Wissen


45

Titanic Ihr doppelter Untergang

Zu spät wird der kalte Koloss am 14. April 1912 entdeckt: Die Titanic rammt einen Eisberg. Der "unsinkbare" Stahlgigant reißt rund 1.500 Menschen mit in den Tod. Seitdem schlummert das Schiff mitsamt seiner letzten Geheimnisse auf dem Grund des Atlantiks. Aber nicht mehr lange ...

Stand: 16.04.2012 | Archiv

Dreimal läutet der Ausguck Frederick Fleet am 14. April gegen 23.40 Uhr die Alarmglocke: "Eisberg, direkt voraus!" Die Titanic dreht, doch sie ist auf ihrer Reise von Southampton nach New York zu schnell unterwegs und dem kalten Koloss schon zu nahe gekommen: Mit voller Reisegeschwindigkeit schrammt sie steuerbords am Eisberg entlang. Zur gleichen Zeit liest der 35-jährige Lawrence Beesley in seiner Kajüte. "Kein krachendes Geräusch", "kein Misston wie er sein könnte, wenn sich zwei schwere Körper treffen", einfach nichts bereitet ihn, die rund 1.300 anderen Passagiere und 900 Besatzungsmitglieder auf die bevorstehende Katastrophe vor. Die Maschinen werden gestoppt und die Titanic liegt friedlich auf der Wasseroberfläche, die See ruhig wie ein Binnengewässer.

Titanic schwingt sich in den rechten Winkel

Schwimmender Palast Titanic

Die Titanic war 269 Meter lang, 28 Meter breit, 53 Meter hoch und mit bis zu 60.000 PS rund 39 Kilometer pro Stunde schnell.

Zwischen den Eichenfußböden und Glaskuppeln war - zumindest in der ersten Klasse - alles vom Feinsten: Neben den luxuriösen Suiten und den stilvollen Rauch- und Speisesälen gab es ein beheiztes Schwimmbad, ein türkisches Bad, einen Gymnastikraum samt elektrischem Pferd und Kamel, eine mehrstöckige Squashanlage - und natürlich das Promenadendeck, auf dem die Reichen und Schönen zu flanieren pflegten.

Bis zu 4.350 US-Dollar ließen sich die Passagiere, darunter auch die vier reichsten Männer der Welt, die Fahrt kosten.

Doch die Stille trügt: Die Titanic ist leckgeschlagen, sechs ihrer 16 wasserdichten Segmente werden geflutet, der Bug beginnt sich zu senken. Das Meer bahnt sich den Weg durch Bullaugen, Ladeluken und Lüftungsschächte. Das Vorderteil des Schiffes taucht immer weiter ins Wasser. Um Mitternacht lässt Kapitän Edward John Smith den ersten Notruf absetzen, befiehlt, die Rettungswesten anzulegen und die Rettungsboote klarzumachen.

Ab 0.45 Uhr tauschen die ersten Passagiere den luxuriösen, "unsinkbaren" Stahlgiganten gegen ein kleines, wackliges Holzboot. Aus einiger Entfernung schauen sie zurück auf die "Schönheit der Schiffslinien und Lichter", wie Beesley erzählt - und erst dann offenbart sich ihnen der schreckliche Winkel, in dem die Titanic bereits liegt.

"In diesem Augenblick gab es einen Lärm, den viele Leute, ich glaube fälschlicherweise, als Explosion beschrieben. Für mich hat es immer so ausgesehen, dass es nichts anderes war als das Abstürzen der Maschinenanlage aus ihren Bettungen, die durch die Abteilungen krachten und alles in ihrem Weg zerschlugen. [...] Ich nehme an, dass sie durch den Rumpf schlugen und zuerst versanken, noch vor dem Schiff. Aber es war ein Geräusch, was noch niemand je zuvor vernommen hatte und niemand wird sich wünschen, es je wieder zu hören."

Lawrence Beesley in seinem bereits im Juni 1912 erschienenen Buch: Titanic - Augenzeuge der Katastrophe

Titanic vom Ozean verschluckt

Gegen 2.20 Uhr kann der Schiffsrumpf den immer stärker werdenden Kräften nicht mehr standhalten - und bricht. Die Titanic versinkt nahe Neufundland im eisigen Atlantik, das Heck steil nach oben gerichtet. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 80 Kilometern pro Stunde schlägt sie in mehr als 3.800 Metern Tiefe auf und bohrt sich bis zu 15 Meter weit in den Schlamm.

Beim Untergang der Titanic sterben 1.500 Menschen

Zusammen mit anderen Überlebenden wird Beesley in den frühen Morgenstunden vom herbeieilenden Passagierschiff Carpathia nach New York gebracht. Laut einem britischen Untersuchungsbericht überstehen die Katastrophe nur 711 Menschen. Etwa 1.500 ertrinken oder sterben an Unterkühlung: Die Wassertemperatur liegt unter 0 Grad Celsius, etwas oberhalb des Gefrierpunkts von Meerwasser.

Fatale Fehler

Unterschätzt

Seit Sonntagmorgen trudelten auf der Titanic Telegramme von vorausfahrenden Schiffen ein, die vor Eisbergen warnten. Die Wichtigkeit dieser Nachrichten wurde jedoch nicht erkannt: Die beiden Funker waren nicht bei der Reederei, sondern der Funkgesellschaft Marconi angestellt und damit beschäftigt, Privattelegramme abzuarbeiten. Mit den durchgegebenen Koordinaten konnten sie sowieso nicht viel anfangen. Kapitän Edward John Smith bekam zwar einige der Telegramme zu Gesicht, unternahm jedoch nichts.

Das wäre der Schlüssel zu den Ferngläsern gewesen.

Gegen Abend ging die Lufttemperatur weiter zurück und die Wassertemperatur war sehr niedrig - untrügbare Zeichen dafür, dass sich die Titanic in gefährlichem Gebiet befand. Die Matrosen im Krähennest bekamen den Auftrag, nach Eisbergen Ausschau zu halten. Allerdings ohne Ferngläser - die hatte der zuvor diensthabende Offizier in seinen Schrank eingeschlossen - und ohne Suchscheinwerfer: Die waren zwar bei der Kriegsmarine längst üblich, nicht aber an Bord der Titanic.

Und während normalerweise von den Wellen verursachter weißer Schaum den Eisberg schon von Weitem sichtbar macht, sei in dieser Nacht eine ölige See sanft um das tödliche Monster geschwappt und habe nichts von seiner Existenz verraten. So erzählt es Augenzeuge Lawrence Beesley in seinem Buch. Erst, als der Stahlriese nur noch 460 Meter - keine zwei Schiffslängen - vom Eisberg entfernt war, schlugen die Matrosen Alarm.

Verschätzt

Foto vom Eisberg, den die Titanic gerammt haben soll.

Zu diesem Zeitpunkt war die Titanic schon zu nah am Eisberg und hielt zu schnell weiter auf ihn zu: Der ehemalige Passagier Beesley berichtet, dass er kurz vor dem Zusammenstoß stärkere Vibrationen des Schiffes als je zuvor spürte, was er auf eine höhere Geschwindigkeit zurückführte.

Offensichtlich war das Schiff nachts in dem gefährlichem Gebiet nicht nur mit voller Reisegeschwindigkeit unterwegs, sondern sogar noch schneller: Das bedeutet, mit mindestens 21 Knoten, rund 40 Stundenkilometern. Wäre die Titanic 18 Knoten schnell gefahren, wäre das Ausweichmanover vielleicht geglückt, denn zum Gelingen fehlten nur wenige Sekunden.

Verrissen

Wenn der Kapitän das Schiff frontal gegen den Eisberg gesteuert hätte, wäre es vielleicht gar nicht untergegangen. Dieser Meinung ist nicht nur Physikprofessor Metin Tolan von der TU Dortmund.

Denn dann wären vielleicht nur die ein bis zwei vorderen der 16 wasserdichten Segmente des Schiffes vollgelaufen - und nicht sechs, was schließlich zum katastrophalen Übergewicht und Auseinanderbrechen geführt hat.

Durch den heftigen Zusammenstoß hätte es vielleicht 100 Todesopfer gegeben, nicht 1.500. Tolan versteht trotzdem, wieso der Frontalzusammenstoß für den Kapitän nicht infrage kam: "Wir alle hätten sicher noch versucht, an dem Eisberg irgendwie knapp vorbeizukommen."

Verschwendet

Modell eines Titanic-Rettungsboots

Der Platz in den Rettungsbooten reichte damals nur für die Hälfte der Menschen an Bord - was den damaligen Vorschriften jedoch genügte. Mehr als die angeschafften 16 Stück hätten laut Ansicht der Reederei die freie Sicht auf das Promenadendeck verhindert und die Passagiere unnötig verunsichert. Zusätzlich waren vier Faltboote an Bord.

Erst eine Stunde nach dem Zusammenstoß begannen 16 Matrosen damit, die Boote klarzumachen. Von den ingesamt 20 verfügbaren wurden letztlich jedoch nur 18 zu Wasser gelassen.

Und weil sich an jenem 14. April 1912 viele Passagiere anfangs noch weigerten, das vermeintlich sichere Schiff zu verlassen, und die Verantwortlichen fürchteten, die Boote zu überlasten, stießen selbst davon nur wenige vollbesetzt in See: Ganze 467 Plätze blieben leer.

Vertan

Beesley berichtet, dass es keine Alarmmeldung gegeben habe, auch kein Geschrei. "Es gab wirklich nichts, das selbst einem ängstlichen Menschen hätte Furcht einflößen können." Von oben habe jemand gerufen: "Alle Passagiere mit angelegten Schwimmwesten an Deck!" Doch auch dann sei niemand gerannt oder schien beunruhigt. Erst mit dem Abschießen der Raketen sei den Passagieren bewusst geworden, dass etwas nicht stimmt. Und trotzdem: "Wir standen ruhig zusammen und beobachteten die Arbeit der Mannschaft, wie sie die Rettungsboote vorbereiteten", erinnert sich Beesley. Viele hätten sogar "den Eindruck haben können, die ganze Sache sei ein Scherz oder eine Vorsichtsmaßnahme, die für sie reichlich verrückt aussah".

Bis zuletzt glaubten sich viele Passagiere auf dem Stahlkoloss in Sicherheit: Zurückgebliebene Männer sagten Freunden "Auf Wiedersehen" und dass sie sich zum Frühstück wiedertreffen würden, erzählt Beesley. "Um zu zeigen, wie wenig die Gefahr begriffen wurde: Als auf dem Erste-Klasse-Deck bekannt wurde, dass das Vordeck mit kleinen Eisstücken bedeckt sei, wurden Verabredungen für den nächsten Morgen zur Schneeballschlacht getroffen, und manche Passagiere gingen sogar auf das Deck hinunter und brachten kleine Eisbrocken zurück, die von Hand zu Hand gingen." Und auch unter Deck erlebte Beesley Beweise dafür, dass "niemand an eine unmittelbare Gefahr dachte".

Nach einem Kontrollgang wussten Kapitän Edward John Smith und Chefkonstrukteur Thomas Andrews dagegen sehr wohl, dass dem Schiff nur noch wenige Stunden blieben. Und trotzdem ließ Smith erst eine wertvolle halbe Stunde nach der Kollision S.O.S. funken. Ob alle 762 Kabinen geräumt waren, kontrollierte niemand.

Verbessert

Drei Wochen nach dem Untergang der Titanic ordnete das britische Handelsministerium an, dass jedes Passagierschiff für jeden Menschen an Bord einen Platz in einem Rettungsboot bereithalten muss. Das Einsteigen muss vorher geübt werden.

Internationale Gremien bestimmten, dass auf jedem Schiff rund um die Uhr ein Funker erreichbar sein soll.

Noch im selben Jahr erfand der deutsche Physiker Alexander Behm das Echolot: Seither lassen sich Eisberge mit Schallwellen orten.

Exklusive Titanic-Eindrücke von Henning Pfeifer

Titanic am Meeresboden aufgespürt

In etwa 3.800 Metern Tiefe schlummert der Bug der Titanic.

Unzählige Forscher machen sich in den darauffolgenden Jahrzehnten daran, das Wrack des Luxusdampfers zu finden. Am 1. September 1985 ist es dank moderner Technik soweit: Für den amerikanischen Tiefseeforscher Robert Ballard lässt "der erste Blick nicht den geringsten Zweifel" - zusammen mit seinem Team stöbert er die Titanic auf. Ballard setzt sich dafür ein, die Titanic vor Grabräubern zu schützen. Die letzte Überlebende des Unglücks, Millvina Dean, wehrt sich noch kurz vor ihrem Tod im Jahr 2009 dagegen, dass Stücke aus dem Wrack geholt werden. "Ich habe immer gehofft, dass man keine Gegenstände vom Schiff bergen wird. Das ist doch ein Grab, mein Vater liegt dort unten."

Populäre Irrtümer

Wettrennen

Wollte die Titanic einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufstellen und ist deshalb zu schnell durch das Eisberggebiet gefahren?

Das Gerücht, die Titanic wollte das "Blaue Band" - die Auszeichnung für die schnellste Atlantiküberquerung - gewinnen, hält sich hartnäckig. Den Preis für die schnellste Überquerung hielt jedoch die Mauretania, mit der es die Titanic gar nicht aufnehmen hätte können: Mit ihren 78.000 PS war sie einen ganzen Tag schneller. Für eine geruhsame Reise sprach auch ein anderer Grund: "Die Titanic-Eigner setzten auf Luxus", sagt Metin Tolan, der sich mit der Physik der Titanic befasst hat. "Die Fahrt sollte so angenehm sein, dass man gern etwas länger an Bord war." Trotzdem berichteten Überlebende, die Titanic habe sich mit voller Geschwindigkeit bewegt und elementare Vorsichtsmaßnahmen missachtet.

Route

Ist die Titanic zu weit nördlich gefahren?

Im Gegenteil. Dazu muss man wissen, dass es eine Winter- und eine Sommerroute gab. Die Sommerroute war kürzer, aber nördlicher gelegen und deshalb möglichen Eisbergen näher. Die Titanic war auf der südlicheren Winterlinie unterwegs, laut Lawrence Beesley "sechzehn Meilen südlich der regulären Sommerroute, der alle Gesellschaften von Januar bis August folgen". Das berichtet er in seinem Buch "Titanic - Augenzeuge der Katastrophe".

Material

War der Stahl der Titanic einfach nicht hochwertig genug?

"Der Stahl war genauso gut oder schlecht wie für jedes andere Schiff der damaligen Zeit", sagt der Physiker Metin Tolan. Beesleys Überlieferungen unterstützen diese Aussage: "Die technische Ausstattung der Titanic war die beste, die erhältlich war und entsprach dem letzten Stand maritimer Konstruktion. Ihre gesamte Struktur war aus Stahl, mit einer Dicke und von einem Gewicht, größer als irgendeines anderen Schiffes: Die Stützen, Masten, Schotten und Böden, alle von außergewöhnlicher Festigkeit."

Kollision

Hat der Eisberg in die Titanic ein meterlanges Leck geschlitzt?

"Wenn man mit einem Eiszapfen am Auto entlangfährt, entstehen Kratzer, aber kein Loch. Nicht einmal eine Beule. Eis ist viel zu weich", sagt Tolan. Statt einem großen Leck gab es viele kleine, die sich über 30 Meter auf die ersten sechs Abteilungen des Schiffs verteilten. Die Stahlplatten wurden aufgedrückt und Wasser konnte schneller ins Innere fluten. Insgesamt waren die Lecks in der Titanic aber gerade einmal einen Quadratmeter groß - nicht viel mehr als eine aufgeschlagene Zeitung.

Rettungsboote

Gab es auf der Titanic weniger Rettungsboote als vorgeschrieben?

"Es waren sogar mehr als damals vorgeschrieben an Bord", sagt Tolan. Dennoch waren es viel zu wenige, um jedem Passagier Platz zu bieten.

Passagiere

Stimmt es, dass vor allem Personen der ersten Klasse gerettet wurden?

"Es wurden vor allem Frauen und Kinder gerettet, egal aus welchen Klassen", sagt Metin Tolan. "Bei den Männern der ersten Klasse ist zwar die Überlebensquote höher als bei der dritten Klasse, aber das hatte andere Gründe: Sie waren weiter oben, gebildet und sprachen Englisch." Bevor die Menschen unter Deck überhaupt wussten, was los war, sei es für einige schon zu spät gewesen. "Aber von einer bewussten Bevorzugung der höheren Klassen zu sprechen, ist einfach Unsinn", davon ist Tolan überzeugt. Am wenigsten Männer überlebten in der zweiten Klasse, nämlich nur acht Prozent. Selbst in der dritten Klasse überlebten mit 16 Prozent doppelt so viele.

Sog

Die Passagiere hatten Angst, der Sog des untergehenden Schiffes könnte sie mitreißen. Begründet?

"Das Schiff ist langsam vollgelaufen. Da kann kein Sog entstehen", erklärt Physiker Tolan. "Einen Sog hätte es gegeben, wenn man die Titanic von einem Zehn-Meter-Brett geworfen hätte".

Titanic verflüchtigt sich

Ein Blick in die Titanic: So sieht eine Kabine aus der ersten Klasse mittlerweile aus.

Mittlerweile stirbt die Titanic selbst: Mikroorganismen zersetzen das Metall des Schiffes, fressen es regelrecht auf. "Eines Tages wird das Schiff auf dem Meeresboden kollabieren", heißt es von Seiten der Firma RMS Titanic Inc., die sich 1994 die Rechte am Wrack sicherte. In mehreren Expeditionen wurden technische Gerätschaften, Schmuck, Münzen und andere Erinnerungen geborgen, mehr als 5.500 Fundstücke sind es mittlerweile. Forscher des Unternehmens versuchen, das gesamte Wrack für die Ewigkeit zu bewahren - wenn auch nur als dreidimensionales digitales Modell. Im neueröffneten Titanic-Erlebniszentrum in Belfast können Besucher originalgetreue Nachbauten und Animationen bewundern, aber auch menschliche Tragödien nachverfolgen.

Merkwürdige Zufälle

Der Name

Im April 1912 wird die Titanic zu ihrer Jungfernfahrt aus dem Belfaster Hafen geschleppt.

Das Schiff "Titanic" zu nennen, scheint im Nachhinein fast fahrlässig: Bei den Titanen handelte es sich in der griechischen Mythologie um das Göttergeschlecht, das den Kampf gegen die Olympier verlor und in den Tartaros gestürzt wurde - den Strafort der Unterwelt, der noch hinter dem Hades liegt.

Davon wusste man bei der britischen Reederei White Star Line entweder nichts oder wollte nichts davon wissen: Dort sah man in einem Titan nichts anderes als einen kraftstrotzenden Riesen, was für die Titanic, das zu diesem Zeitpunkt größte Schiff der Welt, unzweifelhaft zutraf.

Und noch ein anderer Grund sprach gegen den Namen "Titanic" ...

Das Buch

1898 veröffentlichte Morgan Robertson seinen Roman "Futility" ("Sinnlosigkeit"). Und 14 Jahre VOR der Katastrophe klingt die Geschichte wie eine schlechte Kopie davon: Der für unsinkbar gehaltene Dampfer "Titan" rammt im Nordatlantik in einer kalten Aprilnacht einen Eisberg und geht mit Hunderten von Menschen unter. Das Schiff war ähnlich groß, fuhr ebenfalls unter britischer Flagge und hatte nur für ein Drittel seiner Passagiere Platz in den Rettungsbooten ...

"Futility" wurde ein Erfolg, allerdings erst nach dem Untergang der echten Titanic, und noch heute ist das Buch bei Esoterikern beliebt.

Die Täuschung

2012 wurde von der Smithsonian Institution in Washington eine überraschende Studie veröffentlicht: Sie liefert eine neue Theorie, warum der Eisberg erst so spät entdeckt wurde.

Das seltene optische Phänomen der Super-Refraktion könnte den Koloss zeitweise unsichtbar gemacht haben. Als die Titanic vom warmen Golfstrom in den kalten Labradorstrom fuhr, kühlten die unteren Luftschichten immer weiter ab, darüber legten sich warme Luftschichten. Die verschiedenen Schichten brachen das Licht so, dass über dem wirklichen Horizont ein zweiter entstanden sein könnte - der den Eisberg vor den Matrosen versteckte.

Die Überlebenskünstlerin

Violet Jessop arbeitete als Stewardess für die erste Klasse auf der Titanic. Die 25-Jährige sollte den Passagieren das Besteigen der Rettungsboote demonstrieren - und durch Zufall bekam sie selbst einen Platz darin: Sie erhielt den Befehl, ein Baby zu betreuen, dessen Mutter im Evakuierungschaos verschwunden war.

Als Stewardess hatte Jessop bereits 1911 den schweren Zusammenstoß des Titanic-Schwesternschiffs Olympic mit einem britischen Kreuzer überlebt.

Und die Havarie von 1914 sollte noch nicht ihre letzte sein: 1916 arbeitete Jessop als Krankenschwester auf der Britannic, einer weiteren Titanic-Schwester. Im Ersten Weltkrieg war das Schiff zum Lazarettschiff geworden - bis es auf eine Seemine lief und sank. Ihr Rettungsboot wurde in die noch rotierenden Schiffsschrauben gezogen, Jessop konnte sich mit einem beherzten Sprung ins Wasser retten, schlug beim Auftauchen jedoch mit dem Kopf gegen ein anderes Rettungsboot. In Interviews sagte sie später, ihr dichtes Haar habe sie vor schlimmeren Kopfverletzungen bewahrt. Mehr als 40 Jahre lang fuhr Jessop zur See. 1971 starb sie mit 83 Jahren an Herzversagen.

Titanic trotzdem unsterblich

Titanic im Fokus

Die erste Aufmerksamkeitsspitze hat die Titanic gleich 1912 erfahren: Innerhalb weniger Wochen erschienen zig Bücher und Filme zur Katastrophe. Die zweite Welle ereignete sich dann in den 1950er-Jahren, angeregt durch das Buch "A Night to Remember" von Walter Lord.

John Wilson Foster, selbst Titanic-Buch-Autor, weiß, wie es dann weiterging: "Bis in die 1980er-Jahre hinein schlief das Ereignis wieder." Erst die Entdeckung des Wracks 1985 und Camerons Film 1997 hätten das Interesse dann globalisiert.

In den Köpfen bleibt die Titanic unsterblich: Schon seit hundert Jahren fasziniert uns der Untergang des Stahlgiganten. Massen von Büchern und Filmen haben versucht, den Glanz des Luxusdampfers und den Horror seines Endes zum Leben zu erwecken. Der Titan war damals das Stärkste und Spektakulärste, was die Menschheit den Naturgewalten entgegenzusetzen hatte. Heute liegt er gebrochen tief am Meeresgrund, muss sich der Natur beugen - und kann sich doch als Mythos über sie hinwegsetzen.


45