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Feuerwerk der Sinne Forscher entdecken Ursache für Synästhesie

Gelbe Blitze beim Handyklingeln, ein flauschiges Gefühl beim Quietschen einer Tür - diese Wahrnehmungsverquickungen heißen Synästhesie. Forscher haben jetzt herausgefunden, warum manche Leute Wörter schmecken oder von rotem Wasserrauschen sprechen.

Stand: 10.12.2013

Abstraktes Bild einer Frau mit verschobenen Sinnesorganen | Bild: BR/Christiane Boehm

Das Wort Synästhesie stammt aus dem Altgriechischen: Syn heißt "zusammen", aisthesis bedeutet "Empfinden". Dieses gleichzeitige Empfinden kann es zwischen allen fünf Sinnen geben. Am häufigsten ist das "coloured hearing", bei dem Töne, Musik und Sprache nicht nur gehört, sondern auch mit Farben erlebt werden.

Buchstaben als Farben sehen

Synästhetiker können Töne in bunten Farben sehen.

Synästhetiker erleben ihre Umwelt auf mehreren Kanälen gleichzeitig. Die Sinne vernetzen, überlagern oder vermischen sich. Viele Betroffene sehen Buchstaben und Ziffern in bestimmten Farben: Grün zum Beispiel für die Zahl Sechs, Blau für den Buchstaben A. Die Synästhesien sind individuell einzigartig, sie werden von jeder betroffenen Person anders erlebt und empfunden.

"Das ist ziemlich kunterbunt, so als wenn man Konfetti in die Luft wirft - und gleichzeitig Luftschlangen auf den Fußboden und kreuz und quer in die Luft geblasen werden."

Synästhetikerin Christine Söffing

Kunstwerke aus Öl und Musik

Musik inspiriert zu Gemälden - und umgekehrt.

Wo immer Christine Söffing Musik hört, wandert sie in Gedanken durch sich bewegende Farbgebilde, gezackte Linien, Kreise und schwingende Scheiben. Popmusik ist deshalb für sie ein Gräuel, ein zu großes Durcheinander. Mit 19 Jahren stellte Christine Söffing fest, dass sie Farben und Formen hört, wo andere Tönen lauschen. Heute profitiert sie von dieser besonderen Fähigkeit: In ihrer Ulmer Werkstatt experimentiert sie mit synästhetischen Wahrnehmungen. Musik inspiriert sie zu Gemälden in Öl - später vertont sie die Kunstwerke erneut. Von Musik zum Bild und wieder zurück zur Musik. Die freie Künstlerin stellt ihre Werke aus, gibt Kurse in Sinneswahrnehmung für Erwachsene und merkt sich Telefonnummern nach bestimmten Melodien.

Inzwischen weiß man mehr

Synästhetikerin ordnet Farben bestimmten Buchstaben und Zahlen zu.

Früher galten diese Phänomene in der Psychiatrie als krankhaft oder als das Ergebnis eines Drogenrausches. Inzwischen ist die Wissenschaft weiter. An der Medizinischen Hochschule in Hannover hat der Neurobiologe Hinderk Emrich betroffene Personen im Kernspintomographen untersucht und ihr Gehirn quasi durchleuchtet. Das Ergebnis: Bei Synästhetikern sind verschiedene Sinne über das Gefühlszentrum, das so genannte limbische System, miteinander verbunden. Das Gehirn stellt außergewöhnliche Bezüge her, zum Beispiel zwischen Musik und den Bewegungen des Dirigenten, und erfindet Objekte, die eigentlich gar nicht vorhanden sind.

Netzwerke im Gehirn

Neurologen setzen Kernspintomografen ein, um die Verknüpfungen im Gehirn besser zu verstehen.

Neurowissenschaftler vom Münchner Klinikum rechts der Isar und vom Forschungszentrum Jülich haben die Verknüpfungen im Gehirn noch genauer untersucht und festgestellt: Bei Synästhetikern sind manche Hirnregionen besonders stark in Netzwerken miteinander verquickt. Diese Netzwerke lösen sich auch unter Ruhebedingungen nicht auf, also zum Beispiel wenn eine Person nur mit geschlossenen Augen im Kernspintomografen liegt. Die Forscher sind nun der Frage nachgegangen, wie diese Netzwerke bei Synästhetikern aussehen. Das Ergebnis: Bei diesen Personen sind die Netzwerke unter Ruhe vielfach stärker verknüpft als bei Nicht-Synästhetikern. Außerdem ist die Kopplung umso stärker ausgeprägt, je stabiler die synästhetischen Wahrnehmungen der Betroffenen sind.

Einsam in der eigenen Farbwelt

Synästhetiker denken beim Musikhören nicht nur an Töne.

Ungeklärt ist aber nach wie vor, warum manche Personen diese starken Verknüpfungen haben und andere nicht. Auch Aussagen über die Häufigkeit des Phänomens sind nur schwer zu treffen. Man schätzt, dass auf 2.000 Menschen ein Synästhetiker kommt. Dabei sind Frauen ungefähr siebenmal häufiger betroffen als Männer. "Es lohnt sich auch nicht, davon zu erzählen, weil einen niemand versteht", sagt Söffing. Das könnte sich bald ändern: Nachdem Neurowissenschaftler immer bessere Einblicke ins Gehirn von Synästhetikern bekommen, dürfte Söffing in Zukunft nicht mehr ausgelacht werden, wenn sie sagt: "Die Suppe schmeckt rosa mit orangen Dreiecken darin."


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