kleidungsstücken befinden: 72 Proben von 15 führenden Bekleidungsmarken aus 18 Ländern testete die Umweltschutzorganisation - und fand in zwei Dritteln davon NPE. Einige Markenhersteller haben selbst Grenzwerte für die Chemikalie eingeführt: Nicht mehr als 0,01 Prozent NPE soll sich in ihren Produkten befinden. Bei einem 200-Gramm-T-Shirt wären das 20 Milligramm NPE. Der Umweltschutzorganisation Greenpeace reicht das nicht. Jedes Milligramm ist zuviel, denn es addiert sich.

Entgiftung global

Macht insgesamt mehr als 88 Tonnen NPE im Jahr für Deutschlands Gewässer, rechnete Greenpeace aus - falls sich alle Hersteller an diesen Grenzwert halten würden. Ziel der Umweltschutzorganisation ist es, solch gefährliche Stoffe weltweit aus der Produktion zu verbannen. Einige deutsche Hersteller von Markenartikeln wollen sich dazu verpflichten lassen: In den Billiglohnländern soll bei der Produktion ihrer Ware kein NPE mehr eingesetzt werden - ab 2020.

Ein Drittel zu belastet

Bayerns SPD besorgt

Bach in Bayern | Bild: pa/dpa zum Artikel Belastungen durch Landwirtschaft Sorge um Bayerns Wasser

Die Gewässerqualität in Bayern verschlechtert sich nach Angaben der SPD immer weiter. Einen großen Anteil daran hat Untersuchungen zufolge die Landwirtschaft. Das Umweltministerium will das Problem erkannt haben, bittet aber um Geduld. Von Till Erdtracht [mehr]

Die vielgerühmte Qualität unseres Grundwassers in Bayern gilt nur für zwei Drittel der Grundwasservorkommen. Fast ein Drittel der überprüften Grundwasserkörper, 22 von 69 insgesamt, "verfehlen" laut Wasserbericht des Bayerischen Umweltministeriums vom März 2011 einen "guten chemischen" Zustand wegen zu hoher Belastung durch Nitrat oder Pflanzenschutzmittel. Seither scheint sich die Situation kaum verändert zu haben: Im Mai 2016 klagte Bayerns SPD, die Situation von Bayerns Gewässern habe sich sogar verschlechert.

Freiwilliger Schutz des Grundwassers

Sonnenblume | Bild: Getty Images

Sonnenblumen filtern Nitrat

Bauern, die zum Beispiel Brachfelder einrichten, Sonnenblumen anpflanzen oder Senf als Zwischensaat anbauen, erhalten bereits Entschädigungen oder Fördergelder vom Staat. Sonnenblumen und Senf sind deshalb so geeignet für die sanfte Landwirtschaft, weil sie Nitrat aus dem Boden filtern. Auch Wasserversorger unterstützen mancherorts mit Ausgleichszahlungen und Beratung grundwasserverträgliche Landwirtschaft:

Webtipp

Ein Beispiel ist die "Aktion Grundwasserschutz - Trinkwasser für Unterfranken" mit verschiedenen Projekten: Im Werntal etwa arbeiten seit 2002 viele Landwirte freiwillig mit dem Wasserversorger zusammen, um die Nitratabgaben an den Boden durch Düngung zu verringern. Dazu gehört, dass mehr Felder brach liegen, manche Äcker in Wiesen und Weiden umgewandelt werden oder auch über den Winter auf den abgeernteten Feldern sogenannte "Zwischenfrüchte" gepflanzt werden wie die Bienenweide, die übriges Düngemittel aufnehmen. Und die Bauern spezialisieren sich auf Pflanzen, die weniger Dünger brauchen, wie beispielsweise Braugerste. Inzwischen gibt es das erste "Aktion Grundwasserschutz-Bier".


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