Wissen

Projekt "Wildretter" Schutz für kleine Rehkitze

Jedes Jahr sterben rund 100.000 Rehkitze in den Klingen der Mähmaschinen. Fluch der modernen Technik. Doch genau die soll den Tieren auch helfen: So wird derzeit schlaue Technik getestet, die die Kitze schützen soll.

Stand: 22.05.2013

Im Mai und Juni bringen die Rehe ihre Jungen zur Welt. Und das meist im hohen Gras, um die Rehkitze gut zu schützen. Gegen ihren natürlichen Feind, den Fuchs. Die Kitze haben noch keinen Fluchtinstinkt. Viel zu staksig sind sie auf ihren dünnen, schwachen Beinen unterwegs. Wenn ein Rehkitz Gefahr wittert, duckt es sich tief ins Gras und vertraut auf seine Tarnung. Dieser Drückinstinkt ist für die ersten zwei Lebenswochen genetisch programmiert.

Mähmaschinen werden Rehkitzen zum Verhängnis

Kaum zu sehen

Genau im Mai und Juni sind auch die Mähmaschinen unterwegs. Und moderne Landmaschinen lassen den Rehkitzen kaum eine Chance: Bis zu zwanzig Stundenkilometer schnell fahren sie über die Wiesen, mit 15 Meter breiten Mähwerken. Der Bauer oben im Fahrerhaus kann die gut getarnten Kitze nicht sehen. Auch ein Spürhund hilft nicht weiter, denn junge Rehe verströmen kaum Eigengeruch - auch das ein Schutz der Natur, die nicht mit der Technik gerechnet hat.

Forschungsprojekt soll Abhilfe schaffen

Rehkitz zusammengerollt im Gras | Bild: picture-alliance/dpa zum Audio Fliegender Wildretter Drohne ortet Rehkitze im Gras

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) erforscht, wie und ob kleine fliegende Roboter zuverlässig Rehkitze aufspüren können. Derzeit werden die sogenannten "Wildretter" in der Praxis getestet. Annette Kugler war dabei. [mehr]


Porträt von Anita Weimann, Dipl.-Ing.agr. (Univ.), vom Bayerischen Jagdverband | Bild: Anita Weimann, Dipl.-Ing.agr. (Univ.) zum Audio Anita Weimann, Bayerischer Jagdverband Schutz der Rehkitze vor dem Mähtod

Ein Problem, das Landwirte alle Jahre wieder um diese Zeit haben: sie müssen ihre Wiesen mähen, und genau dort verstecken Rehe ihren Nachwuchs. Von rund 100.000 Rehkitzen pro Jahr, die in die Mähmaschinen geraten, ist die Rede. Anita Weimann vom Bayerischen Jagdverband gibt Tipps, wie Rehkitze vor dem Mähtod bewahrt werden können. Zum Beispiel mit dem fliegenden Wildretter, einer Drohne zum Aufspüren der Kitze. [mehr]

Aber Technik könnte Rehkitze vor moderner Landtechnik schützen. Dazu startete das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz 2012 ein Forschungsprojekt. Dreieinhalb Jahre lang sollen Forscher ausloten, welche Möglichkeiten moderne Technologien zum Schutz der Rehkitze bieten könnten. Beteiligt am Projekt "Wildretter" sind unter anderem die Technische Universität München und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Derzeit laufen die Praxistests für die unterschiedlichen Methoden. So werden zum Beispiel kleine fliegende Roboter von Bauern getestet. Dabei hilft ihnen auch der Bayerische Jagdverband, der sich eine Drohne angeschafft hat, um ihre Tauglichkeit zu überprüfen.

Technische Rehkitz-Schützer

Infrarot

Schon seit 1999 sind Infrarotsensoren auf dem Markt, die Rehkitze im Gras durch ihre Körperwärme aufspüren sollen. Doch das ist mühsame Handarbeit: Der Sensor ist an einer langen Teleskopstange befestigt und muss zu Fuß durchs Feld getragen werden, Meter für Meter.

Ein weiterer Nachteil: Scheint die Sonne, wird für den Infrarotsensor auch jeder aufgeheizte Erdhügel im Feld zum Kitz und er meldet einen Fehlalarm nach dem anderen. Nur frühmorgens oder bei bewölktem Himmel arbeiten die Sensoren effektiv.

Mikrowellen

Mikrowellensensoren finden Wasser, etwa in einem kleinen Rehkörper, unabhängig von Temperatur und Sonnenschein. In Kombination mit einem Infrarotsensor kann damit ein kleines Tier im Gras sehr zuverlässig aufgespürt werden. Der Kombisensor könnte seitlich am Mähwerk einer Landmaschine angebracht werden, um schon während der Mahd eines Streifens den nächsten nach Rehkitzen abzusuchen.

Doch die stabile Befestigung an Mähwerken verschiedener Hersteller ist kompliziert. Zudem müssen die Daten der beiden Sensorarten miteinander verrechnet werden, während die Vibration herausgerechnet wird. Schwierig bei dem Tempo, mit dem die Mähmaschinen unterwegs sind.

Oktokopter

Ganz schnell und unabhängig vom Mähvorgang könnte ein Oktokopter nach Rehkitzen suchen: ein kleines, ferngesteuertes Fluggerät mit einer Infrarot- und einer Videokamera an Bord. GPS-gesteuert fliegt der kleine Hubschrauber in einer Viertelstunde gut vier Hektar ab und meldet Alarm, wenn etwas Kitzartiges vor seiner Linse erscheint. Der Pilot am Boden erhält genaue GPS-Daten über das versteckte Jungtier in der Wiese.

Klingt schick, ist aber teuer. Zur Steuerung des Oktokopters ist zudem eine Zulassung nötig. Diese Methode ist nur praktikabel, wenn sich mehrere Landwirte zusammentun.

Vier Millionen Euro für neue Technologien

Mit Oktokoptern könnten Rehkitze geortet werden. Sie fliegen GPS-gesteuert und haben Kameras dabei.

Das Forschungsprojekt soll untersuchen, welche Ansätze wirklich sinnvoll und praktikabel sind. Dafür stellten Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner und Unterstützer aus der Industrie und Forschung rund vier Millionen Euro zur Verfügung. Diese Technologien sollen dann weiterentwickelt werden. Wichtig sei, dass am Ende des Forschungsprojekts eine Methode steht, die für den Landwirt praktikabel ist, sagte ein Sprecher des Bundeslandwirtschaftsministeriums dem Bayerischen Rundfunk. Das heißt: nicht zu aufwendig und nicht zu teuer.

Tipps, wie man Wildtiere retten kann

  • Die Mahd zeitlich nach hinten verschieben.
  • Nur bis zu einer Grashöhe von 15 Zentimetern schneiden.
  • Von innen nach außen mähen, um den Tieren nicht den Fluchtweg "abzuschneiden", denn die fliehen nicht über gemähte Flächen.
  • Die Tiere vor der Mahd vergrämen, zum Beispiel mit Ultraschallgeräten.

Kitz gefunden - und dann?

Die Rehkitze zu orten, ist der erste, wichtige Punkt. Dabei können Technologien sicher helfen, die Suche effizient zu gestalten und dem Landwirt kostbare Zeit zu sparen. Doch dann ist Handarbeit angesagt, um das Rehkitz aus der Gefahrenzone zu bringen. Die Mutter wird ihm nicht zu Hilfe kommen, sie lässt ihr Junges möglichst viel allein, um keine Aufmerksamkeit von Fressfeinden zu erregen. Hier ist der Mensch gefragt. Am besten ruft ein Landwirt den örtlichen Jäger. Denn Anfassen darf man ein Rehkitz auf keinen Fall, zumindest nicht mit der bloßen Hand. Der Menschengeruch wird dazu führen, dass die Rehgeiß es nicht wieder annimmt. Übrigens: Rehe werfen meist zwei Junge. Wo also ein Rehkitz gefunden wurde, ist meist auch ein zweites irgendwo ins Gras gedrückt.


0

Keine Kommentare mehr möglich.

Yasmin, Freitag, 24.Mai, 08:48 Uhr

1. Rehkitz-Schutz

Endlich wird mal was wirkich nützliches entwickelt! Ich finde es einfach nur super!
Verschönt mir den verregneten Tag! Vielen Dank!