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Entwicklung der Sprache Sprechen ab dem ersten Schrei

Babys schreien nicht, sie üben Sprechen. Kein Witz, sondern wissenschaftlich erwiesen. Später wird aus dem Weinen ein Gebrabbel und schließlich die erste Unterhaltung. Die Grundlagen dafür werden schon im Mutterleib gelegt.

Stand: 10.12.2015

"Sag doch mal 'Mama'! Maaama. Oder 'Papa'! Paaapa." Sprechen lernen Babys nicht erst, wenn die Eltern ihnen zehn Mal hintereinander "Mama" und "Papa" vorsagen, sondern längst vorher. Schon vor der Geburt: Im Bauch der Mutter hören sie nicht nur ihren Herzschlag, sondern registrieren auch, wie sie spricht. Für melodische und rhythmische Strukturen sind sie hoch sensibel. Direkt nach der Geburt können sie ihre Muttersprache bereits erkennen. "Das hat man gemessen bei wenige Stunden alten Neugeborenen: Wenn sich die Muttersprache in ihren melodisch rhythmischen Eigenschaften deutlich von einer anderen Sprache unterscheidet, die ihnen angeboten wird, dann entscheiden sich die Neugeborenen für die Muttersprache", erzählt Kathleen Wermke, Stimmforscherin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

"Die Neugeborenen bevorzugen genau diejenigen Melodiemuster, die für ihre jeweiligen Muttersprachen typisch sind."

Kathleen Wermke, Stimmforscherin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Babys schreien in ihrer Muttersprache

Babys können jedoch nicht nur früh Sprache wahrnehmen, sondern sie auch umsetzen. Kathleen Wermke hat mehr als 20.000 Babylaute analysiert und entdeckt: Die Schreie der Babys basieren weltweit auf angeborenen Ur-Melodiebausteinen. In ihren Schreimelodien spiegeln sich von Anfang an die melodischen Vorlieben der jeweiligen Muttersprache wider. Ein Vergleich zwischen weinenden deutschen und französischen Babys zeigte: "Schon bei drei Tage alten Neugeborenen bevorzugen französische Babys jene Melodiebögen, die am Ende betont sind. Die deutschen Babys erzeugen häufiger Melodiebögen, die am Anfang betont sind", erzählt Kathleen Wermke. So werden die typischen Intonationsmuster der Muttersprache von Anfang an geübt. Und später rufen Kinder in Deutschland nach dem auf der ersten Silbe betonten Pá-pa und in Frankreich nach dem auf der zweiten Silbe betonten Pa-pá.

"Die im Weinen trainierten Melodiemuster sind Bausteine für die nachfolgenden Lautproduktionen, wie dem Gurren und Babbeln, bis hin zu den ersten Worten und Sätzen."

Kathleen Wermke, Stimmforscherin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Sprache beginnt mit dem ersten Schrei

Im Weinen finden sich bereits die Grundlagen für das spätere Sprechen.

In den ersten Weinlauten der Babys findet man bereits die Grundlagen für das spätere Sprechen. Je älter sie sind, umso mehr Bausteine kombinieren und variieren sie zu komplexen Schreimelodien. Mit etwa zwei Monaten produzieren sie die sogenannten Gurrlaute, nach drei bis vier Monaten die ersten Babbellaute, die schon sehr sprachähnlich klingen. Im Alter zwischen zehn und 14 Monaten taucht dann meist das erste richtige Wort auf. "Das wirklich Entzückende ist, dass dieser Übergang in der Regel ziemlich graduell ist. Die ersten Wörter haben eine bestimmte Lautform, die knapp an der Form des erwachsenen Wortes dran liegt. Aber die Kinder verpeilen es trotzdem entzückend genau", erzählt Gisela Klann-Delius, Spracherwerbsforscherin an der Freien Universität Berlin. "Ich hatte mal ein Kind, das hat immer wieder gesagt: 'Datch. Da Datch'. Es meinte die 'Tasche'."

"Und mit diesem Übergang vom Brabbeln zu den konventionellen Lautformen robben sich die Kinder so langsam an die entsprechende Erwachsenenform heran."

Gisela Klann-Delius, Spracherwerbsforscherin an der Freien Universität Berlin

Von der gelben Badeente zur echten Ente

Babys wissen, dass das eine Ente ist. Aber nur, wenn sie gelb ist und mit ihnen badet.

Gisela Klann-Delius interessiert sich auch dafür, ab wann Kinder eine bestimmte Lautform verwenden, um wirklich etwas damit zu benennen. Die ersten Wörter benutzen Kinder in ganz konkreten, vertrauten, alltäglichen Situationen - zum Beispiel beim Baden. Klann-Delius beschreibt die Situation so: "Also ich werde in die Wanne gesteckt, das Wasser ist warm und angenehm, und es taucht etwas Gelbes auf, zu dem meine Mutter sagt: 'Ente'. Und nach einer Weile kommt dann das Kind auch auf die Idee, das zu imitieren und sagt auch 'Ente'." Die Bedeutung von "Ente" ist für das Kind dann einfach das, was es in dieser Situation mit diesem gelben schwimmenden Ding verbindet. "Das heißt noch lange nicht, dass das Kind die Wortbedeutung erworben hat, die Erwachsene haben, die dann wissen, dass Enten eine Art von watschelnden Tieren sind."

Generalisieren, kombinieren, variieren, parlieren

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Davon, dass die Bedeutung eines Wortes zunächst von einer ganz bestimmten Situation abhängig ist, lösen sich Kinder nach und nach. Dann sprechen sie zum Beispiel auch über Personen und Dinge, die im Moment gar nicht da sind. Sie lernen zu generalisieren. Das passiert erst langsam: Mit 18 Monaten beherrschen Kinder im Schnitt einen Wortschatz von rund 50 Vokabeln. Danach legen sie jedoch einen regelrechten Wortschatz-Sprint hin: Mit zwei Jahren fangen sie an, immer mehr zu kombinieren und eignen sich neben Vokabeln auch Grammatik an. Mit drei Jahren verwenden und verstehen sie bereits einfache Verben, Präpositionen, Adjektive und Pronomina. Mit vier, fünf Jahren haben sie schließlich das Wichtigste geschafft: Sie können sich auch in längeren Unterhaltungen verständlich ausdrücken - auch wenn sie manchmal noch über längere und komplexe Wörter stolpern.

Kinder selbst mit Sprache füttern

Damit Kinder den Weg vom ersten Schrei bis zur komplexeren Unterhaltung gut meistern, ist es wichtig, sie mit "Sprachdaten" zu füttern. Diese Aufgabe sollten Menschen, nicht Maschinen übernehmen: "Wir Menschen sind nun mal soziale Wesen. Und wenn uns das soziale Umfeld schlicht fehlt, also eine Person, die spricht, die ja nicht nur Laute absondert, sondern das in einer bestimmten Melodie tut und dazu einen bestimmten Gesichtsausdruck macht, dann ist die interessant. Wenn so ein Datenlieferant fehlt und nur schiere Hördaten geliefert werden, ohne diese zusätzlichen Attraktionen, dann kommt das bei den Kindern nicht an", erläutert Gisela Klann-Delius und verdeutlicht:

"Das ist auch in Studien nachgewiesen worden: Wenn man Kleinkinder nur vors Radio oder die Glotze setzt, dann ziehen sie daraus wenig Nutzen."

Gisela Klann-Delius


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