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Geschichte des Hausschweins Auf das Schwein gekommen

Schweine können mehr als Wurst und Schnitzel: Sie sind domestizierte Wilde mit bewegter Geschichte, waren Seefahrer, Erntehelfer, Jagdgefährten - und standen sogar schon vor Gericht. Buchstäblich gingen sie durch dick und dünn.

Stand: 04.03.2015

Hausschweine | Bild: colourbox.com

Die Geschichte beginnt mit den behaarten Jägern und Sammlern auf vier Beinen: Wildschweine durchstreifen seit Jahrmillionen die Wälder und fressen alles, was ihnen vor die Schnauze kommt. Dem Menschen geht das scheue Borstentier normalerweise aus dem Weg. Vor rund 10.000 Jahren muss es dem gerade sesshaft gewordenen Zweibeiner in China und im Vorderen Orient aber doch ins Gehege gekommen sein. Anfangs wurde der Nahrungskonkurrent noch verscheucht. Doch das ständige Vertreiben wurde zu lästig, der Widersacher kurzerhand eingesperrt - und zum lebendigen, billigen Fleischvorrat: Extra Futter musste man den Tieren nicht beschaffen, als Allesfresser reichten ihnen Abfälle.

Das Borstenvieh als Glücksbringer

Körper und Geist schrumpfen

Das Wildschwein wurde nach dem Wolf und wahrscheinlich zur gleichen Zeit wie das Schaf, die Ziege und das Rind domestiziert. Nach nur zehn Generationen war es kaum mehr wiederzuerkennen: Körper und Gehirn schrumpften, der Schädel wurde kürzer, die Sinnesleistungen ließen nach. Damit durchlebte auch die wilde Sau eine für Haustiere typische Entwicklung. Schon die Erbauer der Pyramiden versorgten sich mit eigenen Schweineherden mit Fleisch.

Erste Europäer

Rund 5.000 Jahre vor Christus ging die lebendige Fleischreserve auf die Reise: Die Menschen aus dem Nahen Osten nahmen sie auf den großen Flüssen mit nach Norden. Etwa 4.000 vor Christus erreichten die ersten Hausschweine Paris. Trotzdem sind diese ersten Europäer nicht die Vorfahren unserer heutigen Hausschweine. Ein Genetiker aus Oxford hat 2005 herausgefunden, dass die Gene dieser Einwanderer schon vor vielen Jahrtausenden wieder aus Europa verschwunden sind. Scheinbar haben europäische Ackerbauern das Wildschwein neu domestiziert.

Schweine als Erntehelfer

Dass Schweine aber mehr können außer Wurst und Schnitzel, das wussten bereits die Alten Griechen. Sie bildeten sie als Erntehelfer aus und nahmen sie als Saateintreter mit auf die Felder. Die Römer trieben die Züchtungen weiter voran: Muttersauen wurden einzeln gehalten und fruchtbare Tiere mit großem Schinken gezielt vermehrt. Damals gab es vermutlich auch die ersten rosafarbenen Schweine, so wie wir sie heute kennen. Ihr Fleisch war äußerst beliebt und begehrt, zeitweise war es teurer als das von Rind oder Schaf.

Vom kriminellen Schwein zum Weltreisenden

Im Mittelalter trat dann das Phänomen der kriminellen Schweine erstmals auf: Eine ganze Herde wurde wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt. Die Richter hatten jedoch Mitleid mit den armen Säuen und ließen nur den eigentlichen Übeltäter hinrichten. Gezielt zuhilfe gebeten wurden die Schweine dann zur Jagd: Weil Adlige den Bauern verbaten, Hunde zu halten, züchteten die cleveren Bauern Jagdschweine. Ab 1493 unternahmen die Schweine Weltreisen. Bei seiner zweiten Fahrt nahm Kolumbus Schweine mit an Bord und setzte acht Tiere auf der Karibikinsel Hispaniola aus. Hernando de Soto nahm 1539 einige Tiere mit auf den amerikanischen Kontinent.

Woher kommen die "faule Sau" und das "Drecksschwein"?

Ein Schwein frisst eben "wie ein Schwein": Das Tier ist ein leidenschaftlicher Allesfresser, grunzend und schlabbernd vertilgt es Unmengen. Danach muss es ein ausgedehntes Verdauungsschläfchen halten. Wieder fit, suhlt es sich ausgiebig im Schlamm, um sich abzukühlen und damit eine Dreckkruste die empfindliche, felllose Haut vor Parasiten schützt.

Eine solche Lebensweise widerspricht natürlich Werten wie Fleiß, Disziplin und Ordnung, die seit dem frühen 16. Jahrhundert zunächst das protestantische Christentum und dann viele christliche Gesellschaften prägten. Auf die arme Sau projizierten die disziplinierten, fleißig arbeitenden, aber wohl nicht glücklichen Menschen ihre schweinischen Sehnsüchte und verurteilten sie: eine Art psychische Abwehr aus Neid. "Schwein" wurde zum Schimpfwort, in all seinen Ausprägungen - bis heute.

"Dumme Sau" ist aber nicht gerechtfertigt: Schweine sind fast so schlau wie Delfine! Mit ein bisschen Dressur können sie kleinere Zahlen addieren, einzelne Buchstaben lesen und als Trüffelschweine oder Drogensucher eingesetzt werden. Und deshalb gibt es auch viele, sogar prominente Schweinefans: Thomas Mann nannte sie "bewimperte Blauäuglein", für Edgar Allen Poe waren sie "horizontale Menschen" - und Menschen "senkrechte Schweine".

Durch dick und dünn

Im 18. Jahrhundert führten die Engländer wahre Speckschweine aus ihren chinesischen Kolonien ein und entwickelten sie weiter. 1860 kamen die fetten Rassen "Large White" und "Middle White" nach Deutschland und eroberten die Herzen und Mägen der Bevölkerung. Die moderne Schweinezucht begann. Seit den späten 1950er-Jahren bevorzugen die Deutschen allerdings mageres Fleisch: Die Schweine wurden länger, dünner und erhielten ein zusätzliches Rippenpaar. Mittlerweile gibt es weltweit über 700 verschiedene Rassen, fast 300 davon sind allerdings vom Aussterben bedroht. Dafür erobert mittlerweile ihre Urform, das Wildschwein, die Innenstädte.


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