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Vor 30 Jahren Das erste deutsche Retortenbaby

4.150 Gramm, 53 Zentimeter groß und gesund - so kam Oliver W. am 16. April 1982 in Erlangen per Kaiserschnitt zur Welt. Eine Sensation, denn er war das erste Retortenbaby Deutschlands. Heute ist die künstliche Befruchtung gängige Praxis.

Stand: 16.04.2012

Was vor 30 Jahren noch zwiespältige Gefühle und eine hitzige Diskussion entfachte, ist heute medizinische Routine: Rund vier Millionen Babys sind seither weltweit mithilfe künstlicher Befruchtung gezeugt worden. Für viele Paare ist diese Methode die einzige Chance, den sehnlichen Kinderwunsch zu erfüllen. Auch schwer erkrankte Frauen wie Krebspatientinnen können durch den medizinischen Fortschritt auf ein eigenes Kind hoffen. Vor den 1980er-Jahren war dies in Deutschland noch nicht möglich.

Sehnlichster Wunsch: ein eigenes Kind

Sieben Jahre lang hatten Olivers Eltern vergeblich auf Nachwuchs gewartet. Dann begab sich das oberfränkische Paar in die Hände des wissenschaftlichen Teams um Professor Siegfried Trotnow an der Erlanger Uniklinik. Immer wieder hatten die Ärzte an Tieren ein Verfahren zur künstlichen Befruchtung durchgeführt: Mäusen und Kaninchen wurden Eizellen durch die Bauchhöhle entnommen, im Reagenzglas befruchtet und in die Gebärmutter eingesetzt. Doch erst mit der Geburt Olivers wurde das Verfahren auch zum ersten Mal in Deutschland erfolgreich bei Menschen angewandt. Als Erstem war dies dem britischen Mediziner Robert Edwards 1978 gelungen.

Zeugung außerhalb des Körpers

Das erste Retortenbaby der Welt

Robert Edwards, Lesley Brown gestorben am 6. Juni 2012) und Louise Brown mit Sohn Cameron

Neun Jahre lang hatten Lesley und John Brown vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen - dann wandte sich das verzweifelte Paar an die Mediziner Robert Edwards und Patrick Steptoe. Die beiden hatten eine Methode zur künstlichen Befruchtung im Reagenzglas entwickelt. Was zuvor nur bei Tieren gelang, führte nun zum ersten Mal auch beim Menschen zum Erfolg: Lesley Brown wurde eine Eizelle entnommen. Diese wurde gemeinsam mit Spermien ihres Mannes in eine spezielle Lösung eingelegt, in der sich die Eizelle teilen sollte. Nach zwei Tagen wurde Lesley das befruchtete Ei wieder eingepflanzt. Und im Gegensatz zu anderen Paaren zuvor, hatten die Browns Erfolg: Am 25. Juli 1978 kam ihre Tochter Louise Joy Brown gesund zur Welt.

Daten zur künstlichen Befruchtung

ESHRE

Die Europäische Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, kurz ESHRE, wurde 1985 von Robert Edwards von der Universität Cambridge und dem Pariser Forscher Jean Cohen in London gegründet. Die multidisziplinäre Fachgesellschaft widmet sich der Fortpflanzungsmedizin und Embryologie. Seit 2004 ist der Hauptsitz der Gesellschaft im belgischen Gimbergen.
Die folgenden Zahlen zur künstlichen Befruchtung stammen aus der jüngsten Erhebung aus dem Jahr 2007.

Ursachen für ungewollte Unfruchtbarkeit

In 20 bis 30 Prozent der Fälle sind phsyiologische Probleme des Mannes die Ursache.
Bei 20 bis 35 Prozent der Fälle sind es physiologische Probleme der Frau.
Bei 25 bis 40 Prozent der Fälle gebe es eine gemeinsame Ursache.

Generell hat die ungewollte Unfruchtbarkeit häufig auch mit dem Lebensstil zu tun, beispielsweise mit starkem Rauchen, Übergewicht, Stress und fortgeschrittenem Alter der Mütter.

Allerdings bleibt in vielen Fällen die Ursachensuche auch erfolglos.

Verbreitung der künstlichen Befruchtung

Weltweit wurden bisher rund vier Millionen Babys mithilfe künstlicher Befruchtung geboren.

Am stärksten verbreitet sind künstliche Befruchtungen in Europa. Laut der Zahlen aus dem Jahr 2007 wurden hier rund 71 Prozent aller registrierten künstlichen Befruchtungen durchgeführt.

Bezogen auf die Gesamtheit der Frauen ist die künstliche Befruchtung vor allem unter Skandinavierinnen stark verbreitet. So kamen in Dänemark auf eine Million Frauen 14.057 künstliche Befruchtungen; in Belgien 12.230, in Finnland 11.169 und in Island 11.083.

Methode

Unter dem Mikroskop werden Spermien in eine Eizelle injiziert | Bild: picture-alliance/dpa

In Europa wird vornehmlich die sogenannte Intra-Cytoplasmatische Sperma-Injektion (ICSI) angewandt. Dabei wird die Samenzelle unter einem Mikroskop direkt in die Eizelle gespritzt.

Ethische Bedenken

Pressekonferenz der Erlanger Ärzte, 20. April 1982

Was ist medizinisch machbar? Wie weit dürfen Mediziner gehen, um menschliches Leben zu ermöglichen? Die Geburt der ersten Retortenbabys löste eine heftige öffentliche Diskussion über die medizinische Machbarkeit und Allmacht aus. Geklonte Menschen spukten ebenso in den Köpfen der Gegner herum wie missgebildete Kinder, die nie von der Gesellschaft akzeptiert werden. Besonders die Kirche kritisierte die künstliche Befruchtung und befürchtete schlimme Folgen für die Retortenbabys:

"Babys, die aus der Kälte kommen - das sind Kinder, die künstlich hergestellt worden sind und deswegen nicht so akzeptiert werden oder selbst psychische Probleme haben - diese Bedenken haben sich nicht nachvollziehen lassen und sind empirisch nicht nachweisbar."

Andreas Frewer, Professor für Ethik in der Medizin an der Uni Erlangen-Nürnberg.

Heute: medizinische Routine

Maria W., Mutter von Oliver, streichelt ihr Baby

Inzwischen ist die künstliche Befruchtung gängige Medizin geworden, wie Ultraschall, Schwangerschafts-Vorsorgeuntersuchungen oder Fruchtwasseranalyse. Mittlerweile wird die In-Vitro-Fertilisation, wie die künstliche Befruchtung im Fachjargon heißt, auch in dafür ausgestatteten, gynäkologischen Praxen durchgeführt. Doch nicht jedes Paar kann erfolgreich behandelt werden. Zwar sind allein in Deutschland seit Olivers Geburt über 100.000 Kinder durch künstliche Befruchtung zur Welt gekommen - allein an die Universität Erlangen wenden sich jährlich rund 150 Paare - doch rund einem Drittel der Paare können die Ärzte nicht helfen. Ihr Kinderwunsch bleibt unerfüllt.

Hilfe für Frauen mit Krebsleiden

Mittlerweile stellt sich die Reproduktionsmedizin in Erlangen neuen Herausforderungen, die sich auch aus dem generellen medizinischen Fortschritt ergeben. Bei krebskranken Frauen werden durch eine Chemo- oder Strahlentherapie meistens auch die Eizellen zerstört. Die Uniklinik Erlangen hat deshalb zunächst zwei Verfahren entwickelt, mit denen das empfindliche Gewebe vor der Bestrahlung eingefroren und aufgetaut werden kann, ohne seine Funktion zu verlieren. Nach der Heilung kann das Eierstockgewebe wieder eingesetzt werden. Dadurch ist es schon mehrmals gelungen, dass die Frauen wieder Eizellen produzieren konnten.

Befruchtung einer Eizelle mit einer Injektionspipette

In einigen Jahren, so die Hoffnung der Erlanger Wissenschaftler, soll es auch möglich werden, eine gespendete Gebärmutter einzufrieren und später einer Patientin einzusetzen, damit sie ein Kind austragen kann. Doch das ist noch eine Zukunftsvision:

"Sie haben ein Organ, für das sie das Immunsystem herunterfahren müssen, damit es nicht abgestoßen wird. Und in dieses Organ kommt zusätzlich genetisches Fremdmaterial - der Mann ist die Hälfte und ein Kind ist wie ein Implantat, das mit dem Immunsystem der Mutter interagieren muss. Also das ist wirklich schon höhere Biologie, Medizin, Genetik, Immunologie, wo wir absolut keine Daten haben:"

Professor Matthias Beckmann, Direktor Frauenklinik, Universitätsklinikum Erlangen


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