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Sigmund Jähn Der erste Deutsche im All

Am 26. August 1978 brach Sigmund Jähn ins All auf. Als erster Deutscher überhaupt. In acht Tagen umrundete er 125 Mal die Erde. Sein Ausflug bescherte dem gelernten Buchdrucker ein Rückenleiden - und ewigen Ruhm.

Stand: 13.02.2017

Vom Buchdrucker zum Jagdflieger, dann Kosmonaut und schließlich Volksheld - eine steile Karriere, die Sigmund Jähn mithilfe einer ganz schön steilen Aktion hingelegt hat: Am 26. August 1978 wird er in seinem Sitz festgeschnallt, dann geht es mit Getöse und Gerüttel senkrecht nach oben. In Baikonur hebt die Sojus 31 ab, die den sowjetischen Kommandanten Valerij Bykowski und den ostdeutschen Kosmonauten Sigmund Jähn in den Weltraum befördert. Kaum ist der lange Feuerschweif am Himmel verloschen, titelt eine Sonderausgabe des "Neuen Deutschland": "Der erste Deutsche im All, ein Bürger der DDR".

Reise beschert Jähn Ruhm - und ein Rückenleiden

Stolz und doch verletzt: Bei der Landung hat sich Jähn an der Wirbelsäule wehgetan.

In sieben Tagen, 20 Stunden und 49 Minuten umrundete der Weltraumpionier aus Sachsen 125 Mal die Erde, stattete der sowjetischen Raumstation Saljut 6 einen Besuch ab, machte Fotos von der Erdoberfläche und führte verschiedene Experimente an Bord durch.

Die enorme Anspannung beim Start, die Schwerelosigkeit und die in leuchtendes Blau gehüllte Erde werde er wohl nicht vergessen, erinnert sich Jähn. Die unsanfte Landung am 3. September 1978 aber auch nicht: In der kasachischen Steppe überschlägt sich die Rückkehrkapsel mehrmals, Jähn wird an der Wirbelsäule verletzt und trägt ein dauerhaftes Rückenleiden davon. In der Propagandamaschinerie der SED fand das natürlich keinen Platz.

Der perfekte sozialistische Volksheld

Volksheld Sigmund Jähn

Schon während der Mission zeigte das DDR-Fernsehen Sondersendungen mit Liveschaltungen ins Weltall, doch der wirkliche Rummel begann erst nach der Landung: Kaum zurück, wurde Sigmund Jähn mit Orden und Ehrenbürgerschaften überhäuft, auf Rundreisen und Empfängen herumgereicht. Sein Gesicht prangte auf Plakaten, Briefmarken und Gedenkmünzen. Schulen, Kindergärten und andere öffentliche Einrichtungen wurden nach ihm benannt. Für die SED verkörperte er den perfekten Volkshelden, mit dem sich die Überlegenheit des Arbeiter- und Bauernstaates gegenüber der kapitalistischen BRD demonstrieren ließ: Der Sohn eines Arbeiters, der es mit Fleiß als erster Deutscher ins All schafft. Der Westdeutsche Ulf Merbold, der übrigens ebenfalls aus dem Vogtland stammt, aber vor dem Mauerbau 1961 in den Westen geflohen war, sollte schließlich erst fünf Jahre später folgen.

"Mir war der Rummel eher peinlich"

Verlegen lächelte er 1999 bei der Verleihung der "Goldenen Henne" in die Kamera.

Dem kosmischen Überflieger selbst war die Lobhudelei eher zuwider, er blieb bescheiden und bodenständig. Schon damals betonte Jähn, er fühle sich nicht als "Held der Sowjetunion". Dass gerade er für diesen historischen Flug ausgewählt wurde, sei auch "mit Zufall und Glück" verbunden gewesen. Gern drückte er sich vor Pflichtauftritten und machte aus den vorbereiteten Reden lieber seine eigenen. In einem Interview erzählt er: "Mir war der Rummel eher peinlich. Aber ich habe das als eine Art Dank betrachtet."

"Wenn er etwas sagt, dann hat man das Gefühl, das Herz spricht mit. Das sind mir die liebsten Leute."

Johann-Dietrich Wörner, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) über Sigmund Jähn

Ulf Merbold hilft beim Neustart

Der zweite Deutsche im All hilft beim Neustart.

Nach dem Mauerfall dann der große Einschnitt: Die Bundeswehr wollte Offiziere der Nationalen Volksarmee wie Jähn nicht weiter beschäftigen. "Für mich wurde das Ende der DDR zunächst zum real existierenden Problem", fasst Jähn selbst zusammen. "Ich verlor am 2. Oktober 1990 meine Existenzgrundlage." Unterstützung kam ausgerechnet vom zweiten Deutschen im All: Ulf Merbold vermittelte den Kontakt, Sigmund Jähn wurde Berater für die europäische Raumfahrtorganisation ESA und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Der Sprecher des Zentrums, Andreas Schütz, bezeichnet Jähn als "Schlüsselfigur" für die Zusammenarbeit mit Moskau: "Die Russen brachten ihm eine unglaubliche Hochachtung entgegen - als Astronaut und als Mensch. Ohne Jähn wäre alles um ein Vielfaches schwerer gewesen." Ab 1992 bildete Jähn deutsche und europäische Astronauten im sowjetischen Schulungszentrum "Sternenstädtchen" bei Moskau aus, darunter auch den Deutschen Thomas Reiter.

"Die Verdienste von Sigmund Jähn für die nun erreichte internationale und friedliche Zusammenarbeit im Weltraum können nicht hoch genug eingeschätzt werden."

Sigmar Wittig, Vorstandsvorsitzender des DLR von 2002 bis 2007

Die unendlichen Weiten faszinieren noch immer

Sigmund Jähn wurde vielfach ausgezeichnet, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen wurden nach ihm benannt.

Noch heute reist Sigmund Jähn zu Vorträgen und Lesungen, das Interesse an ihm ist vor allem in den neuen Bundesländern ungebrochen. An seinen legendären Weltraumflug erinnert die Deutsche Raumfahrtausstellung in seinem Heimatort Morgenröthe-Rautenkranz in Sachsen. Zu sehen sind dort unter anderem Raumanzüge, wie sie Jähn getragen hatte.

Sigmund Jähn - Kurzlebenslauf

  • Der ostdeutsche Weltraumpionier wurde am 13. Februar 1937 in Morgenröthe-Rautenkranz (Sachsen) als Sohn eines Sägewerkarbeiters geboren.
  • Er lernte zunächst Buchdrucker, entschied sich 1955 aber für eine Laufbahn in der Nationalen Volksarmee (NVA) und wurde Luftwaffenoffizier. Er war einer der ersten Düsenjägerpiloten der DDR-Luftstreitkräfte. 1965 holte er sein Abitur nach. Den Feinschliff als Flieger erhielt er während seines Studiums an der Militärakademie der Sowjetischen Luftstreitkräfte.
  • Im Sommer 1976 schlug die Sowjetunion vor, Kosmonautenkandidaten aus den sogenannten Interkosmos-Ländern zu einem neuen Raumfahrtprogramm heranzuziehen. Aus 30 Kandidaten blieben zwei übrig: Sigmund Jähn und Eberhard Köllner.
  • Um den Jahreswechsel 1976/1977 zogen die beiden unter absoluter Geheimhaltung samt ihrer Familien nach Moskau um. Nach zweijähriger Ausbildung machte schließlich Jähn das Rennen.
  • Am 26. August 1978 brach der DDR-Bürger ins All auf und kehrte am 3. September 1978 zurück.
  • In den 1990er-Jahren brachte er im Schulungszentrum "Sternenstädtchen" bei Moskau die internationale Zusammenarbeit im Auftrag des DLR und der ESA voran.
  • Heute lebt der zweifache Vater mit seiner Frau in Strausberg bei Berlin.

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