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Hintergrund Tierisch ungewöhnlich

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Tierisch tödlich Raffinierte Mörder und gemeine Giftmischer

Wenn es ums Töten geht, wird's in der Natur oft heimtückisch: Ob Giftzahn oder reißendes Gebiss, duftende Fallen oder klebrige Netze, die räuberische Tierwelt tötet mit unterschiedlichsten Methoden. Und auch in den intimsten Momenten kennt die Evolution keine Gnade ...

Stand: 06.05.2014

Kragenbär, Schreiadler und Gottesanbeterin in Kreisen mit Verbrecherkartei-Kennzeichen auf abstraktem vergittertem Hintergrund mit illustrierten Bäumen | Bild: picture-alliance/dpa, colourbox.com; Montage: BR

Sie beißen blitzschnell zu, schlagen ihre scharfen Krallen in die Opfer, erwürgen sie langsam oder spritzen tödliches Gift: Die Tötungsstrategien im Tierreich sind ausgesprochen vielfältig. Doch mit gemeinem, hinterhältigem Mord hat das Töten unter Tieren nichts gemein. Ob Viper, Tarantel oder Killerwal - es geht ums eigene Überleben. Hunger muss gestillt werden, das Revier verteidigt und die eigenen Nachkommen geschützt werden. Doch die Methoden sind manchmal brutal.

Saufgelage gegen den inneren Feind

Trinkfest

Illustration: Larven-Krankenschwester bringt Wein und zwei kranke Fliegenlarven zechen | Bild: BR/Anna Hunger

Die Larve der gemeinen Fruchtfliege Drosophila melanogaster ist ein robustes Kerlchen. Sie verträgt so einiges, auch Hochprozentiges. Schließlich wächst sie oft in Obst heran, und das gärt schon mal. Das steckt die Larve gut weg. Manchmal rettet ihr der Alkohol sogar das Leben.

Fieser Feind

Eine Fruchtfliege Drosophila melanogaster | Bild: picture-alliance/dpa

Denn eines hält die Fruchtfliegenlarve bei aller Robustheit nicht aus: Die Attacke der Schlupfwespe. Die legt ihre Eier nämlich gerne in der Larve ab, garniert mit einem Gift, das das Immunsystem lähmt. Für die Larve entpuppt sich der Parasit als tödlich: Statt der Fliege schlüpft eine Wespe.

Kampftrinken

Die Fruchtfliegenlarve bekämpft den inneren Feind gezielt mit Alkohol, das zeigte eine Studie einer US-amerikanischen Universität: Die Mehrheit der von Schlupfwespen befallenen Larven bevorzugte alkoholhaltige Nahrung. Mit Erfolg: Die meisten "Schnapsdrosseln" überlebten, weil der Parasit in ihrem Inneren, die heranwachsende Schlupfwespe, sich buchstäblich im Alkohol auflöste. Ein Fünftel der kranken Larven blieb dagegen abstinent, fatalerweise: Sie starben alle. Nicht befallene Larven waren dagegen mäßige "Trinker": Nur ein Drittel wählte die alkoholhaltige Nährlösung. Offenbar treibt genau der Parasitenbefall die Larven zum Alkoholgenuss.

Eingelegte Eier

Fruchtfliegen-Mütter haben daher eine völlig andere Einstellung zum Alkoholkonsum ihrer Kleinen als unsere Mütter: Sie sorgen für eine hochprozentige Versorgung ihres Nachwuchses. Schon die Nähe weiblicher Schlupfwespen reicht aus, dass Fruchtfliegen ihre Eier gezielt in vergärendes und damit alkoholhaltiges Obst ablegen. Ist dagegen keine der parasitären Wespen zu sehen, werden die Eier lieber nüchtern gebettet - in nicht-alkoholischer Umgebung. Und Mütter sind Elefanten, sie vergessen nicht: Auch lange, nachdem die Schlupfwespen verschwunden sind, bleiben die Fruchtfliegenmamas vorsichtig und legen ihre Eier in Alkohol ein.

Gewohnheitstrinker

So rettet der gezielte Alkoholkonsum der Fruchtfliegenlarve das Leben. Allerdings lässt sich der Kummer nicht immer so leicht ertränken. Denn wenn Trinkfestigkeit zum evolutionären Prinzip wird, dann wird die Trinklaune ansteckend: Als die Forscher um Neil Milan in Atlanta den Versuch nämlich mit einer Schlupfwespenart wiederholten, die auf die Fruchtfliege spezialisiert ist, nützte auch der größte Rausch nichts. Der Parasit im Inneren war längst genauso robust gegen Alkohol und siegte am Ende.

Mit Kraft statt Intelligenz

Verhängnisvoller Appetit ...

Wer groß und stark ist, hat es auch beim Töten leichter. Die Eleganz bleibt manchmal auf der Strecke. Die großen Räuber machen platt, was in den Speiseplan passt. Pythons etwa sind nicht sonderlich wählerisch: Die Würgeschlangen, von denen manche Arten sechs bis acht Meter lang und 150 Kilogramm schwer werden, erdrosseln ihre Opfer und schlingen sie dann - unzerkaut - hinunter. Manchmal fallen sie dabei ihrer eigenen Gier zum Opfer.

Neben ihrer unstillbaren Fressgier verfügen Tigerpythons über einen erstaunlich gut ausgeprägten Orientierungssinn. Wissenschaftler berichteten im März 2014 in den "Biology Letters", wie sie im Everglades-Nationalpark in Südflorida sechs Tigerpythons mit Funksendern ausstatteten. Dann entließen sie die Riesenschlangen rund 39 Kilometer entfernt in die Freiheit. Zur großen Überraschung fanden die Tiere nach wenigen Monaten den Weg zurück. Nach Auswertung der Funksender bewegten sich die Pythons sehr zielgerichtet durch das Sumpfgebiet. Wie sie das machen, bleibt (noch) ihr Geheimnis.

Geduldiger Giftmischer

Die größte Echse der Welt

Man sollte meinen, dem bis zu drei Meter langen Komodowaran hätte die Natur keine Tricks mitgeben müssen. Er ist größte Echse, die es gibt, und kann achtzig Prozent seines Eigengewichts an Nahrung aufnehmen. Er ist ein Fleischesser: Kleine Echsen, Vögel, Säugetiere - sein Speiseplan ist abwechslungsreich. Viel Aas kommt auf ihm vor, das aber wiederum ohne den Waran nicht vorkommen würde: Ein Biss der Echse ist tödlich. Die Opfer sterben einen langsamen Tod durch Blutvergiftung. Zwei, drei Tage lang folgt der Komodowaran geduldig seiner Beute, bis sie der Vergiftung erliegt.

Schlau & stark

Wo Stärke allein nicht reicht

Ein Falkner präsentiert am Freitag (26.03.2010) seinen Steinadler "Anton" auf der Messe Reiten-Jagen-Fischen in Erfurt.  | Bild: picture-alliance/dpa

Der Steinadler ist ein eindrucksvoller Jäger. Gewaltige Schwingen, ein starker Schnabel und scharfe Krallen machen ihn für seine Opfer zum gefürchteten Feind. Doch wo selbst seine Kraft nicht mehr ausreicht, greift der Raubvogel zu schlauen Tricks ...

Zugriff auf den leckeren Happen

Schildkröten sind mit ihrem dicken Panzer bestens vor Fressfeinden geschützt. Doch der Steinadler will auf den Leckerbissen nicht verzichten: Er schnappt sich das Reptil und trägt es hoch in die Lüfte - um es weit in die Tiefe stürzen zu lassen, am besten auf einen scharfen Fels.

Tödliche Spucke

Eine ganz besondere Jagdtechnik hat der Schützenfisch (auch: Spritzfisch) entwickelt. Er lebt in flachen, brackigen Gewässern dicht unter der Wasseroberfläche und ernährt sich von Insekten, die ins Wasser gefallen sind. Da hilft er allerdings auch gerne einmal nach: Mit einer ausgefeilten Technik spuckt er Wasser an die Uferpflanzen und kann damit kleinere Tiere aus bis zu vier Metern Entfernung regelrecht abschießen.

Giftmischende Schmetterlinge und Käfer

Tabakschwärmer und Nikotin

Falter: Tabakschwärmer manduca sexta | Bild: picture-alliance/dpa/Jan-Peter Kasper

In der Great Basin Desert im US-Bundesstaat Utah wächst Kojotentabak, der sich mit seinem hochgiftigen Nikotin gegen Fressfeinde wehrt. Doch das Nikotin, das eigentlich für alle Lebewesen giftig ist, die sich mithilfe von Muskeln fortbewegen, bleibt bei der Raupe des Tabakschwärmers völlig wirkungslos. Noch wissen die Forscher um Ian Baldwin vom Jenaer Max-Planck-Institut nicht genau, wie die Falterraupen sich schützen. Allerdings scheinen spezielle Gene damit zu tun zu haben, die die Bildung von sogenannten Cytochrom-P450-Enzymen beeinflussen. Diese werden aktiv, wenn größere Mengen Nikotin aufgenommen wurden.

Nikotinatem als Schutz vor Spinnen

Falter: Tabakschwärmer manduca sexta | Bild: picture-alliance/dpa/Jan-Peter Kasper

Diese Enzyme nutzen die Falterraupen, um winzige Nikotinmengen aus ihrer Nahrung umzuwandeln und über ihre Körperflüssigkeit ins Atmungssystem zu leiten – so strömt Nikotinatem aus dem Raupenkörper und den mögen vor allem Spinnen nicht. Das fanden die Forscher bei Experimenten mit der Wolfsspinne Camtocosa parallela heraus. Hatten die Raupen keinen Nikotinatem, schlugen die Spinnen zu und fraßen sie. Rochen sie nach Nikotin blieben die Raupen völlig unbehelligt.

Wehrsekret bei Blattkäfern

Ovaläugige Blattkäfer bei der Paarung | Bild: picture-alliance/dpa

Die Larven einiger Blattkäfer verteidigen sich auf andere Art: Kommt ihnen ein Feind zu nahe, stülpen sie auf dem Rücken kleine Bläschen mit giftigem Sekret aus. Dieses Sekret wird entweder von ihnen selbst produziert oder sie nutzen dazu giftige Substanzen aus ihrer pflanzlichen Nahrung. Es wirkt auf die natürlichen Feinde wie Ameisen oder Marienkäfer wie eine Abwehrwaffe.

Schutz vor Krankheiten

Außerdem haben Wissenschaftler vom Institut für Pflanzenschutz in Obst- und Weinbau bei Heidelberg herausgefunden, dass dieses Sekret die Tiere auch vor Krankheiten schützen kann. So zum Beispiel vor bestimmten Bakterien wie den Bacillus thuringiensis, dessen Gift die Darmwand der Käfer zerstört.

Die Forscher untersuchen, wie und ob diese Abwehrstoffe zum Beispiel auch für menschliche Arzneien oder Pflanzenschutzmittel genutzt werden könnten.

Wer besonders listig morden will, der greift gerne auch in die Trickkiste der Liebe. Denn welch stärkere Triebfeder gibt es in der Natur als den Sex? Doch wer blind vor Liebe der Verlockung folgt, tappt vielleicht in eine Falle und läuft in sein Verderben.

Wie man sich einen Mann angelt

Die Bolaspinne braucht nur einen einzigen Faden, um ihre Opfer zu umgarnen. Während andere Spinnen kunstvolle Netze basteln, schwingt die nur anderthalb Zentimeter große Lassospinne nur ein kleines Fadenstück um sich. Doch das hat es an sich: Am Ende des Spinnenfadens baumelt ein Tropfen einer klebrigen Flüssigkeit, der verführerisch duftet. Und - patsch - hat sie ein Fliegenmännchen an der Angel.

Zufällige Zutaten

Evolutionäre Zufälle haben die Bolaspinne in die Lage versetzt, die Pheromone (Sexuallockstoffe) anderer Insekten zu imitieren. Fast auf der ganzen Welt gibt es Bolaspinnen, und überall finden sie ihre Opfer - und zwar unterschiedliche. Manche Lassospinnen imitieren Fliegendüfte, andere Falterparfums. Und manche wechseln je nach Tages- und Jagdzeit auch mal das Bouquet ihres Lassos.

Perfide Parasiten

Mikroskopische Manipulation

Im Schneckentempo, aber auf direkten Weg über das Gehäuse der großen Weinbergschnecke, kriecht diese Hainbänderschnecke, während ihre Artgenossin links schon in Starposition geht, um vorbeizuziehen. | Bild: picture-alliance/dpa

Manch ein Opfer wird von einem "inneren Drang" in den Tod getrieben, ohne das überhaupt mitzukriegen. Schnecken werden etwa manchmal von Parasiten manipuliert, die sie nur als Zwischenwirt nutzen. Wo der Schmarotzer eigentlich hinwill, ist ein anderer Magen ...

Dem Feind in die Arme getrieben

Der Parasit krabbelt in die Antennen der Schnecke und kann dort schwarz-weiße Muster hervorrufen. Die Schnecke bekommt davon gar nichts mit. Wohl aber die Vögel, die das Kriechtier dadurch viel leichter erkennen. Und ist die Schnecke erst verspeist, ist der Parasit glücklich bei seinem Endwirt angekommen.

Innere Irrlichter

Noch schlechter ergeht es Asseln. Sie werden von Parasiten manchmal komplett ferngesteuert. Ein Wurm in ihrem Innern bringt sie dazu, die dunklen, feuchten Laubhaufen zu verlassen und das Sonnenlicht zu suchen. Dort im Hellen sind die dunklen Krebstiere aber leichte Beute für Amseln. Und in die wollen die Würmer weiterziehen.

Familienkatastrophen

Die eigenen Gene im großen Pool des Erbgutes sichern, das ist das von der Natur vorgegebene Ziel. Oft genug wird das in der Natur nicht über Fortpflanzung, sondern Tötung erreicht: Etwa, wenn Papa Löwe mal lieber alle kleinen Löwenbabys umbringt, damit sicher keine Nachkommen eines Nebenbuhlers überleben. Doch auch unter Geschwistern ist die Liebe manchmal nicht gerade ausgeprägt:

Brutaler Brudermord

Kain & Abel im Adlerhorst

Der Schreiadler ist längst auf der Roten Liste: Er ist bei uns vom Aussterben bedroht. | Bild: picture-alliance/dpa

Der Schreiadler ist bei uns vom Aussterben bedroht. Und daran ist er zum Teil ausnahmsweise selber schuld: Zwei Eier legt die Adlermutter in der Regel, doch nur ein Schreiadler wird flügge werden. Denn kurz nach dem Schlüpfen bringt ein Bruder den anderen um.

Tödliche Rivalität

Nach dem Schlüpfen verendet der jüngere Vogel ("Abel"), weil sein älteres Geschwister ("Kain") ihn entweder gleich aus dem Nest wirft, ihn totpickt oder so einschüchtert, dass er die Nahrung verweigert und schließlich verhungert. Dieses angeborene Verhalten wird in Anlehnung an die biblische Geschichte von Kain und Abel als "Kainismus" bezeichnet und ist auch von anderen Greifvogelarten bekannt.


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