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Redensarten Plauderei aus dem Nähkästchen

Diese Redensarten kennen Sie bestimmt. Und die Dinge, die sie zum Gegenstand haben, auch: Fäden, Gardinen, Senf. Was bedeuten die Sprichwörter mit den Alltagsgegenständen? Wir plaudern aus dem Nähkästchen.

Stand: 22.02.2016

Nähkästchen | Bild: colourbox.com

Etymologie

Die Etymologie (griech.) ist die Lehre von der Ableitung der Wörter und ihrem wahren Ursprung. Sie untersucht die Wortherkunft, Grundbedeutung und historische Entwicklung. Als Etymon bezeichnet man das Grund- oder Stammwort.

Obwohl fest in unserem Wortschatz verankert, sind die meisten Redensarten wortwörtlich betrachtet sinnbildlicher Unsinn: Ein Frosch im Hals. Würmer aus der Nase ziehen. Eine Gardinenpredigt halten. Mithilfe von Sprachwissenschaften und geschichtlichem Hintergrundwissen finden sich letztlich aber auch für die kuriosesten Redensarten etymologische Erklärungen.

Muffensausen haben

Das Muffensausen

Muffen, das sind Verbindungsstücke, um Rohre miteinander zu verbinden. Aber warum sausen Muffen bei Menschen, die vor etwas Angst haben?

Erklärung

"Ausgangspunkt dieser Redensart ist ein trockener oder auch feuchter Furz", sagt der Bamberger Sprichwortexperte Rolf-Bernhard Essig. Im Darm gibt es einen Schließmuskel, eine Muffe. "Bei großer Angst, die den Schließmuskel erschlaffen lässt, entsteht Muffensausen durch lautstark entweichende Darmgase."

Verflixt und zugenäht

Verflixt und zugenäht

Ist der Ausruf zu hören, dann liegt Ärger, Wut und ein Hauch von Verzweiflung in der Luft: Die Verbindung mit dem Partizip "zugenäht" steigert den einfachen Fluch "verflixt". Die Kombination der beiden kommt zum Einsatz, wenn man etwas immer wieder versucht und es einem einfach nicht gelingen will. Oder aber man ist mit den Äußerungen und Handlungen eines anderen nicht zufrieden und will dem Ganzen eine klare Absage erteilen. Doch wie sind "verflixt" und "zugenäht" überhaupt zusammengekommen?

Verflixt statt verflucht

Wie die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden erklärt, ist die Herkunft des Ausspruchs noch nicht zweifelsfrei geklärt. Die Forscher gehen aber davon aus, dass "verflixt" ein "verflucht" ersetzen soll: "So ist zunächst einmal das Adjektiv verflixt eine euphemistische Umschreibung des Kraftausdrucks verflucht, die bereits seit ca. 1800 gebräuchlich ist," heißt es. Das "verflucht" war von der Kirche gar nicht gern gehört. Mit "verflixt" konnte man dem Zorn seines Kirchenvaters entgehen.

Der Schmiss

Eine öfter genannte Erklärung führt den Ausruf auf einen Fechtkampf in einer schlagenden Studentenverbindung zurück. So wurde er angeblich dann gebraucht, wenn einem der beiden Kontrahenten eine tiefe Wunde zugefügt worden war – ein tiefer Schmiss, der sofort genäht werden musste. Doch es gibt noch eine zweite Ableitungsmöglichkeit.

Studentenlied

Ursprung des Ausrufs könnte auch ein Studentenlied des 19. Jahrhunderts sein: In dem Lied erfährt ein junger Mann, dass seine Freundin schwanger ist. Bei Lutz Röhrich in "Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" (Freiburg 1992) lautet die Strophe:

"Als mir mein Liebchen die Folgen unserer Liebe gesteht,
hab ich meinen Hosenlatz verflucht und zugenäht."

Heinz Küpper führt in "Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache" (Stuttgart 1984) die Strophe wie folgt fort:

"Doch als sie gar zu sehr geflennt,
hab ich ihn wieder aufgetrennt."

Roter Faden

Der rote Faden

Unabdinglich für eine Rede oder eine Geschichte schlängelt er sich durch die Handlung und hält ihren Sinn zusammen: der rote Faden. Nur, woher stammt die sinnbildliche Bedeutung des roten Fadens? Und warum muss er ausgerechnet rot sein?

Erklärung

In der Literatur taucht der rote Faden erstmals im Jahr 1809 auf, in Johann-Wolfgang Goethes "Wahlverwandschaften." Goethe bezieht sich darin auf die Besonderheit der englischen Flotte: Die Royal Navy flicht rote Fäden als Erkennungszeichen in ihre Taue. Diese roten Fäden überträgt Goethe auf die verbindenden Gedanken zu seiner literarischen Figur Ottilie. "Wir hören von einer besondern Einrichtung bei der englischen Marine. Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören."

Verlorener Faden

Den Faden verlieren

Bloß nicht den Faden verlieren! Wem der abhanden kommt, der weiß nicht mehr weiter. Aber welchen Faden denn überhaupt?

Erklärung

Der Ursprung dieser Redensart findet sich in der griechischen Mythologie, genauer in der Sage um "den Faden der Ariadne". Der Überlieferung nach hauste im Reich des König Minos auf Kreta der Stier Minotaurus in einem Labyrinth. Derjenige, der den Stier tötet, sollte Minos Tochter Ariadne zur Frau bekommen. Ariadne selbst war in Theseus verliebt, dem sie für den beschwerlichen Weg durch das Labyrinth ein Fadenknäuel mitgab, damit er wieder sicher aus dem Irrgarten herausfand. Der Plan funktionierte. Theseus verlor den Faden nicht und meisterte das Labyrinth mit Bravur.

Aus dem Nähkästchen

Aus dem Nähkästchen plaudern

Zur gepflegten Dame des 19. Jahrhunderts gehörte ein Nähkästchen genauso dazu wie zur Business-Frau heute das Schminkköfferchen. Gemeinsam traf man sich zum Häkeln und Stricken und tauschte neben Zwirn und Faden gleich die neuesten Geschichten aus.

Herkunft

Das Nähkästchen war ein Accessoire, dass für gewöhnlich nie in Männerhände fiel. Zwischen Nadel und Faden lag daher so manches Geheimnis verborgen. Es war nicht nur der Aufbewahrungsort für Handwerkszeug, sondern eignete sich hervorragend, um geheime Briefe oder persönlichen Krimskrams zu verstecken. Populärstes Beispiel ist das Nähkästchen von Fontanes Effi Briest. Ihr Mann fand darin Briefe, die sie ihrer Affäre überführten.

08/15

Etwas ist null-acht-fünfzehn

Es gibt 08/15-Klamotten, 08/15-Essen und 08/15-Autos. Prinzipiell ist die 08/15-Welt so groß wie das Reich des Alltäglichen. Gebraucht man den Ausdruck 08/15, will man etwas beschreiben, das jeder schon kennt und es als "nichts Besonderes" abstempeln.

Erklärung

Das Maschinengewehr 08/15 war das Standard-MG der deutschen Truppen im Ersten Weltkrieg. Jeder Soldat wurde damit ausführlich gedrillt, bis er alle Einzelteile in- und auswendig kannte. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Begriff für veraltete Massenware und überhaupt alles, mit dem man sich bis zum Überdruss beschäftigen musste, gebräuchlich. 08/15 wurde so zu einem Synonym für Standard.

Mir schnuppe!

Das ist mir schnuppe

"Es ist mir schnuppe, dass das Schnupperangebot des Anti-Schuppenshampoos auch Schnupfen vorbeugen soll." Ist einem etwas schnuppe, steht man der Sache gleichgültig gegenüber und es ist einem einerlei. Aber warum nur?

Erklärung

Als "Schnuppe" bezeichnet man das verkohlte Ende des Kerzendochts. Etwas absolut Wertloses und Uninteressantes. Die umgangssprachliche Wendung, dass einem etwas Schnuppe ist, beschreibt mit dem Ausdruck der wertlosen Schnuppe etwas für einen persönlich völlig Unwichtiges. Auch die Sternschnuppen kamen so zu ihrem Namen. Sie sind Gesteinsbrocken, die durch den Aufprall mit der Erdatmosphäre verglühen.

Dasselbe in Grün

Dasselbe in Grün

"Das ist doch dasselbe in Grün!" ruft man aus, wenn sich zwei Dinge nur unerheblich voneinander unterscheiden. Der Ursprung dieser Redensart kommt nicht, wie die Farbe vermuten lässt, aus der Malerei, sondern ist in den Anfängen der Automobilbranche entstanden.

Erklärung

Opel führte nach dem Ersten Weltkrieg 1924 als erstes deutsches Unternehmen die Serienfertigung am Fließband ein. Produziert wurde der Kleinwagen "Opel Laubfrosch" - den es nur in grüner Farbe zu kaufen gab. Doch der Wagen war keine Neuerfindung, sondern die identische Kopie des französischen Citroen 5CV aus dem Jahr 1921. Der einzige Unterschied: Statt gelb wurde der Wagen grün lackiert und war so "Dasselbe in grün."

Gardinenpredigt

Eine Gardinenpredigt halten

ER kommt sturzbetrunken nach Hause. SIE riecht seine Fahne schon, als er zur Tür herein kommt. ER wollte eigentlich schon vor Stunden daheim sein, um mit IHR ins Theater zu gehen. SIE ist jetzt aber stocksauer und macht dafür das Theater zu Hause. Mit einer Gardinenpredigt.

Erklärung

Der Ausdruck Gardinenpredigt stammt aus der Zeit, als es üblich war, zum Schutz vor Blicken und Kälte Vorhänge um das Bett herum aufzuhängen. Wenn die Frau schon im Bett lag, während ihr Ehemann noch nächtliche Ausflüge unternahm, wurde die Gardine zugezogen. Kehrte der Ehemann in den Augen seiner Frau zu spät zurück, musste er sich vor zugezogener Gardine die Strafpredigt seiner aufgebrachten Frau anhören.

Treulose Tomate

Treulose Tomate

Welches Gericht passt nicht in die Reihe: Tomatensalat, Tomatencremesuppe, treulose Tomate oder Spaghetti mit Tomatensoße? Für alle ohne Tomaten auf den Augen ist das Ergebnis ganz klar.

Erklärung

Natürlich sollte die treulose Tomate nicht mit den anderen Gerichten in einem Atemzug genannt werden. Sie ist viel mehr mit Eigenschaften wie Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit und Untreue gleichzusetzen. Denn die treulose Tomate ist ein ganz besonderes Gemüse. Ihr wichtigstes Merkmal ist ihre Erntezeit: Nie dann, wenn man Lust darauf hat.

Die Redensart "Treulose Tomate" hat ihren Ursprung im 1. Weltkrieg. Damals war Italien zuerst mit Deutschland verbündet, erklärte sich 1915 aber für die Gegenpartei. Ein Treuebruch, der auch für die Sprachwissenschaft Folgen hatte. Zur weiteren Erklärung muss man wissen, dass in Italien aufgrund des günstigeren Klimas viele Tomaten gezogen und gegessen wurden. In Deutschland dagegen waren diese Früchte noch relativ selten, zudem wuchsen die Pflanzen nicht so gut. Und so setzte man die treuebrüchigen, tomatenessenden Italiener mit den im Wachstum unzuverlässigen Tomaten gleich.

Senf dazu

Seinen Senf dazugeben

Egal ob süßen, scharfen oder groben: Wer sprichwörtlich seinen Senf zu etwas gibt, sagt ungefragt seine Meinung.

Erklärung

Die Redensart "Seinen Senf dazugeben" wurde erst im Sinne von "durch Witz und Derbheiten ein Gespräch würzen" gebraucht, dann wandelte es sich zu "das schärfste Wort dazu sagen". Erst später erhielt es die heute gültige oft verächtlich gebrauchte Bedeutung.

Alles in Butter?

Alles in Butter?

Es ist ein grauer Februartag, die Sonne ist nirgendwo zu sehen. Die Mundwinkel hängen herunter, der Blick geht vom Arbeitsplatz ins Leere. Da kommt ein wohlmeinender Kollege vorbei und fragt besorgt: "Und? Bei Dir alles in Butter?" Doch was hat Streichfett eigentlich damit zu tun, ob etwas in Ordnung ist?

Erklärung I

Ganz eindeutig geklärt ist die Frage nicht, was es mit der sprichwörtlichen Butter auf sich hat. Möglicherweise entstand die Redensart aufgrund des Konkurrenzkampfes von Butter und Margarine. Letztere wurde ab 1875 fabrikmäßig in Deutschland hergestellt. Ein Berliner Gastwirt stellte angeblich ein Schild mit der Aufschrift "Alles in Butter" in sein Fenster, um den Gästen das Essen schmackhaft zu machen. Gemeint war: Hier wird mit guter Butter gekocht, nicht mit Margarine oder billigem Fett.

II

Eine andere Erklärung besagt, dass die Redensart auf die Zeiten zurückgeht, als es weder asphaltierte Straßen noch Styropor oder Luftpolsterfolie gab. Trotzdem mussten auch im Mittelalter schon zerbrechliche Gläser oder Porzellan mit Pferdewagen auf schlechten Straßen transportiert werden. Um zu verhindern, dass die wertvolle Fracht auf dem Weg zerbricht, wurde sie "eingebuttert": Dazu wurden die zerbrechlichen Gegenstände in Fässer mit geschmolzener Butter gelegt. Nachdem die Butter abgekühlt war, bildete sie dann einen festen Schutzmantel um das kostbare Gut, das ganz wörtlich "in Butter" war. Am Zielort angekommen wurde die Butter dann erneut erhitzt und abgegossen.

Fettnäpfchen

Ins Fettnäpfchen treten

Achtung Fettnäpfchen! Wer ungeschickt hineintritt, verdirbt es sich umgangssprachlich mit jemandem und zieht sich dessen Unmut zu.

Erklärung

Diese Redensart stammt aus der Zeit, wo Fett noch nicht 100-grammweise und in Silberpapier gewickelt im Supermarkt um die Ecke zu kaufen war. Dementsprechend sparsam ging man damit um. In Bauernstuben stand damals zwischen Tür und Ofen ein Napf mit Fett, mit dem man sich die Stiefel einfetten konnte. Kippte man aus Versehen den Napf um, zog man sich den Groll der Hausfrau zu. Andere Quellen belegen, dass es sich beim Fettnäpfchen auch um einen Topf vor dem Kamin handeln könnte. Hierein sollte das Fett des zum Räuchern aufgehängten Schinkens tropfen. Wie auch immer, hineintreten sollte man in keinem Fall.

Springender Punkt

Das ist der springende Punkt

Sie sitzen in einem Geschäftsmeeting und ergreifen energisch das Wort: "Der springende Punkt ist doch: Wenn wir das Produkt nicht entwickeln, macht es die Konkurrenz." Alle anderen nicken zustimmend, sie haben verstanden, was der springende Punkt ist: der entscheidende Sachverhalt, auf den es ankommt. Aber woher stammt der Ausdruck?

Erklärung

Intensivmediziner aus dem Fachbereich Herzchirurgie hatten einmal ihre Tagung unter das Motto "Der springende Punkt" gestellt. Damit lagen die Mediziner durchaus richtig, denn der Ursprung der Redewendung kommt im weitesten Sinne aus dem medizinisch-biologischen Bereich. Er geht zurück auf den griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.). In seiner wissenschaftlichen Schrift "Historia Animalium" untersuchte er Lebewesen und deren Körperteile. In einem Kapitel schildert er, wie sich im Weißen eines Vogeleies das Herz eines werdenden Vogels zeigt, nämlich "so groß wie ein Punkt, blutfarben im Weißen." Dieser Punkt springe und bewege sich wie ein lebendiges Wesen. In der lateinischen Übersetzung heißt es: "Quod punctum salit iam et movetur ut animai." Daraus wurde dann verkürzt "punctum saliens". Übersetzt man diesen Ausdruck ins Deutsche, landet man beim springenden Punkt. Bei ungeborenen Babys verhält es sich übrigens ähnlich wie bei ungeschlüpften Küken. Die erste Bewegung, die der Arzt im Ultraschallbild erkennt, ist der Herzschlag. Und der sieht aus wie ein springender Punkt. Deshalb lagen die Herzchirurgen schon ganz richtig mit dem Motto ihrer Tagung.

Drückender Schuh

Wo drückt der Schuh?

Wenn Sie ein Gesicht wie zehn Tage Regen ziehen und deprimiert durch die Gegend schleichen, kann es schon passieren, dass Sie jemand fragt: "Na, wo drückt der Schuh?" Was hat denn die Gemütslage mit dem Schuh zu tun?

Erklärung

"Nemo scit praeter me, ubi me soccus premat", sagten schon die alten Römer. Hä, nix Latein?! Übersetzt heißt das: "Niemand außer mir weiß, wo mich der Schuh drückt." Und das wiederum heißt so viel wie: "Nur ich selbst kenne meine Sorgen und meinen Kummer." Der Römer Paulus Aemilius scheint Kummer mit seiner Ehefrau gehabt zu haben. In einem Merkbüchlein für junge Eheleute, das der griechische Schriftsteller Plutarch verfasst hat (um 100 n. Chr.), wird Paulus Aemilius gefragt, warum er sich von seiner edlen, reichen und schönen Frau habe scheiden lassen. Er zeigte nur auf seinen Schuh und sagte: "Auch er ist schön, neu und kostbar, doch keiner weiß, wo er mich drückt."

Umgekehrter Schuh

Umgekehrt wird ein Schuh draus

"Umgekehrt wird ein Schuh draus" sagt man zu jemandem, der gerade etwas falsch herum macht, der es also einfach mal andersrum versuchen sollte.

Erklärung

Der Ausdruck ist seit Mitte des 18. Jahrhunderts bezeugt. Der Ursprung ist nicht sicher, aber man vermutet, dass er auf einen Arbeitsschritt der Schuhmacher zurückgeht. Um die versteckten Nähte im Inneren des Schuhs zu nähen, wurde der Schuh früher gewendet, also das Innere nach außen gedreht. Anschließend musste er wieder "umgekehrt" werden, damit ein Schuh draus wurde.

In die Schuhe schieben

Jemandem etwas in die Schuhe schieben

Vom Nikolaus lässt man sich in der Regel gerne etwas in die Schuhe schieben: Mandarinen, Nüsse und Schokolade. Aber wenn andere einem etwas in die Schuhe schieben, dann ist das meist gar nicht nett. Der Ausdruck bedeutet "jemandem die Schuld geben" beziehungsweise "jemandem das eigene Vergehen zur Last legen".

Erklärung

Wahrscheinlich geht die Redensart auf das Verhalten mancher Landstreicher zurück. Vor einer drohenden Kontrolle haben sie ihr Diebesgut gerne arglosen Bürgern, die in der gleichen Herberge übernachtet haben, in die Schuhe gesteckt. Vielleicht hätten diese ihre Stiefel über Nacht lieber nicht ausziehen sollen.

Stein im Brett

Einen Stein im Brett haben

Wenn Sie bei jemandem einen Stein im Brett haben, dann haben Sie ganz gute Karten. Denn das bedeutet, dass Sie dieser Person sympathisch sind. Mit Kieselsteinen oder einem Brett vorm Kopf hat diese Redensart aber wenig zu tun.

Kleiner Exkurs

Vielmehr geht es hier um ein Brettspiel. Im 14. Jahrhundert saßen zwei Ritter, nennen wir sie Siegfried und Kunibert, im Schatten einer Linde. Sie tranken Wein und spielten ein Brettspiel mit Würfeln, das so ähnlich aussah wie unser heutiges Backgammon. Für das Spiel gab es mehrere Namen: Wurfzabel, Trictrac oder auch Puff. Puff? Dieses Wort hat doch eine andere Bedeutung, denken Sie sich jetzt vielleicht. Tatsächlich nennt man ein Bordell auch Puff, weil dieses Spiel früher oft in solchen Etablissements gespielt wurde. Aber das ist eine andere Geschichte. Wir bleiben lieber bei Siegfried und Kunibert unter der Linde. Siegfried hatte mehr Glück und Geschick beim Spielen, er konnte seine Steine besser platzieren als Kunibert. Er hatte also einen "guten Stein im Brett". Kunibert, völlig chancenlos, verlor das Spiel, schwang sich auf sein Pferd und ritt beleidigt davon.

Erklärung

Ob sich diese Geschichte jemals so zugetragen hat, wissen wir natürlich nicht. Was wir aber wissen ist, dass die Redewendung "Einen Stein im Brett haben" sich tatsächlich von dem Brett- und Würfelspiel ableitet, das im Mittelalter sehr beliebt war. Erstmalig belegt ist die Redewendung in Johann Agricolas Sprichwörtersammlung von 1529. "Ich hab eyn guten steyn im brette", schrieb er. Im 17. Jahrhundert dichtete Christian Hofmann von Hofmannswaldau: "Ich hab den besten Stein in meiner Liebsten Brett". Wer also einen guten Stein in jemandes Brett hat, der ist für diese Person so wichtig wie der beste Stein im Spielfeld und kann gewiss mit deren Sympathie rechnen. Stein heißt die Spielfigur übrigens, weil sie früher tatsächlich oft aus Stein gefertigt wurde. Auch andere harte Materialien wie Kristall wurden verwendet. Auch als die Figuren später aus Holz gemacht wurden, behielten sie den Namen Stein.

Keine Fisimatenten

Keine Fisimatenten machen

Wer Unsinn oder Faxen lassen soll, der soll "keine Fisimatenten machen". Schon viele Gelehrte haben über dieses Wort gegrübelt. Die Fisimatenten werden umgangssprachlich verwendet - man kennt sie auch in der Mundart, auf schwäbisch, badisch, hessisch und rheinisch. Dabei ist das Wort hauptsächlich in seiner Verneinung gebräuchlich. Empfohlen werden die Fisimatenten kaum. Viel lieber wird dazu geraten, doch bitte keine Fisimatenten zu machen. Fies sind die Fisimatenten jedoch nicht.

Erklärung I

Etymologisch sind sie wohl auf eine Kreuzung aus dem lateinischen visae patentes und dem mittelhochdeutschen visament(e) zurückzuführen. Die lateinischen visae patentes (literae) sind ordnungsgemäß geprüfte Patente, deren Erteilung oft langwierige bürokratische Prozesse mit sich brachte. Das mittelhochdeutsche visament(e) oder visimente beschrieb ein Wappen oder Zierrat und leitet sich vom altfranzösischen visement ab. "Lass doch diesen ärgerlich umständlichen Krimskrams!" hätte man alternativ sagen können - oder einfach: "Lass die Fisimatenten!"

II

Dass sich die Volksetymologie dieses seltsam klingenden Wortes bemächtigte, verwundert nicht. "Visitez ma tente", also "Besucht mein Zelt", sollen die französischen Offiziere den deutschen Mädchen zur Zeit der napoleonischen Revolutionskriege zugerufen haben. Das mochte besorgte Mütter dazu veranlasst haben, den Mädchen stets ein gutgemeintes "Mach aber keine Fisi ma tenten!" mit auf den Weg zu geben. Ähnliche Zurufe wurden später den spanischen Soldaten unterstellt, deren Aufforderung "visita mi tienda" ebenfalls Vorreiter unserer Fisimatenten sein könnte.

III

Noch kühner ist nur die Herleitung "je viens de visiter ma tante". Verspätete Passanten sollen sich bei Kontrollen durch die französische Wache mit einem Besuch bei der Tante herausgeredet haben. Selbst wenn sie an der Entstehung des Wortes "Fisimatenten" unschuldig sein sollte: So eine Ausrede hat die höfliche Replik "Jetzt lassen Sie mal die Fisimatenten" mehr als verdient ...

Bis in die Puppen

Aber nicht bis in die Puppen!

Ein typischer Eltern-Spruch: "Ok, du darfst heute Abend weggehen. Aber bleib nicht bis in die Puppen!" Damit meinen Mama oder Papa ja nur, dass man nicht zu spät nach Hause kommen soll. Denn wer erst mitten in der Nacht ins Bett geht, schläft am nächsten Tag vielleicht auch noch bis in die Puppen. Doch was hat das Spielzeug eigentlich damit zu tun?

Erklärung

Um herkömmliche Puppen, mit denen kleine Mädchen gerne spielen, geht es in der Redensart nicht. Sonst würde man wohl eher sagen "mit den Puppen feiern" statt "bis in die Puppen feiern". Aber wieso sollte man zum Feiern auch sein Spielzeug mitnehmen? Nein, mit den sprichwörtlichen Puppen sind vielmehr antike Statuen aus Marmor gemeint, die man in vielen Gartenanlagen findet. Macht immer noch keinen Sinn? Stimmt, aber die Erklärung geht noch weiter.

Puppen aus Marmor

Machen wir einen Ausflug nach Berlin: Dort gibt es einen Platz mit dem Namen "Großer Stern". Zu Zeiten des Preußenkönigs Friedrich II. stand dort noch nicht die berühmte Siegessäule. Damals war der Platz mit doppelten Alleen eingefasst und mit Statuen geschmückt, die der Architekt Freiherr Georg von Knobelsdorff errichten ließ. Die Berliner nannten diese Statuen etwas spöttisch "Puppen". Da der Platz früher noch ziemlich weit außerhalb des Stadtzentrums lag, mussten die Berliner einen weiten Spaziergang unternehmen, bis sie zu den sogenannten Puppen kamen. "Bis in die Puppen gehen" bedeutete also, eine weite Strecke zurücklegen. Diese räumliche Bedeutung wurde schließlich ins Zeitliche übertragen und heißt seitdem so viel wie "sehr lange".

Blau machen

Heute mach ich blau!

Keine Lust, in die Arbeit zu gehen? Im Bett ist es viel gemütlicher als im Büro und ein Nachmittag im Garten klingt verlockender als einer am Schreibtisch. Machen Sie doch blau! Kleiner Scherz - wir wollen Sie doch nicht zum Faulenzen überreden. Aber wir erklären Ihnen, woher die Redensart kommt und was die Farbe mit dem freien Tag zu tun hat.

Erklärung I

Blau machen kann man zwar an jedem Tag der Woche, doch eigentlich ist der Montag der klassische Blau-mach-Tag. Denn die Redensart ist eine verkürzte Form von "blauen Montag machen". Nun könnte man meinen, dass trinklustige Männer vom Wochenende noch so viel Alkohol im Blut hatten, dass sie am Montag noch blau waren und sich daher die Redensart "blauen Montag machen" eingebürgert hat. Doch mit Alkohol hat das alles nichts zu tun. Ab dem späten Mittelalter bis in die Neuzeit hinein hatten die Handwerksgesellen am Montag frei. Sie konnten sich ausruhen und sagten dazu "Montag halten" oder "guter Montag". Aber warum wurde der Tag dann blau? Wie so oft gibt es unterschiedliche Deutungen. Eine davon geht auf das Färber-Handwerk zurück.

II

Wolle wurde früher mit Waid - einem indigoartigen Farbstoff - blau gefärbt. Das war eine langwierige Angelegenheit. Den ganzen Sonntag über lag die Wolle im Farbbad, am Montag musste sie ebenso lang an der Luft getrocknet werden. Die Gesellen hatten während dieser Zeit nichts zu tun und konnten den Montag frei oder eben blau machen.

III

Eine andere Erklärung beruft sich auf die Kleiderordnung des Mittelalters. Jedem Stand war eine Farbe zugeordnet. Handwerker hatten - wie auch die Bauern - graue Kleidung zu tragen. Nur an Sonn- und Feiertagen gingen sie blau gekleidet. Wenn nun die Handwerker montags nicht arbeiteten und sich stattdessen ihr blaues Sonntagsgewand anzogen, konnten sie vom blauen Montag sprechen. Dieser stand im Gegensatz zum grauen Alltag.

Info: Blau

Blau galt früher als die Farbe der Täuschung. Daher kommt sowohl die Redensart "Das Blaue vom Himmel herunterlügen" als auch "Sein Blaues Wunder erleben". Das "blaue Blut" hingegen heißt deshalb so, weil die spanischen Adligen im 5. und 6. Jahrhundert einer helleren Rasse angehörten als die meisten Spanier und ihr Blut daher deutlicher durch die Haut schimmerte.

Abgebissener Faden

Da beißt die Maus keinen Faden ab

Die umgangssprachliche Bedeutung dieser Redensart ist zunächst klar: Wenn die Maus keinen Faden abbeißt, ist eine Situation eben so, wie sie ist und man kann nichts daran ändern.

Erklärung I

Die Herkunft dieser Wendung ist allerdings fadenscheinig und umstritten. So behauptet der Volkskundler Lutz Röhrich, dass ihr Ursprung etwas mit der Verehrung der heiligen Gertrud von Nivelles zu tun hat. Sie ist die Patronin der Früchte im Feld. Daher soll man am Tag der heiligen Gertrud (17. März) mit der Feldarbeit beginnen und die Hausarbeit wie Spinnen oder Nähen beiseite legen. Wer das Gebot missachtet, dem beißt die Maus den Faden ab.

II

Eine andere Erklärung ist da weitaus brutaler und geht auf ein altmodisches Mausefallen-Modell zurück. In einem Holzkästchen wurde ein Köder ausgelegt und davor ein Faden gespannt, damit die Maus nicht ungehindert an die Beute kam. Beißt die Maus den Faden ab, wird ein Federmechanismus ausgelöst und sie wird erschlagen. Beißt die Maus keinen Faden ab, ändert sich auch nichts an der Situation.


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