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Meister aus Nürnberg Die Taschenuhr von Peter Henlein

Lange Zeit erfuhr man nur mit einem Blick zur Kirchturmuhr die genaue Uhrzeit. Erst die Taschenuhr machte die Zeitmessung mobil. Als ihr Erfinder gilt der Nürnberger Peter Henlein. Aber war er das tatsächlich?

Stand: 20.01.2017

Taschenuhr | Bild: picture-alliance/dpa

"Peter Henlein, geboren um 1480, gestorben 14.11.1542. Er war Feinmechaniker in Nürnberg und stellte 1510 als erster dosenförmige Taschenuhren her." Das steht auf einer Inschriftentafel in der Walhalla, die König Ludwig I. jenen Frauen und Männern "teutscher Zunge" errichten ließ, die Bedeutendes geleistet hatten. Auch Peter Henlein gehört zu ihnen.

Ungewisse Lebensdaten

Möglicherweise hat Peter Henlein so ausgesehen wie auf dieser Zeichnung. Vielleicht aber auch ganz anders.

Über das Leben Henleins ist nur wenig bekannt. Fest steht, dass er 1509 Meister des Nürnberger Schlosserhandwerks wurde. Wenn man annimmt, dass er die Meisterprüfung im damals üblichen Alter von 24 Jahren abgelegt hat, ergibt sich als Geburtsjahr 1485. Henlein war drei Mal verheiratet, seine ersten beiden Frauen starben vor ihm. Seine Eltern hießen wahrscheinlich Hans und Barbara Henlein, der Vater war vermutlich Messerschmied.

Sicher ist, dass Peter Henlein Uhren herstellte und Uhren reparierte. Mechanische Uhren waren damals etwas ziemlich Neues. Die Menschen hatten die Zeit zwar schon lange mit Sonnen-, Wasser-, Feuer- und Sanduhren gemessen. Die Erfindung der Uhr mit mechanischen Rädern bedeutete jedoch einen ungeheuren Fortschritt. Schon in der Antike hatte man Tag und Nacht in je zwölf Abschnitte gegliedert, doch die fielen je nach Jahreszeit unterschiedlich lang aus. Nun konnte man die Zeit in Stunden von stets gleicher Länge einteilen.

Experte für Turmuhren

Astronomische Uhren wie diese in Prag konnten zu Henleins Zeit den Lauf der Planeten zeigen.

Bei den mechanischen Uhren setzten Gewichte ein aus mindestens zwei Rädern bestehendes Werk in Gang. Das Hemmungssystem, ein Mechanismus, der die Räder in bestimmten Intervallen anhielt und wieder freigab, gewährleistete, dass sich diese gleichmäßig schnell drehten. Vor allem Turmuhren funktionierten nach diesem Prinzip. Belegt ist, dass Peter Henlein sich mit diesen beschäftigte. Aus den Nürnberger Stadtakten geht hervor, dass ihn der Rat immer wieder mit dem Bau, der Reparatur oder der Begutachtung verschiedener Typen von Großuhren beauftragte. Bis nach Straßburg schickte man ihn zu diesem Zweck.

Peter Henlein - Erfinder der Taschenuhr?

Mythos Urvater

Lange Zeit wurde Peter Henlein als der Urvater der Uhrmacher gefeiert. Er galt vielen als Erfinder der ersten Taschenuhr und damit auch als der Mann, der eine neue Zeitmessung eingeleitet hatte. Doch sicher war das nie. Deshalb haben Experten des Germanischen Nationalmuseums (GNM) in Nürnberg die angebliche Henlein-Uhr genau untersucht. In einem zweijährigen Forschungsprojekt wollten sie dem Geheimnis der Uhr auf die Spur kommen.

3D-Bilder

Seit 1897 ist die Uhr im Besitz des Museums. Bei der Untersuchung arbeiteten das hauseigene Institut für Kunsttechnik und Konservierung (IKK) mit den Materialforschern des Fraunhofer Instituts zusammen. Da eine Zerlegung des filigranen Uhrwerks aus konservatorischen Gründen nicht in Frage kam, durchleuchteten sie die zylinderförmige Uhr mit einem hochauflösenden Computertomografen. Die daraus resultierenden 3D-Bilder lieferten umfassende Einblicke in die Funktionsweise sowie den Zustand der Uhr.

Streifenlichtverfahren

Zudem kam ein sogenanntes Streifenlichtverfahren zum Einsatz, mit dem die Oberfläche der Materialien genau untersucht werden kann.

Dabei offenbaren sich die feinsten Details der verwendeten Materialien. "Damit wurde jeder Feilstrich im Metall sichtbar", wie der beteiligte Restaurator und Historiker Roland Schewe erklärt.

Quellen

Das Team studierte zeitgenössische Quellen und verglich die Uhr, die Henlein zugeschrieben war, mit acht ähnlichen Uhren aus der Frühzeit der Taschenuhren. Einige davon wurden extra dazu aus privaten Sammlungen in den USA ausgeliehen.

"Noch nie wurden Taschenuhren aus einer vergleichbaren Epoche mit ein und derselben Methode untersucht", schwärmte der Kurator für wissenschaftliche Instrumente am GNM, Thomas Eser.

Signatur

Im Deckel der angeblichen Henlein-Uhr ist eine Signatur zu finden: "Petrus Hehle" mit dem Jahr 1510. Deshalb galt die Uhr als erste Taschenuhr der Welt und wegen des Namen "Petrus Hehle" für Peter Henlein wurde sie der Werkstatt des Nürnberger Uhrenmachers zugesprochen.

Die Analysen haben nun für Klarheit gesorgt: "Die Signatur ist nachträglich angebracht worden, als die Innenseite des Deckels schon zerkratzt war", erklärt Roland Schewe anhand der Computerbilder. Ansonsten sei die Signatur Henleins auf keinem seinerzeit geschmiedeten Uhrbauteil zu finden.

Ergebnis

Für das Alter der Uhr spricht viel. Zwar reden die Forscher weiterhin nicht von der "ältesten Taschenuhr der Welt" – dazu müssten erst weitere aus der Epoche stammende Zeitnehmer untersucht werden. Aber dass die Uhr im GNM aus dem 16. Jahrhundert stammt, gilt als sicher. Dafür spräche auch die Art des Verlötens der Teile, die für damals typisch sei, so die Experten.

So kommen die Forscher zu folgendem vorläufigen Ergebnis: Die mutmaßliche Henlein-Uhr ist keine komplette Fälschung, aber auch kein komplettes Original. Und ob die Uhr tatsächlich aus der Werkstatt Peter Henleins stammt, bleibt weiterhin das Geheimnis der Uhr.

Die Kraft der Feder

Eine Feder aus einer Uhr

Turm- und andere Großuhren gab es aber nur in Städten. Erst die Zugfeder machte es möglich, auch unterwegs auf dem Land die Uhrzeit zu kontrollieren. Die Zugfeder wurde bereits im 14. Jahrhundert in Schlössern von Türen und Truhen verwendet. Der Gedanke, Uhren durch gespannte Metallfedern statt durch Gewichte anzutreiben, war findigen, wahrscheinlich italienischen Handwerkern schon rund ein halbes Jahrhundert vor Henlein gekommen. Bei der Umsetzung der Idee allerdings stand man vor dem Problem, dass eine frisch aufgezogene Metallfeder sehr viel Kraft hat. Nach einiger Zeit nimmt die Wirkung gleichbleibend linear ab, am Schluss fällt die Kraft dann ganz stark ab. Neuartige mechanische Tricks waren daher notwendig, um die Kraft der Feder durchgehend gleichmäßig an das Räderwerk weiterzugeben.

Uhr im Apfel

Die rechte Uhr stammt aus der Zeit Henleins, die linke ist etwa fünfzig Jahre jünger.

Um 1500 kam schließlich jemand auf die Idee, diese Werke noch kleiner zu bauen und in sogenannte Bisamäpfel einzubauen. Als Bisamäpfel oder Bisamköpfe bezeichnete man durchbrochene und reich verzierte Hohlkugeln aus Metall von der Größe einer Walnuss bis zu der eines Hühnereies. Diese trug man als Behälter für Duftstoffe wie Bisam, Ambra, Kampfer oder Moschus in der Tasche oder um den Hals. Vielleicht war es die Idee des Schlossermeisters Peter Henlein, Uhren in solche Bisamäpfel einzubauen. Vielleicht war es aber auch nur eine Spezialität von ihm, diese Art von Uhren herzustellen.

"… fast der ersten einer, so die kleinen Ührlein in die Bisamköpf zu machen erfunden."

Nürnberger Ratsschreiber Johannes Neudörfer im Jahr 1547

Daran, dass Henleins Uhren begehrt und geschätzt waren, besteht kein Zweifel. Mehrfach bestellte der Nürnberger Rat Uhren bei ihm; in einem Fall berichten die Stadtakten sogar ausdrücklich von einem Uhrwerk in einem vergoldeten Bisamapfel. Diesen Akten zufolge erhielt Henlein ...

"... 15 Gulden für ein vergulten pysn Apffel ... mit einem Oraiologium"

Nürnberger Stadtakten

Und im Frühjahr 1522 zahlte der Rat den stattlichen Betrag von 26 Gulden an ...

"... Peter Henlein für ein orologium, die selb get, für sein arbait."

Nürnberger Stadtakten

Die kleinen Wunderwerke wurden als Staatsgeschenke an hochgestellte Persönlichkeiten weitergegeben. Eines bekam der kaiserliche Sekretär Johann Hannart Graf von Lombecke, ein anderes der Beichtvater Herzog Georgs von Sachsen, Christof Ering.

Erfinder neuer Techniken

Sankt Sebald in Nürnberg

1540 starb Henleins zweite Frau. Nicht lange nach seiner dritten Eheschließung endete auch sein Leben. Das Totengeläutbuch der Nürnberger Sankt Sebald-Kirche verzeichnet unter den Begräbnissen des Sommers 1542 unter anderem: "Peter Henlein urmacher auf Sankt Katharinengraben." Letztlich ist es zwar unwahrscheinlich, dass Peter Henlein selbst die Taschenuhr erfunden hat. Aber er hat sie durch die Entwicklung neuer Techniken verbessert und dem Uhrmacherhandwerk bis dahin unbekannte Methoden zu ihrer Herstellung erschlossen.


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